„Macht und Ohnmacht“ – Bericht über das 14. Forum Sozialethik in der Kommende, Dortmund (06. bis 08. September 2004) Christoph Hübenthal/Werner Veith Das 14. Forum Sozialethik fand Anfang September 2004 in der Kommende zum Thema „Macht und Ohnmacht. Konzeptionelle und kontextuelle Erkundungen“ statt. Schon der Untertitel der Tagung gibt zu erkennen, dass begriffliche Annäherungen ebenso angestrebt wurden wie es konkrete Manifestationen von Macht und Ohnmacht in unterschiedlichen politischen, gesellschaftlichen und kirchlichen Kontexten zu beleuchten galt. Der explorative Charakter der „Erkundungen“ ergab sich weniger aus einer vorsichtigen oder gar tastenden Herangehensweise der Einzelbeiträge, sondern eher aus der Vielschichtigkeit des Themas: Jeder Anspruch auf eine vollständige Behandlung hätte die Tagungskonzeption fragwürdig erscheinen lassen. Aber vielleicht gerade wegen dieser (nicht nur freiwillig) geübten Bescheidenheit konnten sich unter den zwanzig Teilnehmerinnen und Teilnehmern anspruchsvolle Debatten entspinnen, die auch über die einzelnen Beiträge hinaus zu einer allmählichen Klärung und Präzisierung der Themenstellung beitrugen.
Eingeleitet wurde die Tagung durch ein Statement von Werner Veith (München), der die naturale und soziale Gefährdungsstruktur der Welt in Erinnerung rief und auf die Verletzungsoffenheit, aber auch auf die Verletzungsmacht des Menschen aufmerksam machte. Diese anthropologische Grundsituation ist jedoch einer ethischen Reflexion zu unterziehen, um Macht und Gewalt mittels normativer Regelungen zu domestizieren und damit die Menschenwürde zu schützen. Der erste inhaltliche Teil widmete sich verschiedenen konzeptionellen Klärungsversuchen, die Christof Mandry (Berlin) mit einem phänomeno¬logischen Zugang eröffnete. Dabei wurde Macht als reflexive Aneignung eines ursprünglichen Handeln-Könnens bestimmt, das fremde Handlungsmöglichkeiten zwar einzuschränken vermag, aber nicht zwangsläufig als Gewalt gegenüber anderen aufzufassen ist. Nach Mandry drängt sich eine konflikthafte Interpretation der Macht erst dann auf, wenn die soziale Dimension dem eigenen Handeln-Können nachgeordnet wird. Vielfältige Ohnmachtserfahrungen zeigen jedoch, dass das ungeheuere Gewaltpotenzial damit nicht aus der Welt zu drängen ist und verweisen, gleichsam ex negativo, auf den Wert der Freiheit. Freiheit als Möglichkeit des Handeln-Könnens bedarf nach Mandry einer selbst auferlegten Rechtsbindung, die jedwede Gewaltneigung wirksam einzudämmen sucht, hinsichtlich der Verteilung von Rechten jedoch einer eigenen Diskussion zu unterziehen ist. Einen weiteren Aspekt für die Deutung von Machtphänomenen erörterte Stefan Kurzke-Maasmeier (Berlin), der eine fehlende Rezeption extremer Traumatisierungserfahrungen und damit die Perpetuierung herrschender Macht- und Mehrheitsverhältnisse konstatiert. An diesem Angriff auf die Identität und Integrität des Opfers ist nach Kurzke-Maasmeier auch eine stringent logisch begründete Ethik beteiligt, wenn sie weder die Intensität von Gewalterfahrungen zu vermitteln vermag noch in der Lage ist, Wege aufzuzeigen, wie mit derlei Erfahrungen therapeutisch umzugehen sei. Aus diesem Grund optiert er für eine Ethik des hermeneutisch-narrativen Sinnverstehens, die einerseits bis in die tiefsten Schichten des Traumas hinabreicht, andererseits aber auch als Erkenntnisquelle für eine neue ethische Theoriebildung fungieren kann.
