Archive for the 'Tagungsberichte' Category

Dokumentation des XXII. Deutschen Kongresses für Philosophie

Auf dem Open-Access-Server der Universitätsbibliothek München ist der XXII. Deutsche Kongress für Philosophie dokumentiert worden, darunter auch die Beiträge aus der Sektion für Bildungsphilosophie.

Ein Beitrag beschäftigt sich ausdrücklich mit der aktuellen bildungsethischen Debatte:
Bildung als Freiheitsrecht – eine Kritik des neueren sozialethischen Bildungsdiskurses. URL: http://epub.ub.uni-muenchen.de/12476/1/Bildungsgerechtigkeit.pdf.

Tagungsbericht Forum Sozialethik 2011

Arbeit – ein Schlüssel für soziale Gerechtigkeit!?
Bericht zum 21. Forum Sozialethik (05.-07.09.2011) in der Katholischen Akademie Schwerte

Spätestens seit dem 19. Jahrhundert erscheint „Arbeit” als Zentralthema christlich-sozialethischer Reflexionen und kirchlicher Soziallehre. Diese Tradition aufnehmend stellte das diesjährige Forum Sozialethik vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen in der Arbeitswelt neu die Fragen nach dem Verhältnis von Arbeit und Mensch-Sein, nach gerechten Arbeitsverhältnissen und nach „guter Arbeit”. Junge Sozialethiker(innen) stellten ihre Überlegungen zur Diskussion und tauschten sich mit den rund 35 Teilnehmern aus.

Den ersten thematischen Block der Tagung unter dem Stichwort „Arbeit und Mensch-Sein” eröffnete Christian Stoll (Wien). Er stellte fest, dass Arbeit auch in der modernen Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft überwiegend Tätigkeiten umfasse, die vom Ausführenden nicht als Teil seiner personalen Vollzüge verstanden werden. Der integrale Zusammenhang von Person und Arbeit, wie ihn etwas Laborem exercens beschreibe, sei daher als kritisches Potential zu nutzen, um die Selbstentfaltung des Einzelnen und der Gesellschaft in Arbeit zu befördern.

Ergänzend hierzu brachte Sonja Sailer-Pfister (Vallendar) den Aspekt der Muße ein. Diese werde in einer zunehmend beschleunigten Arbeitsgesellschaft stark vernachlässigt. Ihre theologische Relevanz verdeutlichte Sailer-Pfister im Rekurs auf die biblische Fundierung der Sabbattradition im göttlichen Schöpfungsakt – Muße als Teilhabe an der Ruhe Gottes am 7. Schöpfungstag, als Vergegenwärtigung des Schöpfungswerkes, das getan wurde. Forderungen nach dem Schutz des freien Sonntags seien auf dieser Grundlage vehement zu unterstützen.

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Neugründung

Am Samstag, 26. Juni 2010, wurde in Köln im Rahmen des Kongresses “Bildungsstandards auf dem Prüfstand” die neue GESELLSCHAFT FÜR BILDUNG UND WISSEN gegründet. Die neue  Gesellschaft versteht sich nicht als Partei, wohl aber als ein Zusammenschluss von Verantwortlichen aus unterschiedlichen Bereichen des Bildungswesens, der bewusst die “offensive politische Kommunikation mit gesellschaftlichen Gruppen und der (Medien-) Öffentlichkeit” sucht. “Die Aktivitäten”, so schreibt die neue Gesellschaft in ihrer Selbstdarstellung, “leben von der Leidenschaft am argumentativen Streit um die gemeinsame Sache von Bildung und Wissen”.

Kontakt und weitere Informationen:

Gesellschaft für Bildung und Wissen e. V.

Goethe-Universität Frankfurt am Main

Sophienstraße 1 – 3

D-60487 Frankfurt am Main

Tel. (0 69) 7 98-2 81 50

Fax (0 69) 7 98-2 27 78

E-Mail: info@bildung-wissen.eu

Internet: www.bildung-wissen.eu

Ethik und Migration

Pünktlich zum diesjährigen Berliner Werkstattgespräch der deutschsprachigen Sozialethiker ist der Tagungsband aus dem vergangenen Jahr erschienen:

Michelle Becka, Albert-Peter Rethmann (Hgg.): Ethik und Migration. Gesellschaftliche Herausforderungen und sozialethische Reflexion, Paderborn/München/Wien/Zürich: Ferdinand Schöningh 2010, 206 Seiten.

