Tag Archive for 'Pragmatismus'

Tagungsbericht: „Der philosophische Pragmatismus in der Bewährung“

(von Ana Honnacker)

Am 3. und 4. Juni 2016 lud das Rottendorf-Projekt an der Hochschule für Philosophie München zu seinem jährlich stattfindenden Symposion ein. Ziel der Veranstaltung unter Leitung von Prof. Dr. Alexander Filipović war es, die philosophische Tradition des Pragmatismus auf dessen Potentiale für die Bearbeitung „gesellschaftliche[r] Konflikte zu Beginn des 21. Jahrhunderts“ (so der Untertitel der Konferenz) hin zu befragen.

Dabei wurde ein weiter thematischer wie disziplinärer Bogen geschlagen, der die Bandbreite der möglichen Anknüpfungspunkte pragmatistischen Denkens aufzeigte, diese zugleich aber immer auch wieder auf ihr Gemeinsames zusammenführte. Dieser rote Faden wurde gelegt mit dem Vortrag von Prof. Andrea Esser (Philosophie, Universität Jena), der, v.a. ausgehend von C.S. Peirce, die grundlegende Denkdynamik des philosophischen Pragmatismus nachzeichnete. Esser stellte insbesondere das kritische Potential, das aus der Hinwendung zum Primat der Praxis entsteht, in den Vordergrund. Die pragmatistische Einsicht in die Fallibilität von Zeichenzusammenhängen und (Selbst-)Deutungen transformiere die Suche nach Wahrheit in eine gemeinsame Bemühung um gesicherte Überzeugungen, ein genuin öffentliches Wissen, das in produktiven Forschungszusammenhängen erreicht und immer wieder neu geprüft wird.

Dr. Mara-Daria Cojocaru (Philosophie, Hochschule für Philosophie München) nahm in ihrem Vortrag die Frage nach den Idealen im Pragmatismus auf. Das formale Ideal des Wachstums, sei es als Zunahme konkreter Vernünftigkeit (Peirce) oder von Selbstverwirklichung (Dewey), führe zur globalen Solidarität. Das „Prinzip gelebten Zweifels“ diene dabei als affektiver Antrieb. Ob allerdings mit Rorty die (Sprach-)Gemeinschaft gegenüber der Erkenntnis Vorrang habe, oder – mit Peirce – umgekehrt, und mit welchem Zugang die Hoffnung auf globale Solidarität stärker zu untermauern sei, bliebe noch zu diskutieren.

Eine deutlich kritische Perspektive auf das Konzept des homo oeconomicus brachte Dr. Andreas Gösele SJ (Sozialethik, Hochschule für Philosophie München) ein. Mit Dewey zeigte Gösele, das diese anthropologische Annahme, gleichwohl weit über die Wirtschaftswissenschaften hinaus wirksam, einem pragmatistischen „Realitätscheck“ nicht standhalten kann. Allein der Theorieansatz, aus einem fixierten und vermeintlich „natürlichen“ Menschenbild allgemeingültige Gesetze über menschliches Handeln abzuleiten, könne als verfehlt betrachtet werden. Dem entgegenzusetzen und zu entwickeln sei vielmehr das alternative Bild des homo democraticus.

Der Vortrag von Prof. Dr. Michael Reder (Philosophie, Hochschule für Philosophie München) brachte die Traditionen des Pragmatismus und des Poststrukturalismus zusammen, um eine angemessene Demokratietheorie zu entwerfen. Dabei hob er zunächst auf die Verkürzungen des prägenden Paradigmas des politischen Liberalismus ab: die Setzung des Sozialen als sekundär gegenüber den als frei aufgefassten Subjekten und die Fokussierung auf Recht und Gerechtigkeitsprinzipien, die auf rein deliberative Verfahren setzen. Unter Rückgriff auf den Pragmatismus könne das Wechselverhältnis von Individuum und Gesellschaft besser gefasst werden und Deliberation um die Komponente der reflexiven Verarbeitung von (disruptiven) Erfahrungen erweitert werden. Jedoch habe, so Reder, auch dieser Ansatz einen blinden Fleck. Der Pragmatismus übersehe nämlich die aporetische Struktur von Demokratie und sei nicht in der Lage, die Vermachtung des Sozialen zu erfassen. Reder plädierte dafür, dass diese Mängel durch eine alternative Heuristik sichtbar gemacht werden müssten, etwa durch Bezug auf Butler oder Foucault.