Im zweiten Teil der Tagung ging es um die politische Kontextualisierung der Machtphänomene. Hier erörterte Michael Reder (München) zunächst die Frage, mit welchem Konzept die Vernetzungen einer globalisierten Welt adäquat erfasst werden können und wie sich ein der Weltgesellschaft angemessenes Machtverständnis entwickeln lässt. Zu diesem Zweck richtete er sein Augenmerk auf die „Global-Governance-Debatte“ und stellte einige der prominentesten Positionen vor. Diese gehen allesamt davon aus, dass eine wachsende Anzahl von Akteuren vielfältige, heterogene und polyzentrische Handlungsstrukturen ausbildet, die ihrerseits nach mehrdimensionalen Steuerungsmechanismen verlangen. Auf der Basis eines solchen Machtverständnisses lassen sich nach Reder die Möglichkeiten struktureller Mechanismen ausloten, die auf einen globalen Zivilisationsprozess zielen. Anschließend befasste sich Johannes Frühbauer (Augsburg) mit der weltpolitischen Rolle der USA und ging dabei sowohl auf die historischen Hintergründe als auch auf die moralischen Quellen des US-amerikanischen Machtstrebens ein. Er legte dar, dass dieses Streben nicht nur durch handfeste ökonomische Interessen fundiert ist, sondern zudem von einem Sendungsbewusstsein getragen wird, das Werten wie Demokratie und Menschenrechten universale Geltung verschaffen will. Abschließend machte Frühbauer allerdings auch auf die sicherheitspolitischen und legitimatorischen Grenzen dieses Machtstrebens aufmerksam. Unter dem Titel „Die Macht des Staates gegen die Ohnmacht der Rechtlosen“ ging Markus Babo (Luzern) auf die deutsche Migrationspolitik ein, die seit 1997 zunehmend auf die Verhinderung von Einwanderung und die Abschottung des Staatsgebiets ziele. Zum Beleg für diese These wurde wies er auf zwei von ihm so genannten „Sackgassen“ hin, die in der erschwerten Aufnahme und Anerkennung von Flüchtlingen sowie in der konsequenten Abschiebung nicht anerkannter Asylbewerber auszumachen seien. Demgegenüber plädierte Babo für eine angemessene Berücksichtigung der Rechte von Betroffenen und gab zu bedenken, dass Abschiebehaft nur die ultima ratio in einem entsprechenden Verfahren sein könne und dass überdies die Möglichkeiten einer freiwilligen – unter Umständen durch humanitäre Hilfsorganisationen begleiteten – Rückkehr immer noch nicht hinreichend ausgelotet seien. Eike Bohlken (Weingarten) befasste sich im letzten Vortrag dieses Teils mit der „Macht der Eliten“ und ging der Frage nach, inwiefern moderne Demokratien auf Eliten angewiesen sind und welche Gefährdungen von ihrer Macht möglicherweise für die Gesellschaft ausgehen. Nach definitorischen Klärungen und der Diskussion kritischer Einwände gelangte Bohlken zu dem Ergebnis, dass Eliten ein unverzichtbares Element in der Sozialstruktur des gerechten Staates darstellen. Sie können Funktionen einer repräsentativen Sittlichkeit übernehmen, die etwa in einer besonderen Verantwortlichkeit für das Gemeinwohl zum Ausdruck kommt. Gleichwohl bedürfen Eliten einer effektiven Selbst- und Fremdkontrolle, damit die feste Verankerung in der demokratischen Ordnung des Staates gewährleistet bleibt.
