Forum Sozialethik 2003

›Retheologisierung‹ der Christlichen Sozialethik?
Bericht vom Forum Sozialethik 2003

Teilt die Christliche Sozialethik das Schicksal des »Häßlichen Entleins« aus dem gleichnamigen Märchen von Hans Christian Andersen? Kurz gesagt: Sie wäre ja so gerne…, doch keiner will, keiner duldet sie? Mit Bildern und Vergleichen ist das immer so eine Sache. Dennoch wurde das »Häßliche Entlein« auf dem 13. Forum Sozialethik zu einem geflügelten Wort und immer wieder zitierten Bild. Dieses konnte demnach im vorgegebenen thematischen Rahmen also nicht ganz unpassend sein: Die Christliche Sozialethik auf der Suche nach ihrer Identität, nach ihrem Profil und vielleicht auch nach ihrer zukünftigen Gestalt.

Die Tagung vom 8.-10. September 2003 in der Dortmunder Kommende stand daher unter dem sehr offen formulierten Thema: »Grundlagen und Profil der Christlichen Sozialethik und die Sozialethik kirchlichen Lebens« . Im Tagungstitel spiegelt sich die grundsätzliche Herausforderung wider, dass die Christliche Sozialethik (CSE) als eine vergleichsweise junge theologische Disziplin vor dem Problem der theoretischen Fundierung des eigenen Fachs und der Ausarbeitung und Bewahrung eines eigenen Profils steht. Mithin eine Herausforderung, die nicht nur ad intra, also bezüglich der anderen theologischen Fächer, sondern sondern gerade auch ad extra, das heißt gegenüber anderen wissenschaftlichen Disziplinen besteht – wie auch gegenüber dem gesellschaftlichen Diskurs zu sozialethisch relevanten Fragen; einem Diskurs, wie er sich in jüngster Zeit in Ethik- und Enquêtekommissionen verdichtet formiert hat. Mit Blick auf derartige gesellschaftliche und interdisziplinäre Diskurse muss die CSE genau wie alle anderen wissenschaftlichen Fächer, die sich mit normativen Fragen beschäftigen, Rechenschaft darüber geben, wie ihre Argumentations- und Begründungsfiguren sozialethischer Normierung aussehen. In Auseinandersetzung mit dieser Herausforderung stellen sich folgende zentrale Fragen: Wie kann eine argumentative und methodologische Verknüpfung theologischer, sozialphilosophischer und gesellschaftsanalytischer Positionen gelingen, ohne dass die CSE an eigenem Profil verliert? Wie und woher gewinnt die CSE überhaupt ihr spezifisches Profil? Und: Neben den Begründungsfragen einer normativen Ethik stellen sich auch stets die Anwendungsfragen: Wie können die moralisch gerechtfertigten Normen auch gesellschaftlich bzw. institutionell implementiert werden?

Hier findet sich dann auch die Nahtstelle zur zweiten Fragerichtung, wie sie im Tagungstitel anklingt und wie sie sich für die CSE als besondere Herausforderung stellt: Genügt die katholische Kirche als Institution ihrem theologischen Selbstverständnis und den ethischen Ansprüchen, welche die CSE normativ herausarbeitet und institutionenadressiert einfordert? Anders gesagt: Bei der Frage nach der Implementierung begründeter sozialethischer Normen muss man also nicht erst über den kirchlichen Rahmen hinausgehen, sondern sie bereits binnenkirchlich thematisieren. Mit diesen Überlegungen war der Fragehorizont aufgerissen vor dem sich die sozialethische Runde in Dortmund zusammengefunden hatte.

Angesichts des grundsätzlichen Charakters der Fragestellung und der damit weit gefaßten Problematisierung ergaben sich als Antwortversuche ganz unterschiedliche Ansätze und Akzente in den referierten Entwürfen, die teilweise zugleich Fenster in die Denkateliers der Teilnehmenden mit ihren jeweiligen Arbeits- und Forschungsschwerpunkten waren. Als eine Brücke in den Tagungsdiskurs (Johannes J. Frühbauer/Augsburg) dienten – kurzgefaßt und ergänzt – die Thesen von Karl Gabriel zur aktuellen Herausforderung der CSE, wie dieser sie im Vorwort des JCSW 43 (2002) skizziert hat. Besonderes Gewicht kommt hierbei der Anerkennung der eigenen Partikularität, der Überwindung der Trennung zwischen Gerechtem und Guten, der Akzentuierung der Ad-intra-Perspektive sowie der Relativierung individueller Themenpräferenzen zugunsten von sozialen Gestaltungsprozessen zu.

Entsprechend zur thematischen Zweiteilung des Tagungstitels ergaben sich mit Grundlagenfragen einerseits und Sozialethik der Kirche andererseits auch für den Verlauf des Forums zwei Blöcke. Bei den Grundlagenfragen stieß man immer wieder auf Schlüsselbegriffe der Sozialethik wie sie zumeist aus dem Erbe der Soziallehre überliefert sind. Als Desiderat zeichnete sich hier eine präzise begriffliche Abgrenzung und Zuordnung von Gerechtigkeit und Solidarität ab. Beides waren wiederkehrende Referenzbegriffe des Forums. Und während sich in der drängenden Frage der intergenerationellen Gerechtigkeit (Werner Veith/München) der Blick nach vorne in die Zukunft richtete, war das step-by-step entwickelte Postulat einer › Memoria passionis‹ (Dominik Bertrand-Pfaff/Münster) auf die Vergangenheit bezogen. Eine spezifische Form generationenübergreifender Solidarität läßt sich für die Kirche als Gemeinschaft durch die Zeiten hindurch aufgrund ihrer besonderen Tradierungs- und Zeugnisfähigkeit gewinnen und etwa beispielhaft für das Nachhaltigkeitspostulat gesamtgesellschaftlich fruchtbar machen (Rupert Scheule/Augsburg).

