In Tagungsreihenfolge sortiert:
Anthropologie – Personalität – Sozialethik (Alexander Filipović, Bamberg)
Die Anthropologie hat in den christlich-sozialethischen Texten vor allem dort ihren Platz, wo es um den Menschen als Person geht. Damit liegt der Christlichen Sozialethik ein Personalitätsprinzip vor, aus dem sich weitere Sozialprinzipien ableiten lassen. Die ohne Zweifel naturrechtliche Heimat christlicher Sozialethik und Soziallehre fördert nicht aus sich heraus eine dynamische Diskussion ihres grundlegenden Prinzips. Das Personprinzip scheint sich im Gegenteil (und vielleicht im Gegensatz zu den anderen heuristischen Prinzipien) dadurch auszuzeichnen, dass es sich inhaltlich nicht verändert. Das Überzeitliche als notwendiges Element christlicher Sozialethik wird in der (theologischen) Anthropologie lokalisiert und im Ausdruck Person auf den Begriff gebracht.
Im Stichwort „Person“ als Sozialprinzip versammelt sich in christlich-sozial¬ethischen Kontexten daher nicht selten dasjenige, was sich durch ruhige Lagerung der sozialethischen Erbmasse die Jahre hindurch abgesetzt hat. Dann markiert der Gebrauch des Begriffs eine mehr oder weniger reflektierte Bezugnahme auf einen letzten Grund oder Bezugsrahmen, der aber nicht selten seltsam unbestimmt bleibt. Die Frage bleibt, wie wir uns zu dieser Erbmasse und in unserem Fall zu diesem Bodensatz verhalten, wenn wir darüber nachdenken, wie wir Gesellschaft christlich gestalten und verantworten wollen und dabei auf den Personbegriff rekurrieren.
Soziologische und philosophische Zugänge
Von Menschen und Personen. Semantische Betrachtungen zu Sozialethik und Soziologie (Jochen Ostheimer, München)
Sozialethik als Ethik der gesellschaftlichen Ordnung reflektiert die gegenüber gesellschaftlichen Institutionen bestehende Gestaltungsverantwortung. Als Maßstab wird zumeist und gemäß der berühmten Formulierung von Gaudium et spes Nr. 25 die menschliche Person angesehen, die Wurzelgrund, Träger und Ziel aller gesellschaftlichen Institutionen sei und sein solle. Doch die Frage ist, wie dieser Maßstab zu konkretisieren ist.
Der Vortrag untersucht die Potenziale, die der soziologisch-systemtheoretische Personbegriff für die Entfaltung der kriteriologischen Funktion des Personprinzips bietet. „Person“ wird dabei als soziale Adresse aufgefasst, deren Funktion darin besteht, Kommunikation zurechenbar zu machen und Verhaltensmöglichkeiten einzuschränken. Für die sozialethische Reflexion ist erstens die Besonderheit des spezifisch modernen „Adressformulars“ zu beachten: Es ist grundsätzlich unabgeschlossen und variantenreich. Zweitens darf der Unterschied zwischen einer soziologischen und einer sozialpolitischen Deutung von Inklusion nicht übergangen werden.