Der Band enthält Beiträge von Christoph Hübenthal (Nijmegen/Niederlande), Heike Wagner (Wien/Österreich), Elisabeth Petzl (Wien und Salzburg/Österreich), Walter Lesch (Louvain/Belgien), Hille Haker (Frankfurt a. M.), Michelle Becka (Frankfurt a. M.), Matthias Möhring-Hesse (Vechta), Albert-Peter Rethmann (Frankfurt a. M.), Markus Babo (München und Luzern/Schweiz), Christoph Baumgartner (Utrecht/Niederlande), Axel Bernd Kunze (Trier und Bonn) und Marianne Heimbach-Steins (Münster i. W.).

Aktionstag Bildungsgerechtigkeit

“inFranken.de”, das Internetportal des “Fränkischen Tags” aus Bamberg, berichtet in seinem Internet-TV über einen gewerkschaftsnahen “Aktionstag Bildungsgerechtigkeit”, der am 24. Oktober 2009 an der Universität Bamberg stattfand und von einer Gruppe Studierender initiiert worden war:

http://www.infranken.de/nc/nachrichten/lokales/artikelansicht/article/bildungsgerechtigkeit-im-mittelpunkt-37986.html

Gesprächspartner sind unter anderem Achim Albrecht, Pädagogischer Leiter der Offenen Schule Waldau, Professor Dr. Rainer Geißler, Soziologe an der Universität Siegen, und Dr. Axel Bernd Kunze, Schulpädagoge an der Universität Trier.

Neue bildungspolitische Publikationsreihe

Das Gymnasium steht bildungspolitisch immer stärker unter Druck, wie die koaltionspolitischen Entwicklungen an der Saar aktuell einmal mehr zeigen. Eine unkritische Sicht auf das skandinavische Bildungssystem oder eine einseitige Rezeption der PISA-Studien haben in der aktuellen Bildungsdebatte inzwischen deutliche Spuren hinterlassen.

In dieser Situation startet eine neue Publikationsreihe, die den wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Dialog über diese tradtionsreiche und erfolreiche Schulform vertiefen will: “Gymnasium – Bildung – Gesellschaft“. Die Reihe wird in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Philologenverband (DPhV)  herausgegeben von Susanne Lin-Klitzing, Schulpädagogin in Marburg a. d. L., David Di Fuccia, Fachdidaktiker sowie Wissenschaftlicher Angestellter an der Technischen Universität Dortmund, und Gerhard Müller-Frerich, Schulleiter eines Gymnasiums in Nordrhein-Westfalen. Die Reihe dokumentiert die jährlichen Sitzungen des Wissenschaftlichen Beirats des Verbandes.

Der Auftaktband beschäftigt sich unter den Stichworten “Fördern und Fordern” mit schulischer Begabungsförderung. Heinz-Peter Meidinger, Bundesvorsitzender des Deutschen Philologenverbandes, umschreibt diese Aufgabe folgendermaßen: “Nicht die Reduktion auf die PISA-taugliche, weil dort getestete Kompetenzbereiche ist gefragt, auch nicht die Verengung auf eine Förderung, die einseitig an verwertbaren, wirtschaftlichen Standortfaktoren orientiert ist, sondern die konsequente Ausrichtung auf die breite Palette vielfältigster Begabungsprofile, welche leistungsbereite junge Menschen an unseren Gymnasien mitbringen und die häufig erst entdeckt und bewusst gemacht werden müssen” (S. 161).

Für eine Schwächung, Kürzung oder Abschaffung des Gymnasiums, der bildungspolitisch wie bildungsethisch gegenwärtig viele das Wort reden, spricht dies nicht – im Gegenteil. Das Gymnasium bleibt unverzichtbar, wenn das Bildungswesen vielfältigen Begabungen gerecht werden will. Optimale Begabungsförderung verlangt nicht nach schulstrukturellen Einheitslösungen, sondern nach einem pluralen und durchlässigen Bildungssystem, das die pädagogische Wahlfreiheit der Lernenden und ihrer Eltern achtet.

Die PISA-Studien üben gegenwärtig eine gewaltige Anziehungskraft aus. Doch aus diesen allzu voreilig einfache Schlussfolgerungen abzuleiten, wird einer verantwortlichen sozialethischen Urteilsbildung nicht gerecht. Eine Bildungsethik, welche die aktuelle Schulstrukturdebatte ausgewogen und in ihrer ganzen Breite wahrnehmen will, wird an der neuen Reihe nicht vorbeigehen dürfen.

Susanne Lin-Klitzing, David Di Fuccia, Gerhard Müller-Frerich (Hgg.): Begabte in der Schule – Fördern und Fordern. Beiträge aus neurobiologischer, pädagogischer und psychologischer Sicht (Gymnasium – Bildung – Gesellschaft), Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt 2009, 168 Seiten.

