Archive for the 'Politische Ethik' Category

CfP Forum Sozialethik 2017: “Christliches Abendland”? Zerfallserscheinungen in Europa als Herausforderung Christlicher Sozialethik

Forum Sozialethik

Das Projekt Europa ist in der Krise: Der Brexit, die Finanzkrise, die mangelnde Einigkeit in der Migrationspolitik oder undurchsichtige Bürokratien sind Herausforderungen, die zur Spaltung Europas geführt haben bzw. diese vertiefen. Hinzu kommen rechtspopulistische Bewegungen und Parteien, die sich als legitime Repräsentationsmedien eines „wahren Volkswillens“ verstehen und sich zur Stimme derer machen, die sich von Abstiegsängsten bedroht fühlen. Politische Kräfte in verschiedenen Ländern Europas können bei ihrem mit Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus geführten Kampf um das so genannte „Christliche Abendland“ teilweise beachtliche Erfolge verbuchen.

Europa und der europäische Einigungsprozess dienen jedoch vor allem der Entwicklung und Sicherung des Friedens, die heute keineswegs selbstverständlich, sondern vielfältig bedroht sind. Die Krisen Europas und das Erstarken antieuropäischer Kräfte verlangen deshalb nach grundlegender Analyse und sozialethischer Reflexion.

Das Vorbereitungsteam lädt Interessierte herzlich ein, sich mit einem Beitrag am Forum Sozialethik 2017 (18.-20.09.2017) zu beteiligen und anhand der eigenen Forschung Fragen zu den Herausforderungen Europas zu diskutieren. Die genannten Fragen sind hierbei lediglich als erste Anregungen zu verstehen. Angesprochen sind Nachwuchswissenschaftler und -wissenschaft­lerinnen (Promotion, Habilitation) sowie fortgeschrittene Studierende des Faches Sozialethik im deutschsprachigen Raum. Vertreterinnen und Vertreter aus benachbarten Disziplinen (Philosophie, Politikwissenschaft, Soziologie usw.) sind herzlich willkommen. Das Forum pflegt einen Werkstattcharakter, d.h. dass besonderer Wert auf den freien wissenschaftlichen Austausch gelegt wird.

Nähere Informationen sowie weiterführende inhaltliche Impulse sind dem Call for Papers zu entnehmen. Der Call ist geöffnet bis zum 3. April 2017.

Alle weiteren Informationen auf der Tagungswebsite.

Universalität der Menschenrechte: Tagung in Tübingen

Menschenrechte

Unter dem Titel “Die Universalität der Menschenrechte und ihre Legitimierung in Christentum und Islam” findet vom 26.-28. Januar 2017 eine interdisziplinäre Tagung an der Universität Tübingen statt. Erörtert werden sollen unter anderem folgende Fragen:

Müssen die Menschenrechte im Rückgriff auf das Wesen des Menschen begründet und formuliert werden? Lässt sich das Wesen des Menschen unabhängig von seiner kulturellen Selbstverständigung und Selbstgestaltung aufweisen? Falls nein, wie lässt sich dann der universale Geltungsanspruch der Menschenrechte verteidigen, ohne kulturelle Differenzen zu nivellieren?

Die Tagung ist offen für Beiträge aus theologischen, philosophischen, sozialwissenschaftlichen und juristischen Perspektiven. Sie wird ausgerichtet vom Forum Scientiarum der Universität Tübingen in Zusammenarbeit mit dem Weltethos-Institut und der Stiftung Weltethos ausgerichtet. Weitere Informationen finden sich im (bis zum 30. November 2016 geöffneten) Call for Papers.

Neuerscheinung und CfP: Zeitschrift für Flüchtlingsforschung

(c) Initiative Echte Soziale Marktwirtschaft (IESM) | pixelio.de

Das interdiszplinäre Netzwerk Flüchtlingsforschung hat ein neues Publikationsorgan ins Leben gerufen: die Z’Flucht (Zeitschrift für Flüchtlingsforschung).  Bei der halbjährlich erscheinenden Z’flucht handelt es sich um

ein neues peer-reviewed journal, das wissenschaftliche Beiträge aus unterschiedlichsten Disziplinen zu Fragestellungen der Zwangsmigrations- und Flüchtlingsforschung veröffentlicht. […] Angesichts der unterschiedlichen fachlichen Perspektiven, aus denen entsprechende Fragen gestellt werden können, gilt ein besonderes Augenmerk der interdisziplinären Diskussion [und] dem Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis […].