Zur Anthropologie und Ethik sozialer Institutionen aus christlicher Sicht (Dominik Bertrand-Pfaff, Heidelberg)
Aus der Erkenntnis, dass der Mensch ein Mängelwesen sei, folgert Gehlen, dass dieses Wesen versucht, mittels Institutionen seine Instinktunsicherheit zu kompensieren. Der Mensch, so Gehlen, sei eine normalisierte Frühgeburt, was für ihn wiederum die Voraussetzung für die Instinktunsicherheit ist. Wir möchten uns in unserem Beitrag damit beschäftigen, welche Alternativen zu diesem biologistischen Ansatz bestehen, die aus ethischer Perspektive nicht auf einen möglichen naturalistischen Fehlschluss hinauslaufen. Die erkenntnisleitenden Fragen, die uns dabei helfen sollen, hat Metz gestellt, wenn er nach Institutionen fragt, die sich als akkumulierte Erinnerungen verstehen lassen und die einen Erinnerungsvorrat zur Strukturierung diffuser Lebenswelten bereit stellen. Die auf dieser Grundlage zu verhandelnden Ansätze zeichnen sich dadurch aus, dass sie von Denkern vertreten werden, die zugleich einen sozialanthropologisch und ethisch relevanten Anspruch erheben, den sie zum Teil auf die Genese von Institutionen ausdehnen. Dabei werden folgende Vertreter eine Rolle spielen: Cornelius Castoriadis, Ludwig Siep und Axel Honneth, wobei letztere über den Aspekt der Anerkennung zu einer Institutionentheorie führen und führen könnten, wie es sich im Falle Honneths zeigen soll. Entlang dieser Positionen soll ein Ansatz vorgestellt werden, der soziale Institutionen und deren Genese weder im subjektentleerten Raum noch im biologisch verstandenen Menschentier begründet, sondern von einer Konstellation von Voraussetzungen lebt, die Honneth in seiner Phänomenologie der Missachtungserfahrungen und des Kampfes um Anerkennung umreißt und die letztlich nach Castoriadis in der produktiven Einbildungskraft besteht.
Abschied vom Menschen? – Anthropologische Provokationen (und Perspektiven?) in der Philosophie von Michel Foucault (Johannes Frühbauer, Augsburg)
„Den Menschen zu retten, den Menschen im Menschen wiederzuentdecken usw., das ist das Ziel all dieser geschwätzigen, zugleich theoretischen und praktischen Unternehmungen [q.e. Humanismus]. Wir haben heute die Aufgabe, uns endgültig vom Humanismus zu befreien […]“.
Diese markanten antihumanistischen Aussagen Michel Foucaults aus dem Jahre 1966, ergänzt mit seiner Metapher vom „Tod des Menschen“ lassen uns auch noch 40 Jahre nach ihrer Äußerung aufhorchen und fragen, inwiefern sie als programmatisch für eine (negative) Anthropologie Foucaults zu sehen sind. Ein kursorischer Blick in das Œuvre des französischen Denkers lässt schnell entdecken und erkennen, dass Foucault weitere (negierende) Aussagen zum Menschen, zu seinem Wesen und zu seiner Bestimmung formuliert hat, die in dieselbe Richtung wie die provokanten Proklamationen aus dem zitierten Interview weisen und diese Position noch untermauern und explizieren. Der Philosoph Wilhelm Schmid weist die „Distanz zum Begriff des Menschen“ zur „Konstanten des Denkens für Foucault“ aus. Und doch ist zu fragen, ob sich nicht trotz allen „anthropologischen Schlummers“ (H. Schnädelbach) konstruktive, für die ethische Reflexion relevante Perspektiven aus der Anthropologie Foucaults ergeben könnten.
Freiheit, Naturwissenschaft und Ethik – eine Auseinandersetzung mit Geert Keil (Michael Hartlieb, Würzburg/Erfurt)
Jede Rede von Ethik und Moralität der Person wäre sinnlos, nähmen wir nicht die Möglichkeit freier Entscheidung an, welche unser Handeln orientiert. Umgekehrt sind anthropologische Aussagen innerhalb der Ethik ohne eine genaue Bestimmung des Wesens menschlicher Freiheit nicht zu treffen.
Ein Frontalangriff droht dem auf der Tatsächlichkeit der Freiheit aufbauenden Verständnis von Personalität, Sozialität und den damit zusammenhängenden Begründungsstrategien für die Möglichkeit des Ethischen von einigen naturwissenschaftlichen Disziplinen, die als Folge ihrer Forschung die Freiheit nicht aufrechterhalten wollen oder können, weil sich zeige, so das Postulat, dass der Mensch innerhalb determinierter Abläufe existiere.
Geert Keil argumentiert allerdings, dass der von den Naturwissenschaften als axiomatisch gesetzte Determinismus (etwa bei den Naturgesetzen) selbst empirisch unterbestimmt ist und durch seine bestenfalls unklaren Implikationen für die Existenz der Willensfreiheit wiederum selbst ein metaphysisches Konstrukt darstellt. Der Determinismus ist also, sofern man Keil in seiner Analyse folgt, nicht auf physikalischen Tatsachen beruhend, sondern selbst wieder voraussetzungsreicher und daher kritisierbarer Deutungsversuch der Wirklichkeit.