Die Beiträge des Bandes stammen von Winfried Böhm (Würzburg), David-Samuel Di Fuccia (Dortmund), Kurt A. Heller (München), Gerald Hüther (Göttingen), Susanne Lin-Klitzing (Marburg a. d. L.), Heinz-Peter Meidinger (Berlin), Gerhard Müller-Frerich (Iserlohn), Richard Olechowski (Wien), Detlef H. Rost (Marburg a. d. L.), Claudia Solzbacher (Osnabrück), Jörn R. Sparfeldt (Trier), Manfred Spitzer (Ulm) und Albert Ziegler (Ulm).

Wohin treibt die Erziehungswissenschaft?

… oder wohin wird sie getrieben? – Dieser Fragestellung widmete sich die diesjährige Jahrestagung der Sektion für Pädagogik der Görres-Gesellschaft zur Pflege der Wissenschaft, deren Generalversammlung vom 26. bis 30. September 2009 im spätsommerlichen Salzburg stattfand.

Prof. Dr. Volker Ladenthin (Bonn), Prof. Dr. Lutz Koch (Bayreuth), Prof. DDr. Gerhard Mertens (Köln), Prof. Dr. Ursula Frost (Köln) und Prof. Dr. Dr. h. c. Winfried Böhm (Würzburg), Herausgeber des neuen, von der Görres-Gesellschaft herausgegeben Handbuches der Erziehungswissenschaft, beleuchteten in ihren Referaten aus unterschiedlicher Perspektive das spannungsreiche Verhältnis von Empirie und Normativität innerhalb der Erziehungswissenschaft.

Prof. Ladenthin sprach über das problematische Verhältnis zwischen Pädagogik und Hirnforschung (in immer mehr Bundesländern müssen Lehrer künftig ausdrücklich “hirngerecht” unterrichten …), Prof. Mertens über den Beitrag der Resilienzforschung für die Pädagogik und Prof. Böhm über den Wandel von der Historischen Bildungsforschung zur erziehungswissenschaftlichen Historiographie. Prof. Koch machte in seinem Vortrag deutlich, warum pädagogische Reflexion und empirische Erkenntnis einander bedürfen; Prof. Frost widmete sich der Notwendigkeit von Muße in der Bildung. Die gegenwärtigen Bildungsreformen laufen allerdings in die entgegengesetzte Richtung und setzen alle Beteiligten zeitlich immer stärker unter Druck: eine Entwicklung, die sich auf die Dauer kaum bildungsförderlich auswirken wird. 

Die Beiträge, die in Heft 1/2010 der Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Pädagogik (Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn) veröffentlicht werden, sind auch bildungsethisch von Interesse. Deutlich wurde, dass pädagogische Geltungsansprüche nicht einfach aus empirischen Kenntnissen abgeleitet werden können. Eine vorgeblich wertneutrale, der pädagogischen Praxis distanziert gegenübertretende Erziehungswissenschaft ist nicht normativ, wohl aber normierend. In der Konsequenz führt sie dazu, dass die kontingente Gegenwart schlicht affirmiert und zur pädagogischen Norm erhoben wird.

Pointiert zeigte Prof. Böhm den Scheideweg auf, vor dem die gegenwärtige Bildungslandschaft steht (der Moderator sprach dann auch von einem “epochalen Vortrag” im wörtlichen Sinne): Soll Bildung weiterhin der Befähigung zur Selbstbestimmung und zur verantwortlichen Bewältigung der Zukunft dienen oder wird  Bildung demnächst allein als Anpassung an die Erfordernisse der Gegenwart zu verstehen sein? Tendenzen, das Individuum zum “Manager seiner selbst” zu erklären, deuten in die zweite Richtung. Erfolgreich und gebildet wäre dann nicht mehr der, der eine eigenständige Persönlichkeit ausbildet, sondern sich bestmöglich an die Erwartungen der Gesellschaft und der Arbeitswelt anpasst. Bildungsethisch gewendet, würde dies in der Konsequenz dann aber auch bedeuten: Wer diese Anpassungsleistung nicht erbringt, ist für sein gesellschaftliches Scheitern  selbst verantwortlich. Oder anders gesagt: Marktteilnehmer, die ihr Produkt – ihr eigenes Selbst – nicht vermarkten können, gehen eben bankrott.  Die ethisch wie pädagogisch problematischen Folgen einer solchen “Marktlogik” im Bildungsbereich sind offensichtlich …

Sozialethisch interessant unter den öffentlichen Vorträgen, die in Salzburg gehalten wurden, war vor allem jener von Prof. Dr. Paul Kirchhof (Heidelberg), der zur aktuellen Finanzmarktkrise Stellung bezog. Der ehemalige Bundesverfassungsrichter warnte vor einer “Gerechtigkeit ohne Maß”. Maßlose, überzogene Gerechtigkeitsforderungen werden sich letztlich freiheitsgefährdend auswirken. In vielen Politikfeldern sei gegenwärtig ein Handeln zu beobachten, das bestimmte politische, rechtliche und moralische Grenzen nicht mehr achte.