Durch die interdisziplinäre Ausrichtung und beabsichtigte Praxisrelevanz dürfte die Zeitschrift auch für Sozialethiker_innen interessant sein. Sie soll wissenschaftliche Aufsätze, Forumsbeiträge und Rezensionen in deutscher, englischer und französischer Sprache enthalten. Manuskripte können jederzeit bei der Redaktion eingereicht werden. Hinweise für Autoren_innen und weitere Informationen finden sich auf den Websiten des Nomos-Verlags und des Netzwerks Flüchtlingsforschung.

Veröffentlichung: Demokratie und Partizipation im 21. Jahrhundert

Cover_10644-9_Forum_Sozialethik_17Fischer, Luisa / Zink, Sebastian / Wahl, Stephanie A. / Henkel, Christian (Hgg.): Demokratie und Partizipation im 21. Jahrhundert (= Forum Sozialethik 17), Münster: Aschendorff 2016.

19,80 Euro

ISBN: 978-3-402-10644-0

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts scheint die Demokratie in eine Krise geraten zu sein. In den etablierten liberalen Demokratien des globalen Westens zeigt sich dies vor allem in der steigenden Anzahl derjenigen, die sich nicht mehr an Wahlen und traditionellen Partizipationsprozessen repräsentativer Demokratien beteiligen. Gleichzeitig sind Forderungen nach mehr Transparenz und Beteiligungsmöglichkeiten in so unterschiedlichen Kontexten wie etwa den Protesten gegen städtebauliche Großprojekte, der weltweiten Occupy-Bewegung, in national-populistisch ausgerichteten Bewegungen in ganz Europa oder im Zusammenhang mit sich ausweitenden digitalen Möglichkeiten unüberhörbar.
Der Befreiungsphilosoph Enrique Dussel hat mit seiner Aussage „Alles Politische beginnt (und endet) mit der Partizipation“ auf den zentralen Stellenwert der Partizipation für die Demokratie hingewiesen. Nimmt man dies ernst, so zwingen die gegenwärtigen Entwicklungen zu einer erneuten Auseinandersetzung um die Zukunft von Demokratien sowie um die Möglichkeiten und Bedingungen von Partizipation in der Demokratie.
Die Beiträge des vorliegenden Tagungsbandes nehmen sich dieser Herausforderung aus der Perspektive einer Christlichen Sozialethik an. Die Fülle der unterschiedlichen Herangehensweisen und Schwerpunktsetzungen macht dabei deutlich, dass es sich dabei im Rahmen einer anwendungsbezogenen politischen Ethik um ein komplexes Gefüge unterschiedlichster Herausforderungen handelt, für die keine einfachen und eindeutigen Lösungen postuliert werden können.
Die Vielfalt der im vorliegenden Band versammelten Ansätze zeigt freilich auch, wie im wissenschaftlichen Diskurs um die Beantwortung drängender Fragen der Gegenwart gerungen wird. Das Forum Sozialethik gewährleistet seit nunmehr 25 Jahren einen solchen Rahmen insbesondere für Nachwuchswissenschaftler_Innen der Christlichen Sozialethik und benachbarter Disziplinen. Aus Anlass dieses Jubiläums wurden in den Tagungsband auch zwei Beiträge aufgenommen, die Gründung und geschichtliche Entwicklung des Forums reflektieren und als gelungenes Partizipationsprojekt im Rahmen der Wissenschaftscommunity ausweisen.