Dr. Benjamin Herborth (International Relations, University of Gronigen) stellte eine Kritik staatszentrierten Denkens im Anschluss an den „radikalen Demokraten“ Dewey vor, und forderte, vor dem Hintergrund der Globalisierungsdebatte über den Staat hinaus und damit in einem grundlegend anderen begrifflichen Rahmen zu denken. Herborth identifizierte den Begriff des Staates als regelrechte Denkblockade mit quasi-transzendentalem Status, der mit seiner absolutistischen Logik selbst bis in aktuelle transnationale Überlegungen hineinreiche. Als „schlechte Abstraktion“ verstelle er unsere Visionen für politische Lösungen in einer globalisierten Welt.

Auf seine Implikationen für die philosophische Ethik hin befragte Prof. Dr. Dr. h.c. Julian Nida-Rümelin (Philosophie, Universität München) den Pragmatismus. Dieser könne vor allem als ein Kontrapunkt zu rationalistischen Ethiken fungieren, die Gefahr liefen, die Quellen der Normativität versiegen zu lassen, indem sie sich rein auf logische Prinzipien beriefen. Moralische Überzeugungen ließen sich jedoch nicht strikt deduktiv-abstrakt gewinnen, sondern seien stets in lebensweltliche Kontexte eingebettet. Keineswegs sei damit jedoch einem Relativismus das Wort geredet, vielmehr diene das in der Praxis angelegte Ideal der inkludierenden Kohärenz zugleich als Kriterium der Beurteilung moralischer Situationen und als Antrieb zu moralischer Entwicklung.

Für ein Zusammendenken der beiden Wurzeln pragmatistischer Religionstheorie sprach sich schließlich Prof. Dr. Dr. h.c. Hans Joas (Religionssoziologie, HU Berlin) aus: die empirische Religionspsychologie von William James mit ihrem Abheben auf individuelle Erfahrung auf der einen Seite, Peirces Semiotik auf der anderen Seite. In Josiah Royces Ansatz sei zwar eine Theorie der Interpretation religiöser Erfahrung vorgelegt worden, die die hermeneutische Lücke zwischen der Erfahrung des Subjekts und der sozial-institutionell vermittelten Deutung zu schließen versuche. Jedoch, so Joas, habe Royce wiederum eine allzu versöhnliche Teleologie eingeführt, die den Sinn für das Tragische, die echten Verluste und Verlustträger der Geschichte, den zumindest James aufweist, verliere. Es gelte, aus den Quellen des Pragmatismus eine Religionstheorie zu schöpfen, die der prekären Situation des Menschen Rechnung trage.

Der Tagung ist es gelungen, den Pragmatismus und dessen Potentiale sowohl für Forschende anderer Denktraditionen zu erschließen und ihn als relevante und produktive Haltung vorzustellen, als auch den „innerpragmatistischen“ Diskurs zu vertiefen und weiter aufzufächern. Die zum Teil lebhaft geführten Diskussionen im Anschluss an die Vorträge und bis in die Pausen hinein können als Zeichen dafür gelesen werden, dass nicht nur die in Deutschlang lange zögerliche Rezeption des Pragmatismus noch weiter vorangetrieben werden muss, sondern auch der Selbstverständigungsprozess darüber, wie sich der Pragmatismus verortet und wohin er führt, noch am (verheißungsvollen) Anfang stehen.