Zu den Forderungen Kirchhofs passte die Mahnung von Prof. Dr. Bernhard Vogel, ehemaliger Ministerpräsident und derzeitiger Präsident der Konrad-Adenauer-Stiftung, der in seiem Festvortrag “60 Jahre Demokratie – eine Erfolgsgeschichte!” am Sonntag vormittag davor warnte, die Demokratie für einen dauerhaften Besitz zu halten. Die Demokratie müsse immer wieder von neuem verteidigt und errungen werden. Gegenwärtig sei diese vor allem durch einen neuen Kollektivismus bedroht, der immer mehr Bereiche der Gesellschaft einer kleinteiligen staatlichen Steuerung unterwerfe und gesellschaftliche wie individuelle Freiheitsräume beschneide.

Die Vorträge von Bernhard Vogel und Paul Kirchhof werden im kommenden Jahresbericht der Görres-Gesellschaft zur Pflege der Wissenschaft veröffentlicht. Die nächsten Generalversammlungen werden in Freiburg im Breisgau (2010) und in Trier (2011) stattfinden.

Neuer Band in der Reihe “Kommunikative Theologie”

Die sozialethische Diskussion um innerkirchliche Dialog- und Konsultationsprozesse als Instrumente der kirchlichen Sozialverkündigung ist inzwischen weitgehend wieder verstummt. Derartige Beteiligungsformen haben in den Neunzigerjahren deutlich werden lassen, dass alle Christen gemeinsam – nicht allein die Kirchenleitungen - verantwortlich sind für die Fortschreibung und Plausibilisierung der kirchlichen Botschaft.

In der Reihe “Kommunikative Theologie” ist jetzt ein neuer Band vorgelegt worden, der danach fragt, welche Möglichkeiten und kirchenrechtlichen Spielräume Laien in der Gemeindeleitung besitzen. Die gesammelten Erfahrungen reflektieren die Situation in Österreich, wo laikale Pfarrassistenten seit Längerem üblich sind. Auf einem Treffen dieser Berufsgruppe entstand die Idee, die eigenen Erfahrungen - gemeinsam mit wissenschdaftlichen Reflexionen – öffentlich zu machen und der kirchlichen Diskussion auszusetzen. Zu Wort kommen sowohl Pfarrassistenten als auch Priester, die in priesterlosen Gemeinden rechtlich die Rolle eines Pfarrmoderators übernehmen, Diözesanverantwortliche als auch “betroffene” Gemeindemitglieder.

Der Band ist eindeutig pastoral und liturgisch ausgerichtet. Es wäre allerdings lohnenswert, die vorliegenden Erfahrungen auch im Rahmen einer Sozialethik kirchlichen Lebens weiterzudenken und zu fragen, welche  Verantwortung Pfarrassistenten und andere Laien in priesterlosen Gemeinden hinsichtlich der kirchlichen Sozialverkündigung  zufällt und wie eine solche Verantwortung praktisch ausgefüllt werden kann.

Johannes Panhofer/Sebastian Schneider (Hg.): Spuren in die Kirche von morgen. Erfahrungen mit Gemeindeleitung ohne Pfarrer vor Ort – Impulse für eine menschennahe Seelsorge (Kommunikative Theologie; 12), Ostfildern: Matthias-Grünewald-Verlag der Schwabenverlag AG 2009, 240 Seiten, Paperback, Euro 22,90.

Axel Bernd Kunze (Rez.)

Bericht vom 8. Workshop Ethik „Moralische Gefühle und moralischer Realismus – Wirklichkeit und Erkennbarkeit der Moral“.

Von Volker Drell

Vom 16. – 18. März fand im Martin-Niemöller Haus in Arnoldshain der Workshop Ethik statt. Veranstalter waren das Zentrum Rabanus Maurus, das Nell-Breunig-Institut, die Evangelische Akademie Arnoldshain und das Forschungsinstitut für Philosophie Hannover. Der diesjährige Workshop Ethik stand unter dem Titel „Moralische Gefühle und moralischer Realismus – Wirklichkeit und Erkennbarkeit der Moral“. Vor allem Nachwuchswissenschaftler/innen nutzten die Gelegenheit, um vor mehr als 40 Kollegen und Interessierten ihre aktuellen Projekte vorzustellen und intensiv zu diskutieren.