Die EU nach dem Brexit: Ein sozialethischer Diskussionsbeitrag

Im Weblog der AG Christliche Sozialethik ist Ende Juli ein Beitrag von Joachim Wiemeyer zum Zustand und den Perspektiven der Europäischen Union nach dem Brexit erschienen. Darin befasst sich der Autor neben politischen und ökonomischen Aspekten der gegenwärtigen Lage unter anderem auch mit den europabezogenen Haltungen und Wertvorstellungen katholischer Ortskirchen. Sein Urteil fällt vergleichsweise skeptisch aus:

Nicht erst die unterschiedlichen Haltungen deutscher und französischer Bischöfe im Gottesbezug des Lissaboner Vertrages, die tiefgreifenden Meinungsverschiedenheiten jüngst in der Flüchtlingskrise oder die durch massive Unterstützung von Bischöfen, Klerus usw. ins Amt gehobene neue polnische Regierung oder die Unterstützung Orbans durch ungarische Bischöfe machen deutlich, dass es keine katholische Haltung zu Europa gibt. […] Ebenso fehlen eine kommunikative Vernetzung und ein wissenschaftlicher Austausch zwischen katholischen Ethikern der einzelnen EU-Länder, soweit es überhaupt Christliche Sozialethik als eigene Disziplin in anderen Ländern gibt.
Angesichts der tiefgreifenden Divergenzen selbst unter den europäischen Katholiken plädiert Wiemeyer dafür, Europa “wieder von einem geschichtsphilosophisch überhöhten Projekt auf die Realität” zurückzuholen. Rückmeldungen und weitere Diskussionsbeiträge sind durch die AG CSE ausdrücklich erwünscht.

Tagung: Digitalisierung der Zivilgesellschaft

In Kooperation mit dem Institut für Sozialstrategie (IfS) veranstaltet das Forschungsinstitut für Philosophie Hannover (fiph) von 30.09.-01-10.2016 eine Fachtagung zur “Digitalisierung der Gesellschaft”.

Auf der interdisziplinäre Tagung sollen die sozialen und philosophischen Auswirkungen der digitalen Welt untersucht werden. Diese verändert den Umgang von Menschen miteinander, aber auch die Sitten und Gebräuche in Wirtschaft und Wissenschaft, Erziehung und Unterhaltung. Das Stichwort der „digitalen Disruption“ deutet an, dass es um eine der größten Umwälzungen seit Erfindung des Buchdrucks geht. Diese birgt Chancen und Risiken für das Zusammenleben.

Die Zivilgesellschaft lebt von der Partizipation der Bürgerinnen und Bürger. Partizipation setzt Autonomie voraus. Was aber heißt heute Autonomie? Kann angesichts der zunehmenden Transparenz in der digitalen Welt noch von der Selbstbestimmung der Person gesprochen werden? Wie verändert die Digitalisierung unser Verständnis von Politik? Welche rechtlichen Rahmenbedingungen bedarf es, um den Menschen vor dem totalen Zugriff zu schützen? Wie hängen Transparenz auf der einen, Autonomie auf der anderen Seite zusammen? Lässt sich beispielsweise der Gedanke „digitaler Bürgerrechte“ konsistent umsetzen oder bleibt er eine Utopie?

Anhand folgender Themenbereiche sollen Chancen und Risiken des digitalen Lebens ausgelotet werden: „Politik und Liquid Democracy“, „Digitales Leben“, „Digitale Bürgerrechte“ und „Digitale Wissenschaft“.

Referenten sind u. a.  Yoko Arisaka, Jens Best, Ulrich Hemel, Andreas Hetzel, Lilian Landes, Jürgen Manemann, Lena Pint, Marina Weisband.

Weitere Informationen und Anmeldemöglichkeiten finden sich auf der Tagungshomepage.

Einladung Forum Sozialethik 2016

Vom 05.-07. September findet 2016 die Jahrestagung des Forum Sozialethik statt. Das Thema könnte aktueller kaum sein: “Flucht – Zuwanderung – Integration. Multidisziplinäre und normative Vergewisserungen zu Herausforderungen der Migration”.

Etwa eine Millionen Menschen haben allein im letzten Jahr Zuflucht in Deutschland gesucht. Klatschende Bürger/innen, die die Flüchtlinge mit offenen Armen empfangen haben, wurden zum Symbol einer neuen deutschen Willkommenskultur. Monate später ist das Engagement der Freiwilligen ungebrochen – nicht nur in Deutschland –, doch es bilden sich auch nationalistische Gegenbewegungen.