Trifft Keil aber wirklich den Kern des Freiheitsproblems, oder zeigt sich nicht vielmehr an der Debatte das Problem der um die Deutungshoheit konkurrierenden Wissenschaften, über den Menschen eine gemeinsame Sprache zu finden?
Anthropologische Anwendungsfelder
Ein neues Menschenbild? Hirnforschung und pädagogische Anthropologie (Axel Bohmeyer, Berlin)
Die Ergebnisse der Hirnforschung legen angeblich die Schlussfolgerung nahe, dass es kein Ich bzw. Subjekt gibt, sondern dass es sich hierbei um eine neuronal hervorgebrachte Illusion bzw. ein kulturelles Konstrukt handelt. Zudem wird mit der Abschaffung des freien Willens ein starker Determinismus bzw. ein radikaler Reduktionismus vertreten, der in dieser Form bislang unbekannt war. Solche Thesen werden von verschiedenen Hirnforschern – im deutschsprachigen Raum vom Bremer Neurobiologen und vom Frankfurter Hirnforscher Wolf Singer – seit Anfang der 1990er Jahren offensiv vertreten. Sie sind überzeugt, dass unser derzeitiges Menschenbild bzw. menschliches Selbstverständnis und damit unsere soziale Praxis nachhaltig erschüttert werden wird.
Für die Pädagogik scheint die Hirnforschung neue Erkenntnisse bereitzustellen, die die Erziehung und mit ihr die (veraltete) pädagogische Anthropologie tiefgreifend verändern werden. Sehr schnell kursierte die Idee eines „gehirngerechtes Lernen“ bzw. der Umgestaltung der Schule zu einer „gehirngerechten Schule“. Diese Idee wurde nicht nur in populärer Ratgeberliteratur vertreten, auch einige Erziehungswissenschaftler begaben sich mit Reformeifer auf den Weg eines gehirngerechten Lernens und versuchten die Disziplin der Neurodidaktik bzw. Neuropädagogik zu begründen.
Die Herausforderungen der Hirnforschung werden unter der Fragestellung diskutiert werden, wie wir uns uns als Menschen im Erziehungsprozess verstehen wollen und anthropologisch reflektiert auch verstehen können.
Ethische Rationalität und ökonomische Methode. F.A. von Hayeks methodologischer Individualismus und Alan Gewirths „Community of Rights“ (Wolf-Gero Reichert, Frankfurt a. M.)
Joschka Fischer, seinerzeit Außenminister der BRD, behauptete, man könne keine Politik gegen die Finanzmärkte machen. Dieser verbreitete Denkansatz bezieht sich nicht auf die Gesellschaft, sondern auf den Markt als vorgängige Referenzgröße. Ein derartiges Denken, das selbst durch die Weltfinanzkrise nur vorübergehend erschüttert wird, bezeichnet Jürgen Habermas als Kolonisierung der Lebenswelt durch das Wirtschaftssystem. Auch im Wissenschaftsbereich bemühen sich Ökonomen wie Gary Becker darum, die ökonomische Ratio als das beste Analyseprinzip für soziales Verhalten überhaupt auszuweisen. Dementsprechend kann man den sogenannten methodologischen Individualismus inzwischen in den unterschiedlichsten sozialwissenschaftlichen Disziplinen antreffen.
Gesetzt es gäbe einen solchen rationalitätstheoretischen Paradigmenwechsel: Wie können (christliche) Sozialethiker unter diesen Bedingungen argumentieren? Zur Erschließung der tragenden Voraussetzungen wirtschaftsliberalen Denkens wird zunächst die radikal skeptische Sozialphilosophie Friedrich August von Hayeks, des bedeutendsten liberalen Vordenkers unserer Zeit, vorgestellt. Hayeks Blick auf die Genese intersubjektiver Regeln und gesellschaftlicher Ordnungen ist für Sozialethiker in der Regel faszinierend fremd und ungewohnt. Nach der kritischen Analyse ihrer werthaltigen Implikate soll mit Alan Gewirths letztbegründeter „Community of Rights“ eine Möglichkeit diskutiert werden, wie normative Gesellschaftsethik auch dann noch betrieben werden kann, wenn nicht mehr vorausgesetzt werden soll als die von Hayek, Becker et.al. stets geforderte „minimal rationality“.