Die inhaltliche Breite reichte von autorenbezogenen Vorträgen zu Peter Stemmer, David Hume, Max Scheler und Philippa Foot über allgemeinere Fragstellungen des Neosentimentalismus und der Erkennbarkeit von Moralnormen bis hin zu Anwendungsfragen, die beispielsweise eine metaethische Reflexion der ethischen Expertise in Ethikkommissionen betrafen.

Die Rekonstruktion der Wirklichkeit moralischer Gefühle wurde vor allem mit anthropologischen und phänomenologischen Ansätzen versucht. Im zweiten thematischen Schwerpunkt wurde die Debatte um den moralischen Realismus durchaus kontrovers geführt. Der Abendvortrag von Peter Schaber (Zürich) bot hierfür durch die klare Argumentation für eine realistische Position einen pointierten Einstieg. So gelang es, trotz einiger kurzfristiger, krankheitsbedingter Absagen, alle vorgesehenen Aspekte zu behandeln und schließlich zusammenzuführen.

Auch aufgrund der durchweg guten Atmosphäre während und nach den Diskussionen herrschte am Ende der fast dreitägigen Veranstaltung bei den Teilnehmer/innen das Gefühl vor, zahlreiche Anregungen und Impulse für die eigene Arbeit bekommen zu haben.

Salzburger Hochschulwoche 2008 zum Nachlesen

Wunibald Müller, promovierter Theologe und Diplompsychologe sowie Leiter des Recollectiohauses in Münsterschwarzach, hat seine Vorträge, die er auf der Salzburger Hochschulwoche 2008 gehalten hat, inzwischen in einem kleinen Bändchen veröffentlicht:

Wunibald Müller: Größer als alles aber ist die Liebe. Für einen ganzheitlichen Blick auf Homosexualität, Ostfildern: Matthias-Grünewald-Verlag  der Schwabenverlag AG 2009, 104 Seiten.

Der Band beschäftigt sich mit dem Thema aus psychologischer, biblischer, theologisch-ethischer und pastoralpraktischer Perspektive.

Das besondere Verdienst von Müller ist, dass er die verschiedenen Positionen innerhalb der christlichen Kirchen, nicht allein der katholischen, reflektiert und sachlich fundiert darstellt, ohne in Einseitigkeiten zu verfallen. Der bekannte Autor, der als einer der ersten Theologen im deutschsprachigen Raum zu diesem Thema geforscht und publiziert hat, vermeidet sowohl restriktive Engführungen als auch idealistische Überhöhungen. Wer sich ausgewogen informieren will, um sich dann ein eigenes Urteil zu bilden, ist mit dem vorliegenden, sehr persönlich geschriebenen Bändchen gut beraten. Eine tiefergehende moraltheologische oder lebensformenethische Reflexion bietet der Verfasser allerdings nicht; hierfür muss man an anderer Stelle suchen. 

Am Ende formuliert Müller pastoral ein sehr kluges Fazit: “Stört die Liebe nicht”. Kirchenpolitisch bleiben allerdings durchaus Fragen offen.

“Neusprech im Überwachungsstaat”

“Wie lassen sich Einschränkungen der Bürgerfreiheit als Gewinn für alle verkaufen? Indem man sie sprachlich vernebelt. Ein Katalog des Neusprech zur Inneren Sicherheit.” – So beginnt “Schäubles Wörterbuch”, das seit kurzem in der Onlineausgabe der “ZEIT” zu finden ist und mit dem die bekannte Hamburger Wochenzeitung die Debatte um die neuen Sicherheitsgesetze kritisch begleiten will. Ergänzungen aus dem Leserkreis sind möglich. “Schäubles Wörterbuch” ist zu finden unter: http://www.zeit.de/online/2009/04/neusprech-schaeuble-lexikon. Dort findet sich auch der Vortrag “Neusprech im Überwachungsstaat” , den der Bamberger Professor Martin Haase Ende November 2008 vor der Willy-Aron-Gesellschaft Bamberg e. V. hielt. Der Vortrag lieferte wichtige Anregungen für das Projekt, das die “ZEIT” jetzt gestartet hat.