Die gegenwärtigen Ereignisse stellen uns deshalb vor die Aufgabe, im gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Diskurs, Antworten auf höchst komplexe Fragen rund um die „Herausforderungen der Migration“ zu finden. Nicht zuletzt müssen normative Begründungen für konstruktive Lösungen auch die Akzeptanz einer Gesellschaft gewinnen, denn Deutschland und die EU-Mitgliedsstaaten ringen bis heute um langfristige und tragfähige Ansätze zur Aufnahme und Verteilung derjenigen Flüchtlinge, die Europa erreichen.

Das Forum Sozialethik 2016 möchte ein Beitrag zu diesen – nicht nur ethisch bedeutsamen – Diskursen sein. Angefangen bei der Frage „Grenzen setzen oder öffnen?“ beleuchten wir diesen Themenkomplex aus der „Perspektive Integration“. Dabei setzen wir uns mit der Rolle von „Identität und Religion“ auseinander und suchen nicht zuletzt Antworten hinsichtlich der „Vorbeugung von Fluchtursachen“.

Dazu laden das Vorbereitungsteam und die KOMMENDE Dortmund herzlich ein. Weitere Informationen zu Programm und Anmeldung finden sich auf der Tagungswebsite.

CfP „Migration, Integration, Inklusion“, Jahrestagung Netzwerk Medienethik 2017

Das Netzwerk Medienethik veranstaltet im Februar 2017 seine Jahrestagung unter dem Titel „Migration, Integration, Inklusion – medienethische Herausforderungen und Potenziale für die digitale Mediengesellschaft“. Mit dem jetzt veröffentlichten Call for Papers zur Jahrestagung 2017 laden die Veranstalter Kolleginnen und Kollegen aus der Wissenschaft ebenso wie Kommunikationsexperten aus der Praxis herzlich ein, sich mit einem Beitrag an der Tagung zu beteiligen. – Die Tagung wird wie immer das Gespräch zwischen Wissenschaft und Praxis anzielen.

Die vollständige Einladung zur Einreichung finden Sie hier (offen bis 1.10.2016). Die Tagung findet statt am 16.-17. Februar 2017 in München und wird ausgerichtet zusammen mit der Fachgruppe Kommunikations- und Medienethik in der DGPuK und in Kooperation mit der Akademie für politische Bildung, Tutzing.

Integrationsfunktion der Medien im Zeitalter der Migration

Integration gilt als eine der wichtigsten Aufgaben der Massenmedien. Denn in einer demokratischen Gesellschaft haben diese den Auftrag, zum sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft beizutragen. Integration kann in einer pluralistischen Gesellschaft jedoch nur dann gelingen, wenn verschiedene gesellschaftliche Wirklichkeitsentwürfe und Werte eine Chance haben, an der Gestaltung gesellschaftlicher Realitäten mitzuwirken. Massenmedien müssen sich somit daran messen lassen, ob und in welchem Maße es ihnen gelingt, einen Dialog zwischen Individuen mit ganz unterschiedlichen Einstellungen, Werten und Wirklichkeitsentwürfen herzustellen.

Das so beschriebene medienethische Feld der Integration wird aktuell besonders durch Zuwanderung, Flucht und Migration herausgefordert. Dies nimmt die Tagung zum Anlass, Integration und Inklusion und ihre Anforderungen an die (digitale) Mediengesellschaft zum Thema ihrer Jahrestagung 2017 zu machen. Im Vordergrund steht zum einen die Frage nach den Möglichkeiten, durch Medien und digitale Dienste gesellschaftliche Integration und Inklusion zu rahmen und zu unterstützen. Zum anderen soll eine medienethische Bestandsaufnahme zur journalistischen Berichterstattung zu diesen Themen erfolgen.

Call ist offen formuliert

Die Tagung beschäftigt sich mit den normativen Fragestellungen des Integrationsauftrages der Medien in ganzer Komplexität und Breite. Der Call ist offen formuliert und soll Personen aus Praxis und Theorie wie auch unterschiedlichen Spezialisierungsgebieten ansprechen.

Aktualisierte Informationen finden sich auf der Tagungs-Website.