Mit Blick auf gegenwartsbezogene moralische Diskurse stellt sich die Frage nach dem Wandel von der Diskursethik hin zu einer Grammatik der Anerkennung (Axel Bohmeyer/Frankfurt a.M.). Dass es an Kant kein Vorbeikommen gibt, prägt nicht nur die Moralphilosophie der Gegenwart, sondern auch die Grundlagenreflexion der CSE. Dies wurde insbesondere deutlich beim Versuch, die Grundlegungsfrage auf eine Ethik der Autonomie (Christoph Hübenthal/Nijmegen) hin zu fokussieren wie auch bei der Fundierung des Würdebegriffs in der virulenten Debatte um die Menschenwürde (Heike Baranzke/Tübingen). Eine theologische Hermeneutik der › Zeichen der Zeit‹ als Komponente in der Profilbildung wurde einerseits im Rekurs auf die Inkarnationstheologie Marie-Dominique Chenus herausgearbeitet (Ansgar Kreutzer/Linz), andererseits in ihrer Relevanz für die prophetische Qualifizierung durch die Kritik des Bestehenden, Realisierung von Compassion und der Fähigkeit zum Perspektivwechsel verdeutlicht (Hartmut Köß/Bonn). Schließlich wurde der zurückhaltende Umgang der Kirche sowohl mit Blick auf die Durchführung als auch auf die (selbstbezogene) Umsetzung der Ergebnisse von Dialog- und Konsultationsprozessen – illustrierbar am » Gemeinsamen Sozialwort« (1997) oder dem » Sexualitätsbrief« (1999) – als » Hörbares Schweigen« interpretiert (Axel Bernd Kunze/Bamberg). Dass die Kirche auf dem politischen Parkett jedoch alles andere als schweigt und unmißverständlich advokatorisch Stellung zu beziehen weiß, wurde greifbar im Praxisbericht von Prälat Dr. Karl Jüsten, den die Runde vom Berliner Katholischen Büro zu sich eingeladen hatte.

Mit diesen Blitzlichtern sind die Themen des Forums in aller Kürze beleuchtet. Da es nicht Aufgabe des Forums war und sein konnte, umfassend und womöglich definitiv die Profilfrage zu beantworten, wird man gespannt sein dürfen, wie sich die Auseinandersetzung mit dieser für die CSE fundamentalen Herausforderung in nächster Zeit entwickeln wird. Ein erstes Zwischenergebnis wird hier zunächst der diskursiv gewonnene Ertrag des Forums sein: Dieser wird in einem Tagungsband dokumentiert werden, der bis zum Spätsommer 2004 vorliegen dürfte und von Axel Bohmeyer und Johannes J. Frühbauer herausgegeben wird. Wenngleich die vorgesehenen Beiträge im Anschluss an die Tagungsreferate ausgestaltet werden, wird es zur Programmatik des Bandes gehören, Desiderate des Forums aufzunehmen. Und das heisst konkret: sozialethische Grundbegriffe für den Diskurs schärfer zu konturieren, das Spannungsfeld zwischen Theologie und Philosophie deutlicher herauszustellen, die Kombination von Auftrag und Erbe, wie dies sich aus der Verortung in Theologie und Kirche ergibt in den Neuansätzen zu explizieren sowie die Kirche selbst unnachgiebig als Objekt sozialethischer Normierung zu thematisieren.

Welche Bilanz läßt sich aber vorab schon zum jetzigen Zeitpunkt ziehen? Deutlich geworden ist, dass die Aufgabe der Profilsuche eine bleibende Herausforderung der CSE ist. Ohne dass sich bereit in aller Schärfe bereits die Konturen des Profils abzeichnen, so war zumindest auf dem Forum Sozialethik ein Trend erkennbar: Mehr als zehn Jahre nach dem mutigen Versuch, die CSE – mit dem Paradigmenwechsel vom Naturrecht hin zu modern-zeitgenössischen Ethikansätzen – jenseits der (traditionellen) Katholischen Soziallehre zu positionieren, wird diese Linie zwar zweifelsohne fortgeführt, aber es ist zugleich erkennbar, dass sich stärkere theologale Konturen als neue Strömung in der Profilbildung abzeichnen. Aus diesem Trend läßt sich ablesen, dass die Frage nach dem Proprium Christianum im Profil der CSE eine größere Aufmerksamkeit als in der jüngeren Vergangenheit beigemessen wird. Zu diesem Trend gehört auch die Gewißheit, dass der locus theologicus als identitätsstiftender Reflexionskontext der CSE unaufgebbar bleibt. Manche Akzente des Forums lassen vermuten, dass dieser in naher Zukunft wieder größeres Gewicht bekommen könnte.

Johannes J. Frühbauer & Axel Bohmeyer