Arbeitspapier zum Menschenrecht auf Bildung

Die erste Ausgabe innerhalb dieses Jahres aus der Reihe “Arbeitspapiere der Willy-Aron-Gesellschaft Bamberg e. V.” beschäftigt sich mit dem Menschenrecht auf Bildung. Das Heft 1/2009 dokumentiert einen gleichnamigen Vortrag des Vereins, der am 27. Oktober 2008 in der Evangelischen Studentengemeinde Bamberg stattfand. Anlass war das sechzigjährige Jubiläum der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die am 10. Dezember 1948 verabschiedet worden war. Angereichert wird das Heft durch ein Vorwort des Ersten Vorsitzenden der Willy-Aron-Gesellschaft Bamberg e. V., Dr. Nikolai Czugunow-Schmitt, sowie die Erklärung “Die Menschenrechte – unbekannt und nicht realisiert” des Bamberger Erzbischofs Dr. Ludwig Schick zum sechzigsten Jahrestag des UN-Dokuments. Im Anhang ist die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 im Wortlaut wiedergegeben. Die Onlineausgabe steht unter www.willy-aron-gesellschaft.de kostenfrei als Download zur Verfügung.

Die 2003 gegründete Willy-Aron-Gesellschaft Bamberg e. V. erinnert an den jüdischen Sozialdemokraten, Gewerkschafter und Rechtsreferendar Willy Aron, der bereits im Mai 1933 auf brutale Weise im Konzentrationslager Dachau hingerichtet worden war; er war das erste Opfer, das der Terror der Nationalsozialisten aus Bamberg forderte. Der Verein hat sich dem Schutz der Menschenrechte, von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit verschrieben. Der Verein organisiert unter anderem jährlich eine Zivilcouragerede im Gedenken an Willy Aron und zeichnet für das Bamberger Projekt “Stolpersteine” verantwortlich. Der Verein wird geleitet von Außenwirtschaftsberater Dr. Nikolai Czugunow-Schmitt, Rechtsanwalt Hendrik Leuker und Dipl.-Psych. Rainer Knappe.

Forschungsergebnisse vorgestellt

Wie tagesaktuell Forschung sein kann: Am 12. November demonstrierten Schüler in ganz Deutschland für bessere Bildung und vom 13. bis 15. trafen sich in Mainz Pädagogen, Sozialethiker und Praktiker zur interdisziplinären Fachtagung „Das Menschenrecht auf Bildung: Maßstäbe für die Bildungspolitik in Deutschland?“.

Das „Menschenrecht auf Bildung“ wissenschaftlich zu behandeln war das Ziel eines Projekts der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), getragen vom Bamberger Lehrstuhl für Christliche Soziallehre und Allgemeine Religionssoziologie und dem Forschungsinstitut für Philosophie in Hannover. In Zusammenarbeit mit der Akademie des Bistums Mainz „Erbacher Hof“ luden die Träger vom 13. bis 15. November zur Abschlusstagung des Projektes in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt, um die bisherigen Ergebnisse zu bündeln und Perspektiven sowie weitergehende Fragestellungen zu entwickeln.

Aus verschiedenen komplementären, gelegentlich auch kontrovers diskutierten Sichtweisen näherten sich Sozialethiker, Pädagogen und Vertreter aus der Bildungspraxis der Frage, inwiefern man aus einem sozialethisch-anthropologisch begründeten Menschenrecht auf Bildung konkrete Handlungsmaximen für die Bildungs- und Schulpolitik ableiten könne.

Besonders spannend gestaltete sich gleich zu Beginn der Tagung der Dialog zwischen der wissenschaftlich-theoretisch ausgerichteten Pädagogik, die, wie verschiedentlich betont wurde, immerhin auf eine zweitausendjährige Geschichte zurückblicken kann, und dem aktuellen bildungspolitischen Diskurs mit seinen konkreten Anforderungen.

Im Spannungsfeld von Theorie und Praxis

Von eben dieser Spannung lebt das DFG-Projekt, dessen zwei Teile jeweils von Bamberg und Hannover aus betreut werden: Der Bamberger Theologe und Pädagoge Dr. Axel Bernd Kunze will von einer pädagogisch-sozialethischen Sicht aus das Menschenrecht auf Bildung begründen und mit pädagogischen Inhalten füllen. Katja Neuhoff dagegen arbeitet am Forschungsinstitut für Philosophie an sozialethischen Kriterien für die konkrete Umsetzung von Bildungsreformen. Hierbei stellt sie auch aktuelle politische Fragen, inwieweit etwa Kindern aus Migrantenfamilien oder ökonomisch und sozial weniger privilegierten Gesellschaftsschichten Bildungsgerechtigkeit zuteil werden kann.