Tagungsbericht: „Der philosophische Pragmatismus in der Bewährung“

(von Ana Honnacker)

Am 3. und 4. Juni 2016 lud das Rottendorf-Projekt an der Hochschule für Philosophie München zu seinem jährlich stattfindenden Symposion ein. Ziel der Veranstaltung unter Leitung von Prof. Dr. Alexander Filipović war es, die philosophische Tradition des Pragmatismus auf dessen Potentiale für die Bearbeitung „gesellschaftliche[r] Konflikte zu Beginn des 21. Jahrhunderts“ (so der Untertitel der Konferenz) hin zu befragen.

Dabei wurde ein weiter thematischer wie disziplinärer Bogen geschlagen, der die Bandbreite der möglichen Anknüpfungspunkte pragmatistischen Denkens aufzeigte, diese zugleich aber immer auch wieder auf ihr Gemeinsames zusammenführte. Dieser rote Faden wurde gelegt mit dem Vortrag von Prof. Andrea Esser (Philosophie, Universität Jena), der, v.a. ausgehend von C.S. Peirce, die grundlegende Denkdynamik des philosophischen Pragmatismus nachzeichnete. Esser stellte insbesondere das kritische Potential, das aus der Hinwendung zum Primat der Praxis entsteht, in den Vordergrund. Die pragmatistische Einsicht in die Fallibilität von Zeichenzusammenhängen und (Selbst-)Deutungen transformiere die Suche nach Wahrheit in eine gemeinsame Bemühung um gesicherte Überzeugungen, ein genuin öffentliches Wissen, das in produktiven Forschungszusammenhängen erreicht und immer wieder neu geprüft wird.

Dr. Mara-Daria Cojocaru (Philosophie, Hochschule für Philosophie München) nahm in ihrem Vortrag die Frage nach den Idealen im Pragmatismus auf. Das formale Ideal des Wachstums, sei es als Zunahme konkreter Vernünftigkeit (Peirce) oder von Selbstverwirklichung (Dewey), führe zur globalen Solidarität. Das „Prinzip gelebten Zweifels“ diene dabei als affektiver Antrieb. Ob allerdings mit Rorty die (Sprach-)Gemeinschaft gegenüber der Erkenntnis Vorrang habe, oder – mit Peirce – umgekehrt, und mit welchem Zugang die Hoffnung auf globale Solidarität stärker zu untermauern sei, bliebe noch zu diskutieren.

Eine deutlich kritische Perspektive auf das Konzept des homo oeconomicus brachte Dr. Andreas Gösele SJ (Sozialethik, Hochschule für Philosophie München) ein. Mit Dewey zeigte Gösele, das diese anthropologische Annahme, gleichwohl weit über die Wirtschaftswissenschaften hinaus wirksam, einem pragmatistischen „Realitätscheck“ nicht standhalten kann. Allein der Theorieansatz, aus einem fixierten und vermeintlich „natürlichen“ Menschenbild allgemeingültige Gesetze über menschliches Handeln abzuleiten, könne als verfehlt betrachtet werden. Dem entgegenzusetzen und zu entwickeln sei vielmehr das alternative Bild des homo democraticus.

Der Vortrag von Prof. Dr. Michael Reder (Philosophie, Hochschule für Philosophie München) brachte die Traditionen des Pragmatismus und des Poststrukturalismus zusammen, um eine angemessene Demokratietheorie zu entwerfen. Dabei hob er zunächst auf die Verkürzungen des prägenden Paradigmas des politischen Liberalismus ab: die Setzung des Sozialen als sekundär gegenüber den als frei aufgefassten Subjekten und die Fokussierung auf Recht und Gerechtigkeitsprinzipien, die auf rein deliberative Verfahren setzen. Unter Rückgriff auf den Pragmatismus könne das Wechselverhältnis von Individuum und Gesellschaft besser gefasst werden und Deliberation um die Komponente der reflexiven Verarbeitung von (disruptiven) Erfahrungen erweitert werden. Jedoch habe, so Reder, auch dieser Ansatz einen blinden Fleck. Der Pragmatismus übersehe nämlich die aporetische Struktur von Demokratie und sei nicht in der Lage, die Vermachtung des Sozialen zu erfassen. Reder plädierte dafür, dass diese Mängel durch eine alternative Heuristik sichtbar gemacht werden müssten, etwa durch Bezug auf Butler oder Foucault.