Sozialethische Konzeptionen
Altruismus als besonderes anthropologisches Spezifikum und heuristischer Rahmen für (theologisch-) ethische Normfindung (Stefan Meyer-Ahlen, Bochum)
Altruistisches Verhalten erweckt auf den ersten Blick den Eindruck eines besonderen anthropologischen Spezifikums. Bei näherer Betrachtung lassen sich jedoch durchaus auch bei Tieren altruistische Verhaltensweisen aufzeigen.
Es trifft aber zu, dass Altruismus und somit ethisches Handeln zum Menschsein per se, also evolutiv, dazugehören. Eine Entfaltung dessen in theologisch-ethischer Perspektive soll einen Schwerpunkt des Vortrags darstellen.
Ein altruistisch-relationaler Zug gehört nach Aussagen der Soziobiologie und Philosophie konstitutiv zum Menschsein dazu. Es ist also nicht erst durch das göttliche Gnadengeschenk – theologisch gesehen – die Möglichkeit zum Altruismus gegeben. Vielmehr wird gerade das deutlich, was aktuelle Theologie ebenfalls ausdrücken würde: Als Geschöpfe sind Menschen von vornherein auf Freiheit und in Beziehungen hinein – und somit auf Altruismus hin – angelegt.
Insbesondere mit Blick auf Nichtchristen zeigt sich hier eine veränderte Perspektive, die einer „christlichen Überheblichkeit“ entgegentritt. Wenn die Haltung des Altruismus nicht mehr „contra naturam“ gesehen werden kann und dann auch die grundsätzliche Befähigung zum Guten kein reines Gnadengeschenk ist, ist damit gesagt, dass Gut- bzw. Moralisch-Sein kein christliches Spezifikum darstellen kann, sondern allen Menschen grundsätzlich zugänglich ist. Für Christinnen und Christen erwächst jedoch aus dem gelebten Glauben ein über den Altruismus hinausgehender Anspruch: die „Verpflichtung“ zur Nächstenliebe.
Anthropologische Erweiterung liberaler Sozialethik? Versuch der Rekonstruktion des Begriffs der ‚existenziellen Zwecke’ bei Johannes Messner (Christian Spieß, Münster)
Die Frage, ob und wie anthropologische Annahmen in eine nach den politisch-philosophischen Standards der Gegenwart entwickelte (christliche) Sozialethik eingebaut werden können, wird nach wie vor kontrovers diskutiert. Der Vortrag geht zunächst von zwei Annahmen aus: Erstens ist eine christliche Sozialethik auf dem Boden des liberalen Paradigmas zu entwickeln, das heißt sie sollte die Trennung von Gerechtigkeit und gutem Leben, den grundsätzlichen Vorrang der Freiheit, die Pluralität von Lebensentwürfen und Weltanschauungen etc. respektieren. Zweitens aber erscheinen zur Lösung einiger wichtiger sozialethischer Probleme Annahmen über wesentliche Aspekte des Menschseins und über die Qualität menschlichen Lebens unverzichtbar.
Einen Versuch, diesen beiden Annahmen im Rahmen einer sozialethischen Systematik gerecht zu werden, hat bereits Johannes Messner (1891-1984) vorgelegt: Sein Werk „Das Naturrecht“ verbindet systematisch Grundannahmen der liberalen politischen Philosophie (bzw. des modernen Vernunftrechts) mit Anliegen der aristotelisch-thomanischen Tradition (bzw. des klassischen Naturrechts). Damit setzt sich Messner einerseits von einer tendenziell „anthropologievergessenen“ formalen politischen Philosophie und andererseits vom damaligen neuscholastisch-thomistischen Mainstream der katholischen Theologie und Sozialethik ab. Bei aller Zeitgebundenheit des Ansatzes von Messner, dürfte er doch weiterführende Hinweise für die skizzierte Fragestellung bieten.