„Reiche Eltern für alle“, wie sie auf einem Transparent der Berliner Schülerdemonstrationen gefordert wurden, kann natürlich auch die Sozialethik nicht ermöglichen, aber, wie Gerhard Kruip, der Leiter des Hannoveraner Forschungsinstituts für Philosophie, betonte, „Bildungsgerechtigkeit bedeutet nicht, dass alle Menschen gleich gut gebildet sein sollen, sondern dass jeder die Chance hat, nach seinen Möglichkeiten bestmöglich an Bildung teilzuhaben.“

Bildung muss erarbeitet werden

„Bildung beruht allerdings auf Gegenseitigkeit“, betonte Prof. Dr. Jürgen Rekus vom Institut für Berufsbildung und Allgemeine Pädagogik in Karlsruhe, „Bildung ist nicht etwas, das jemandem zur Verfügung gestellt wird, sondern etwas, das man erwerben und sich erarbeiten muss.“

In Arbeitsgruppen wurden hierzu konkrete Fragestellungen diskutiert, die sich mit tagesaktuellen bildungspolitischen Problemen befassten: Braucht es eine verpflichtende Vorschulerziehung? Oder die flächendeckende Einführung der Ganztagesschule? Sind längere gemeinsame Lernzeiten sinnvoll, mit denen eine spätere Differenzierung der Schüler in die verschiedenen Schulformen einhergehen würde? Wie steht es mit der Bildung in Fragen der Menschenrechte?

Verantwortung der Kirchen

Als Publikumsmagnet erwies sich das öffentliche Abendforum unter dem Thema „Schule – gerecht und frei? Staat und Kirche in der Verantwortung“. Die rheinland-pfälzische Kultusministerin Doris Ahnen thematisierte in ihrem Vortrag Freiheit, Gerechtigkeit und Soziabilität als Kriterien gerechter Bildung. In der anschließenden Podiumsdiskussion waren sich die Teilnehmer einig, dass die gesamtgesellschaftliche Aufgabe der Schulbildung am Besten gelingen kann, wenn sie ausgewogen auf öffentliche und freie Träger verteilt wird. Hier komme insbesondere auch den Kirchen eine besondere Verantwortung zu.

Zum Abschluss der Tagung zeigte die Bamberger Professorin für Christliche Soziallehre und Allgemeine Religionssoziologie Dr. Marianne Heimbach-Steins weitere Perspektiven auf: Sie skizzierte ein bereits in der Planung befindliches Anschlussprojekt, das sich, die bisherigen Ergebnisse aufgreifend, mit der vorschulischen Bildung auseinandersetzen wird.
Selbst nach dem Abschluss des DFG-Projekts ,,Menschenrecht auf Bildung“ wird das Thema Bildung also weiterhin auf der Agenda der Bamberger christlichen Sozialethik stehen.

(Thorsten Heinz)

Neusprech 1984 – 2008

Willy-Aron-Gesellschaft Bamberg e. V. diskutiert über die Sprache der Politik: In ihrer Vortragsreihe zum sechzigjährigen Jubiläum der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte widmete sich die Willy-Aron-Gesellschaft am Montag dem Thema Innere Sicherheit und Schutz der liberalen Grund- und Freiheitsrechte aus einer für dieses Thema eher ungewohnten Perspektive, nämlich aus sprachwissenschaftlicher Sicht. Unter dem Titel: „Neusprech 1984 – 2008: Politikersprache zwischen Orwell und Onlineüberwachung“ untersuchte der Bamberger Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Martin Haase, wie Politiker sprachlich und rhetorisch für Maßnahmen werben wie die Vorratsdatenspeicherung, die heimliche Online-Überwachung, den Abbau von Datenschutz und die Verschärfung von Sicherheitsgesetzen.

Der Referent, der als Professor für romanische Sprachwissenschaft an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg unter anderem über Sprachpflege und Sprachplanung arbeitet, ging von George Orwells düsterem Zukunftsroman 1984 aus, der vor sechzig Jahren veröffentlicht wurde. Darin stellt Orwell eine staatlich verordnete Sprache vor, die er Neusprech nennt. In dieser Sprache werden Überwachungs- und Kontrollmaßnahmen durch positiv-besetzte Wörter, oppositionelles Verhalten durch negativ-besetzte ausgedrückt: so heißt das allmächtige Sicherheitsministerium minitrue, kritisches Gedankengut wird als crimethink bezeichnet. Orwell bezog diese Idee unter anderem aus zeitgenössischen Arbeiten zur Sprachkritik, zur politischen und unternehmerischen Öffentlichkeits­arbeit (public relations) und zur Werbung. Haase zeigte dann, dass sich die von Orwell schon damals kritisierten sprachlichen Verfahren auch heute wiederfinden – insbesonders wenn es um die Einschränkung von Freiheitsrech­ten bei Maßnahmen der inneren Sicherheit geht. In einer Reihe von zu Gehör gebrachten Tonbeispielen von Politikerreden und Interviews fand der Referent eine Vielzahl von positiv-besetzten Wörtern und sprachlichen Mitteln, die unpopuläre Maßnahmen beschönigen oder den Hörer über die geplanten Änderungen im Unklaren lassen. Dabei beschränken sich die sprachlichen Merkmale nicht auf den Wortschatz, sondern betreffen auch den Bereich der Grammatik und Rhetorik; rhetorische Verfahren der Ablenkung und der Scheinargumentation fielen besonders auf.