Dr. Benjamin Herborth (International Relations, University of Gronigen) stellte eine Kritik staatszentrierten Denkens im Anschluss an den „radikalen Demokraten“ Dewey vor, und forderte, vor dem Hintergrund der Globalisierungsdebatte über den Staat hinaus und damit in einem grundlegend anderen begrifflichen Rahmen zu denken. Herborth identifizierte den Begriff des Staates als regelrechte Denkblockade mit quasi-transzendentalem Status, der mit seiner absolutistischen Logik selbst bis in aktuelle transnationale Überlegungen hineinreiche. Als „schlechte Abstraktion“ verstelle er unsere Visionen für politische Lösungen in einer globalisierten Welt.

Auf seine Implikationen für die philosophische Ethik hin befragte Prof. Dr. Dr. h.c. Julian Nida-Rümelin (Philosophie, Universität München) den Pragmatismus. Dieser könne vor allem als ein Kontrapunkt zu rationalistischen Ethiken fungieren, die Gefahr liefen, die Quellen der Normativität versiegen zu lassen, indem sie sich rein auf logische Prinzipien beriefen. Moralische Überzeugungen ließen sich jedoch nicht strikt deduktiv-abstrakt gewinnen, sondern seien stets in lebensweltliche Kontexte eingebettet. Keineswegs sei damit jedoch einem Relativismus das Wort geredet, vielmehr diene das in der Praxis angelegte Ideal der inkludierenden Kohärenz zugleich als Kriterium der Beurteilung moralischer Situationen und als Antrieb zu moralischer Entwicklung.

Für ein Zusammendenken der beiden Wurzeln pragmatistischer Religionstheorie sprach sich schließlich Prof. Dr. Dr. h.c. Hans Joas (Religionssoziologie, HU Berlin) aus: die empirische Religionspsychologie von William James mit ihrem Abheben auf individuelle Erfahrung auf der einen Seite, Peirces Semiotik auf der anderen Seite. In Josiah Royces Ansatz sei zwar eine Theorie der Interpretation religiöser Erfahrung vorgelegt worden, die die hermeneutische Lücke zwischen der Erfahrung des Subjekts und der sozial-institutionell vermittelten Deutung zu schließen versuche. Jedoch, so Joas, habe Royce wiederum eine allzu versöhnliche Teleologie eingeführt, die den Sinn für das Tragische, die echten Verluste und Verlustträger der Geschichte, den zumindest James aufweist, verliere. Es gelte, aus den Quellen des Pragmatismus eine Religionstheorie zu schöpfen, die der prekären Situation des Menschen Rechnung trage.

Der Tagung ist es gelungen, den Pragmatismus und dessen Potentiale sowohl für Forschende anderer Denktraditionen zu erschließen und ihn als relevante und produktive Haltung vorzustellen, als auch den „innerpragmatistischen“ Diskurs zu vertiefen und weiter aufzufächern. Die zum Teil lebhaft geführten Diskussionen im Anschluss an die Vorträge und bis in die Pausen hinein können als Zeichen dafür gelesen werden, dass nicht nur die in Deutschlang lange zögerliche Rezeption des Pragmatismus noch weiter vorangetrieben werden muss, sondern auch der Selbstverständigungsprozess darüber, wie sich der Pragmatismus verortet und wohin er führt, noch am (verheißungsvollen) Anfang stehen.

Zum detaillierten Tagungsprogramm

Ana Honnacker, Dr. phil., wiss. Assistentin am Forschungsinstitut für Philosophie Hannover

Neues aus der Friedensforschung

(c) Thomas Max Müller / pixelio.de

Migration ist ein friedensethisch relevantes Problem: Was fast schon trivial klingt, wird durch das soeben erschienene Friedensgutachten 2016 und den neuen Global Peace Index bestätigt und wissenschaftlich unterfüttert. Die weltweite Zunahme von Flucht- und Wanderungsbewegungen korrespondiert demnach einem globalen “Rückzug” des Friedens und dem bereits im Februar vom Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI konstatierten Anstieg der weltweiten Rüstungsausgaben.

