Das Gymnasium steht bildungspolitisch immer stärker unter Druck, wie die koaltionspolitischen Entwicklungen an der Saar aktuell einmal mehr zeigen. Eine unkritische Sicht auf das skandinavische Bildungssystem oder eine einseitige Rezeption der PISA-Studien haben in der aktuellen Bildungsdebatte inzwischen deutliche Spuren hinterlassen.
In dieser Situation startet eine neue Publikationsreihe, die den wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Dialog über diese tradtionsreiche und erfolreiche Schulform vertiefen will: “Gymnasium - Bildung - Gesellschaft“. Die Reihe wird in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Philologenverband (DPhV) herausgegeben von Susanne Lin-Klitzing, Schulpädagogin in Marburg a. d. L., David Di Fuccia, Fachdidaktiker sowie Wissenschaftlicher Angestellter an der Technischen Universität Dortmund, und Gerhard Müller-Frerich, Schulleiter eines Gymnasiums in Nordrhein-Westfalen. Die Reihe dokumentiert die jährlichen Sitzungen des Wissenschaftlichen Beirats des Verbandes.
Der Auftaktband beschäftigt sich unter den Stichworten “Fördern und Fordern” mit schulischer Begabungsförderung. Heinz-Peter Meidinger, Bundesvorsitzender des Deutschen Philologenverbandes, umschreibt diese Aufgabe folgendermaßen: “Nicht die Reduktion auf die PISA-taugliche, weil dort getestete Kompetenzbereiche ist gefragt, auch nicht die Verengung auf eine Förderung, die einseitig an verwertbaren, wirtschaftlichen Standortfaktoren orientiert ist, sondern die konsequente Ausrichtung auf die breite Palette vielfältigster Begabungsprofile, welche leistungsbereite junge Menschen an unseren Gymnasien mitbringen und die häufig erst entdeckt und bewusst gemacht werden müssen” (S. 161).
Für eine Schwächung, Kürzung oder Abschaffung des Gymnasiums, der bildungspolitisch wie bildungsethisch gegenwärtig viele das Wort reden, spricht dies nicht - im Gegenteil. Das Gymnasium bleibt unverzichtbar, wenn das Bildungswesen vielfältigen Begabungen gerecht werden will. Optimale Begabungsförderung verlangt nicht nach schulstrukturellen Einheitslösungen, sondern nach einem pluralen und durchlässigen Bildungssystem, das die pädagogische Wahlfreiheit der Lernenden und ihrer Eltern achtet.
Die PISA-Studien üben gegenwärtig eine gewaltige Anziehungskraft aus. Doch aus diesen allzu voreilig einfache Schlussfolgerungen abzuleiten, wird einer verantwortlichen sozialethischen Urteilsbildung nicht gerecht. Eine Bildungsethik, welche die aktuelle Schulstrukturdebatte ausgewogen und in ihrer ganzen Breite wahrnehmen will, wird an der neuen Reihe nicht vorbeigehen dürfen.
Susanne Lin-Klitzing, David Di Fuccia, Gerhard Müller-Frerich (Hgg.): Begabte in der Schule - Fördern und Fordern. Beiträge aus neurobiologischer, pädagogischer und psychologischer Sicht (Gymnasium - Bildung - Gesellschaft), Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt 2009, 168 Seiten.
Die Beiträge des Bandes stammen von Winfried Böhm (Würzburg), David-Samuel Di Fuccia (Dortmund), Kurt A. Heller (München), Gerald Hüther (Göttingen), Susanne Lin-Klitzing (Marburg a. d. L.), Heinz-Peter Meidinger (Berlin), Gerhard Müller-Frerich (Iserlohn), Richard Olechowski (Wien), Detlef H. Rost (Marburg a. d. L.), Claudia Solzbacher (Osnabrück), Jörn R. Sparfeldt (Trier), Manfred Spitzer (Ulm) und Albert Ziegler (Ulm).
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