Zum detaillierten Tagungsprogramm

Ana Honnacker, Dr. phil., wiss. Assistentin am Forschungsinstitut für Philosophie Hannover

Ethik und Gesellschaft 1/2015 – Pragmatismus und Sozialethik

Die neueste Ausgabe der ökumenischen Online-Zeitschrift Ethik und Gesellschaft dreht sich um das Thema “Pragmatismus und Sozialethik”.

Sowohl in der praktischen Philosophie als auch in den normativ ausgerichteten Sozialwissenschaften und in der theologischen Sozialethik ist seit Jahren eine verstärkte Bezugnahme auf den klassischen amerikanischen Pragmatismus – und seine neopragmatistischen Weiterentwicklungen – zu beobachten.

Obwohl es sich beim Pragmatismus um ein heterogenes Phänomen handelt, lassen sich doch einige zentrale Motive der aktuellen Pragmatismus-Rezeption identifizieren, die in diesem Heft aufgegriffen, profiliert und für die Sozialethik fruchtbar gemacht werden sollen. Dabei geht es nicht nur um den Primat des Sozialen vor dem Individuellen, sondern auch um das Problem der Handlungsfreiheit und die Fragen nach der Begründungsfähigkeit und dem Geltungsanspruch moralischer Überzeugungen.  Nicht zuletzt geht es dabei auch um die Frage, wie sich pragmatistische Motive und Einsichten für die Profilierung heutiger Entwürfe und Diskurse einer Wirtschafts- und Sozialethik fruchtbar machen lassen.

Die Aufsätze der aktuellen Ausgabe finden sich hier.

Tagung: Pragmatismus und/oder Theorie sozialer Praktiken?

Das Erfurter Max-Weber-Kolleg veranstaltet am 24./25. Mai eine Tagung zu “Pragmatismus und/oder Theorie sozialer Praktiken? Potentiale einer Theoriedifferenz”.

(Sozial)ethische Theorien und Überlegungen sehen sich häufig dem Vorwurf ausgesetzt, zu sehr von der Annahme eines rationalen Handlungsakteurs auszugehen. In Bereich der Soziologie wird dieser Problematik u.a. mit der Diskussion um “soziale Praktiken” begegnet.

Sie rückt das Moment des nichtreflektierten Handelns in den Vordergrund; die Körperlichkeit des Handelns; die Rolle der Dingwelt in Prozessen sozialer Ordnungsbildung. Damit zielt sie darauf, die handelnden ‚Subjekte‘ ihrerseits als soziale Produkte zu begreifen.

Die Tagung will diese Konzeption nun mit pragmatischen Denktraditionen zusammenbringen und fragen:

Welche Potentiale und welche Grenzen der pragmatistischen Perspektive zeigen sich, wenn man sie mit der Debatte über ‚soziale Praktiken‘ konfrontiert? Bieten diese Perspektiven Konzepte an, die einander ergänzen und sich verbinden lassen? Gibt es bereits Ansätze einer geglückten Verbindung? Wo handelt es sich um unvereinbare Theorieoptionen, deren Kenntnis aber zur Schärfung der Konzepte und zur Klärung der möglichen Theoriestrategien beiträgt?
Der Flyer der Tagung mit Programm und Anmeldungsmöglichkeiten findet sich hier.

 

Tagung: Pragmatism and the theory of religion

Das Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien in Erfurt veranstaltet vom 16. – 18. 02.2012 eine Tagung mit dem Titel “Pragmatism and the theory of religion”.

Die Philosphie des Pragmatismus […] entstand um 1870 nicht aus Säkularisierungsmotiven, sondern aus der Frage heraus, wie nach der Erschütterung traditioneller Gewissheiten durch Erkenntnisse der Experimentellen Psychologie, der religionsgeschichtlichen Forschung und des Darwinismus eine neue  Begründung für einen modernitätsfähigen religiösen Glauben geleistet werden könne. Die geplante Tagung widmet sich dem Religionsdenken der Hauptvertreter des amerikanischen Pragmatismus.

Nähere Informationen sowie das Programm der Tagung finden sich hier.