Angesichts dieser Entwicklungen plädieren die Autoren des Friedensgutachtens für strukturelle Veränderungen wie eine gerechtere Welthandelsordnung und mehr Ressourcen für zivile Konfliktbewältigung. In der flankierenden Presseeklärung fordern sie unter anderem ein Ende der Waffenlieferungen nach Saudi-Arabien, an kurdische Peschmerga-Kämpfer und generell in Krisengebiete. Hinzu kommt scharfe Kritik an Integrationshemmnissen wie der Wohnsitzauflage und dem erschwerten Zugang zu Sprachkursen.

Das Friedensgutachten ist das gemeinsame Jahrbuch des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg, des Instituts für Entwicklung und Frieden der Universität Duisburg-Essen, der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft, der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung und des Internationalen Konversionszentrums. Der ebenfalls jährlich erscheinende Global Peace Index wird herausgegeben vom Institute for Economics and Peace.

CfP Berliner Werkstattgespräch 2017: Krise der Europäischen Union – Herausforderung für die christliche Sozialethik

Das nächste Berliner Werkstattgespräch wird sich vom 20.-22.02.2017 mit der “Krise der Europäischen Union” als Herausforderung für die christliche Sozialethik beschäftigen. Dazu hat die Vorbereitungsgruppe einen Call for Papers veröffentlicht.

Einsendungen werden erbeten zu den Themenschwerpunkten der Tagung

  1. Problemanalyse – was läuft falsch in /mit der Europäischen Union?
  2. Die Rolle der christlichen Kirchen / religiösen Akteure in der EU
  3. Europäisierung und/oder Re-Nationalisierung – sozialethische Aspekte auf politische Entwicklungen (in) der EU
  4. Ideelle Grundlagen für die Zukunft der Europäischen Union
  5. Die globale Verantwortung der EU

Aus den Einsendungen werden Themen ausgewählt für die Workshops im Rahmen der Tagung sowie Beiträge für eine geplante Veröffentlichung.

Einsendeschluss ist der 15. September 2016. Der ausführliche Call mit sämtlichen Informationen findet sich hier.

Stellenausschreibungen: Künftige Generationen in der Demokratie

Im Rahmen des Forschungsprojektes „Zukünftige Generationen als Leerstelle der Demokratie – Repräsentation und Beteiligung angesichts ökologischer und institutioneller Herausforderungen“ sind zum 01.10.2016 zwei Mitarbeiterstellen (50 %, zunächst befristet auf 2 Jahre) zur Neubesetzung ausgeschrieben.

Das Projekt soll Fragen der intergenerationellen Gerechtigkeit respektive der Berücksichtigung künftiger Generationen in demokratischen Systemen untersuchen und ist angegliedert an den Lehrstuhl für Praktische Philosophie mit Schwerpunkt Völkerverständigung der Hochschule für Philosophie München (Prof. Dr. Michael Reder). Zu den Aufgaben der Mitarbeiter_innen gehören unter anderem die Bearbeitung der Forschungsfrage, die Teilnahme an und Organisation von Tagungen und Workshops sowie die Mitwirkung an gemeinsamen Publikationen. Die Anfertigung einer Dissertation ist ausdrücklich erwünscht.

Bewerber_innen sollten ein Studium im Bereich der Philosophie oder der theoretisch orientierten Sozialwissenschaften und sehr gute Englischkenntnisse vorweisen können. Einsendeschluss für Bewerbungen ist der 01.07.2016. Alle notwendigen Informationen finden sich in der Stellenausschreibung.

CfP: Religiöse Pluralisierung – gesellschaftliche Polarisierung – politische Desintegration

Die Deutsche Sektion der Europäischen Gesellschaft für katholische Theologie lädt vom 3.-5. November 2016 nach Stuttgart-Hohenheim zu einer Fachtagung mit dem Thema “Religiöse Pluralisierung – gesellschaftliche Polarisierung – politische Desintegration. Die Krise Europas als Herausforderung für die Theologie”.