Im Folgenden wurden die „kontextuellen Erkundungen“ in kirchlichen und gesellschaftlichen Bereichen fortgesetzt. Klaus Oostenryck (München) analysierte zunächst die Machtstrukturen in kirchlichen Dienstverhältnissen und zeigte auf, wie das kirchliche Arbeitsrecht in der katholischen Kirche in Deutschland von Dienstgeber und Dienstnehmer gemeinsam geregelt wird („Dritter Weg“). Dieses an sich demokratische Modell scheint insofern mit Schwierigkeiten behaftet, als es in einer hierarchischen Institution wie der Kirche zur Anwendung kommt. Aus diesem Grund ist der theologische Begriff der „Dienstgemeinschaft“ der Gefahr ausgesetzt, zu einem Vorwand für die Beschneidung von Arbeitnehmerrechten zu werden. Ein weiteres Problem ergibt sich nach Oostenryck aus dem ökonomischen Druck, der von außen auf die Dienstgemeinschaft ausgeübt wird und zu teilweise recht eingreifenden Umstrukturierungen führen kann. Diesen Entwicklungen steht die Kirche offensichtlich weitgehend machtlos gegenüber. Anschließend wurde das „Projekt nachhaltige Bank“, dem sich die Bank für Kirche und Caritas seit einiger Zeit widmet, von Helge Wulsdorf (Paderborn) vorgestellt. Auch wenn die Marktanteile nachhaltiger Investmentfonds im Moment noch bescheiden sind, ist für diese Form der Geldanlage in den letzten Jahren doch ein überproportional steigendes Interesse auszumachen. Im Gegensatz zu anderen Bankhäusern, die die steigende Nachfrage nach nachhaltigen Geldanlagen lediglich durch die Entwicklung neuer Produkte zu befriedigen suchen, geht es der Bank für Kirche und Caritas auch darum, die eigene Geldanlagepolitik ethisch reflektierten Nachhaltigkeitsfiltern zu unterziehen. Wulsdorf stellte unterschiedliche Filterparameter vor und skizzierte normative Kriterien, die der Ausgestaltung von Nachhaltigkeitsfiltern dienen. Karin Petter (Graz) ging in ihrem Vortrag der Frage nach, ob Leiblichkeit ein Machtinstrument im Wellness-Diskurs sein kann. Der positiven Besetzung subjektiven Wohlerlebens lasse sich entgegenhalten, dass der sozio-kulturelle Hintergrund der Wellness-Bewegung durch eine disziplinierende Perfektionsideologie gebildet wird. Diese beachtet nicht nur das selbst erlebte Wohlbefinden, sondern propagiert auch die Steigerung körperlicher Fitness und die Förderung einer positiven Arbeitseinstellung. Aus diesem Grund plädierte Petter für eine Art ethischer Reflexion, die die hinter dem Verwöhnimperativ stehende Machtmatrix transparent macht und der strebensethischen Zielsetzung nach einem authentischen und mit sich selbst identischen Leben dienlich ist. Im letzten Vortrag der Tagung widmete sich Claus Jensen (Tübingen) Problemen der Technikfolgenabschätzung, und zwar vorrangig im Bereich biotechnischer Innovationen. Auch hier bestehen strukturelle Macht- und Ohnmachtverhältnisse, sofern der Kreis der von einer technologischen Innovation Betroffen in der Regel größer ist als die Gruppe derjenigen, die über die entsprechende gesellschaftliche Einführung und Anwendung zu entscheiden haben. Einen ethisch angemessenen Umgang mit diesen Problemen sieht Jensen in einer als zyklischem Bewertungsprozess angelegten Verantwortbarkeitsanalyse. Hierbei handelt es sich um einen partizipativen Diskurs, an welchem neben Experten, Politikern und Interessenvertretern auch die Betroffenen selbst beteiligt sein sollen.
Obgleich die Tagung nicht den Anspruch erheben konnte, die Macht-Ohnmacht-Thematik umfassend zu erörtern, wurden doch zentrale Aspekte zur Sprache gebracht und in den Diskussionen weiter vertieft. Allen Referierenden gebührt daher herzlicher Dank für ihre Beiträge. Die überarbeiteten Vorträge werden in einem Tagungsband nachzulesen sein, der voraussichtlich im Herbst 2005 im Aschendorff-Verlag (Münster) unter dem Titel der Tagung erscheinen soll. Das nächste Forum Sozialethik wird die gegen¬wärtige Diskussion über die Reform des Sozialstaates aufgreifen und findet vom 12. bis 14. September 2005 ebenfalls in der Kommende in Dortmund statt.
Christoph Hübenthal, Dr. theol., ist Universitätsdozent für theologische Ethik an der theologischen Fakultät der Radboud Universiteit Nijmegen (Niederlande).
Werner Veith, Dipl. theol., M.A. phil., ist wiss. Assistent am Lehrstuhl für Christliche Sozialethik der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München.

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