Unterscheidungskünste, oder: Vom Nutzen der Anthropologie für eine Gesellschaftstheorie. Ein protestantischer Vorschlag (Christian Polke, Hamburg)
Ausgehend vom schwierigen Verhältnis zwischen Anthropologie und Sozialphilosophie in der zweiten Hälfte des 20. Jh.s sollen die anthropologischen Grundlagen einer christlichen Gesellschaftstheorie auf dem Boden eines reformatorischen Ethos skizziert werden. Als Kunst der Unterscheidung positioniert sich die Urteilskraft des theologischen Ethikers im Horizont des Rechtfertigungsglaubens als basaler, da soteriologischer Differenz zwischen Gott und Mensch. Auf diese Weise rückt der Gesetzesbegriff ins Zentrum der Erörterungen, weil in ihm theologische Bestimmtheit und gesellschaftliche Kontextualität miteinander verschränkt sind, ohne ineinander aufzugehen. Dabei bleibt für eine evangelische Ethik gültig, dass die Umsetzung ethischer Absichten von der Einsicht menschlicher Individuen am Ort ihres je eigenen Gewissens abhängt. Verantwortung als zentrale Kategorie sozialethischer Urteilsbildung beschreibt von daher den relationalen Selbststand der menschlichen Person zwischen Gott und der Welt. Daraus lässt sich eine Theorie der Gesellschaft konzipieren, welche die Individuen als Handlungsakteure in ihren lebensweltlichen und institutionellen Zusammenhängen verstehen lässt. Anhand der verschiedenen Kontexte der Verantwortung coram deo und coram mundo, im Gegenüber zu Gott, der sozialen und natürlichen Umwelt, den Mitmenschen und sich selbst entsteht eine normative Theorie von Gesellschaft, orientiert am Leitbild der Gerechtigkeit. Indem die rechtfertigungstheologische Ausrichtung zugleich darauf achtet, dass die Grenzen der Verantwortung bewusst bleiben und die Bedeutung des Glaubens als dem „Anderen“ von Verantwortung nicht verschwindet, erweist sich die damit verbundene Hermeneutik des Menschseins „vor Gott“ als Lehre vom gelingenden Leben in der Kunst der Unterscheidung.
Die Menschenrechte als hegemonialer Diskurs und seine sozialethische Relevanz (Oliver Hidalgo, Regensburg)
Die Menschenrechte sind seit geraumer Zeit das sozialethische Konzept schlechthin. Jedoch verdeckt die Unantastbarkeit, die in der westlichen Welt den Rechten nachgesagt wird, welche dem Individuum kraft seines Menschseins zustehen, zuweilen die Probleme, die mit diesem Begriff und seiner wechselvoller Geschichte verbunden sind. Der Vorwurf, dass die Menschenrechte keine Universalität beanspruchen können, sondern lediglich einen partikularen, doppelzüngigen oder womöglich sogar neokolonialistischen Moralstandard reflektieren, ist jedenfalls nicht einfach von der Hand zu weisen.
Einen der interessanten Vorschläge, mit diesem Problem umzugehen, stellt gegenwärtig die im Anschluss an Antonio Gramsci formulierte Hegemonietheorie von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe dar. In ihrer Vermittlung zwischen Universalismus und Partikularismus eruieren Laclau/Mouffe die Voraussetzungen für eine praktische Relevanz von (ethischen) Konzepten, ohne auf ihre normativ-ontologische Gewissheit angewiesen zu sein. Das Universale ist ihrem Ansatz zufolge als Horizont für das Ensemble differenter Positionen in einem nicht herrschaftsfreien Diskurs stets mitzudenken, um den politischen Beziehungstypus der Hegemonie überhaupt herausbilden zu können. Auf diesen Überlegungen aufbauend, will das Paper insbesondere Laclaus Begriff des „leeren Signifikanten“ auf die sozialethische Problematik der Menschenrechte anwenden. Anhand dieser Perspektive sollen sowohl der anthropologischen Fundierung der Menschenrechte als auch ihren sozialethischen Sequenzen neue Facetten abgewonnen werden.

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