Die europäischen Gesellschaften durchlaufen derzeit einen tiefgreifenden Wandel, der die Integration Europas selbst in Frage stellt: Im europäischen Haus zeigen sich tiefe Risse. Die Dramatik der Krisen erstreckt sich von den Anschlägen von Paris und Brüssel, der Finanzkrise und dem drohenden „Brexit “, über das Erstarken euroskeptischer und nationalistischer Strömungen, die Bedrohung durch den islamistischen Terror und den Anstieg islamophober Stereotypen, bis hin zur Flüchtlingskrise, zur globalen Migration und zur damit verbundene religiösen und kulturellen Pluralisierung. Die Debatten um die „Seele Europas“, um eine europäische Verfassung und um den Stellenwert des religiösen, kulturellen Erbes gerade mit Blick auf den Islam haben deutlich gemacht, dass mit der politischen auch die religiöse Dimension an Bedeutung gewinnt. Damit geht es um Themen, die in den Kernbereich theologischer Arbeit hineinreichen, die öffentliche Positionierung, theologische Aufklärung und interreligiösen Dialog fordern.

Die Tagung will einen neuen Diskurs um die Zukunft Europas und den Beitrag der Theologie(n) eröffnen. In diesem Rahmen richtet sich dieser Call for Papers ausdrücklich auch an den wissenschaftlichen Nachwuchs.

Der ausführliche Call for Papers findet sich hier. Abstracts können bis zum 1. August 2016 eingeschickt werden.

Tagung: Grenzenlose Hilfsbereitschaft?

Am 9.und 10. Mai 2016 findet in der Thomas Morus Akademie in Bensberg eine Tagung zum Thema “Grenzenlose Hilfsbereitschaft? Migration als Herausforderung der europäischen Kirche” statt.

Die große Zahl von Flüchtlingen und das hohe Potenzial an Zuwanderungswilligen aus Nordafrika und dem Nahen Osten werden in den europäischen Gesellschaften trotz Hilfsbereitschaft besorgt wahrgenommen. Vielerorts haben populistische Bewegungen einen starken Zulauf.

Was geht in den einzelnen europäischen Ländern vor sich? Wie sind die populistischen Reaktionsweisen – die teilweise auch innerhalb der Kirchen Zuspruch finden – zu verstehen und welche Unterstützung benötigt die katholische Hilfsarbeit, sowohl von der Kirche als auch von der Politik? Welche Probleme, Aufgaben, Chancen und Neuaufbrüche eröffnen sich aus der Flüchtlingskrise für die Kirche und ihre Gemeinden? Angesichts der Migrationsbewegungen nach Europa stellt sich zudem die Frage nach dem europäischen Horizont der katholischen Hilfsarbeit – und nach der Position, die die Kirche zu Europa bezieht.

Nähere Informationen sowie ein Pdf mit dem konkreten Tagungsprogramm und Anmeldeoptionen finden sich hier.

CfP: Konferenz der Flüchtlingsforschung 2016

Vom 06.-08.10.2016 findet an der Universität Osnabrück die erste Konferenz der Flüchtlingsforschung statt. Ausgerichtet wird sie vom Netzwerk Flüchtlingsforschung, das seit einigen Jahren über alle Fächergrenzen hinweg Wissenschaftler_innen verbindet, die in oder mit Bezug zu Deutschland an Fragen von Flucht und Migration arbeiten. Sichtbares Ergebnis dieser Netzwerkarbeit ist unter anderem der lesenswerte und regelmäßig aktualisierte FlüchtlingsforschungsBlog.

Die Konferenz umfasst 34 Panels, von denen einige – nicht zuletzt vor dem Hintergrund der diesjährigen Forumstagung zum Thema Migration – auch für Sozialethiker_innen interessant sein dürften. Darunter befinden sich zwei Panels zu “Flucht und Bildung” (Nr. 12), eines zu ethischen Fragen der Flüchtlingspolitik (Nr. 14) sowie eines zu Flüchtlingsarbeit als Friedensarbeit (Nr. 15).

Abstracts für Vorträge zu einzelnen Panels können noch bis zum 31.03.2016 eingereicht werden. Alle relevanten Informationen dazu sowie eine Liste der Panels enthält der ausführliche Call for Papers; für Nützliches und Wissenswertes zur Tagung gibt es zudem eine eigene Informationsseite.