An den Vortrag schloss sich eine angeregte Diskussion an. Die Diskussionsteilnehmer fanden weitere Beispiele für den Ersatz negativ-besetzter Wörter aus den Bereichen der Außen- und Verteidigungs­politik, und es wurde diskutiert, inwieweit anhand von sprachlichen Veränderungen politische und gesell­schaft­liche Trends beobachtet und vorhergesagt werden können. Die Teilnehmer empfanden den kritischen Umgang mit Sprache als sehr wichtig.

(Martin Haase, Axel Bernd Kunze)

Bamberger Willy-Aron-Gesellschaft diskutiert über Recht auf Bildung

Sechzig Jahre alt wird in diesem Jahr die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen (UN). Ihre Verabschiedung am 10. Dezember 1948 war ein wichtiger Schritt, den Menschenrechten völkerrechtlich Geltung zu verschaffen. Die Willy-Aron-Gesellschaft Bamberg e. V. würdigte dieses Jubiläum am 27. Oktober mit einem Themenabend in der Evangelischen Studentengemeinde Bamberg. Dr. Axel Bernd Kunze, Wissenschaftlicher Angestellter am Lehrstuhl für Christliche Soziallehre und Allgemeine Religionssoziologie der Universität Bamberg, sprach dabei über das Recht auf Bildung, das mit Artikel 26 der UN-Menschenrechtserklärung erstmals international festgeschrieben wurde.

Der sogenannte PISA-Schock hat dem Thema Bildung eine erstaunliche Konjunktur beschert. Neu an der gegenwärtigen Debatte ist, dass Bildung auch in Deutschland zunehmend als ein Menschenrechtsthema wahrgenommen wird. Dazu beigetragen hat nicht zuletzt der Deutschlandbesuch des UN-Sonderberichterstatters für das Recht auf Bildung, Vernor Muñoz, im Frühjahr 2006. Sein Bericht ein Jahr später löste eine kontroverse Diskussion aus. Wie Kunze bemängelte, habe es kaum eine sachliche Debatte über die Chancen, aber auch die deutlichen Schwächen des Berichts gegeben. Die Reaktionen reichten von beißendem Spott bis euphorischer Zustimmung: Ist der Bericht für den Deutschen Philologenverband nur „dünner kalter Kaffee“, sprach die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hingegen davon, Deutschland stehe zu recht am internationalen Pranger.

Kunze, Geschäftsführer eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Forschungsprojekts zum Menschenrecht auf Bildung, nutzte den sogenannten Muñozbericht, um aufzuzeigen, welche Forderungen sich aus dem Recht auf Bildung ableiten lassen. Zugleich warnte er aber auch: „Die Menschenrechte zu überdehnen, birgt die Gefahr, diese zu entwerten. Nicht alle bildungspolitischen Probleme verletzen auch schon das Recht auf Bildung.“ Als Beispiel führte Kunze die Schulstrukturdebatte an: Forderungen nach einer Abschaffung des gegliederten Schulsystems lassen sich seiner Meinung nach nicht mit menschenrechtlichen Argumenten begründen. Wichtiger als groß angelegte Strukturreformen, so der Bamberger Theologe und Pädagoge, sei es, sich um eine verbesserte und zielgenauer ansetzende individuelle Förderung zu sorgen, sowie den Lehrern mehr pädagogische Freiheit und Vertrauen zu gewähren, damit diese ihrer immer schwerer werdenden Erziehungsaufgabe gerecht werden können.

Äußerst angeregt, aber auch kontrovers diskutierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mögliche Veränderungen im deutschen Bildungswesen. Kunze plädierte dabei für ein plurales Bildungssystem, das Schülern und Eltern große Wahlfreiheit lässt: „Bestimmte Lösungen absolut zu setzen, führt in der Regel nur zu neuen pädagogischen Problemen und einem Verlust individueller Freiheit.“ Sein Fazit am Ende: „Von einer systematischen Verletzung des Rechts auf Bildung kann in Deutschland nicht gesprochen werden, doch weist der Muñozbericht in bestimmten Punkten durchaus auf Veränderungsbedarf hin, beispielsweise im Hinblick auf eine verbesserte Sprachförderung für Kinder mit Migrationshintergrund.“