Archive for the 'Medienethik' Category

Internetbewertungsportale: “Entsorgung von Zivilcourage”

Die Zeitschrift PÄDAGOGIK widmet sich in ihrer aktuellen Aprilausgabe (4/2010) einem  Problem, das für alle Lehrenden aktuell ist, das aber medienethisch wie bildungsethisch gegenwärtig kaum Beachtung findet. Reinhold Miller (S. 36 f.) und Armin Bernhard (S. 38 f.) diskutieren über “spickmich.de”, ein Internetbewertungsportal, mit dem Schüler ihre Lehrer anonym bewerten können.

Reinhold Miller, Lehrerfortbildner und pädagogigscher Fachbuchautor, gesteht “spickmich.de” zwar zu, Schülern ein “rettendes Ventil” zu bieten, wenn es Kommunikationsprobleme mit Lehrern gibt. Einer pädagogischen Feedbackkultur wird dieses Instrument seiner Meinung nach aber in keiner Weise gerecht: “Spickmich im Internet, ein persönliches Gespräch in der Schule oder ein Feedbackprozess unterscheiden sich erheblich in der Qualität zwischenmenschlicher Beziehung voneinander.” Zudem verweist Miller auf die Gefahren, die von solchen Internetbewertungsportalen ausgehen können: Lehrer werden öffentlich an den Pranger gestellt, der Datenschutz wird verletzt und einer allgemeinen Stimmungsmache wird Tür und Tor geöffnet.

Sehr viel weiter mit seiner Kritik geht Armin Bernhard. Für den Essener Pädagogikprofessor steigert die anonyme Bewertung “die kollektive Unmündigkeit” und höhlt die zentrale Erziehungsaufgabe der Schule aus. Initiativkraft, Selbstvertrauen und Mut werden von “spickmich.de” nicht gefördert: “Dies ist [...] nur möglich, wenn den Heranwachsenden ein Rahmen zur Verfügung gestellt wird, innerhalb dessen sie lernen, sich mit den Personen ihrer unmittelbaren Umgebung auseinanderzusetzen. Sie wachsen am Widerstand, der ihnen im interpersonalen Austausch in Form von Anforderungen entgegengesetzt wird. Sie arbeiten sich systematisch an der Autorität anderer Personen ab und entwickeln über die Abarbeitung höhere Stufen von Autonomie.” Am Ende kommt Bernhard zu dem Schluss, dass  derartige Internetbewertungsportale die “Entzivilisierung der Gesellschaft” förderten, nicht aber Zivilcourage: “Eine zukunftsfähige Gesellschaft aber benötigt kritische und widerständige Menschen und keine geistigen Heckenschützen.” Dieses Urteil fällt deutlich aus.

Bisher haben deutsche Gerichte die Meinungsfreiheit hingegen höher gewichtet als die Persönlichkeitsrechte der Lehrenden. Unser Nachbarland Frankreich urteilt hier anders. Dort werden Internetbewertungsportale als unvereinbar mit der Erziehungsaufgabe der Schule abgelehnt. Dass die Erziehungsaufgabe der Schule immer wichtiger wird, hat erst in dieser Woche eine neue Studie des Deutschen Industrie- und Handelskammertages gezeigt und darauf hingewiesen, dass immer mehr Familien ihrer Erziehungserstverantwortung nicht mehr gerecht werden. Gerade angesichts einer derartigen Diagnose ist es dringend geboten, den Lehrenden bei ihrem schulischen Erziehungsauftrag den Rücken zu stärken, statt diesen immer weiter gesellschaftlich auszuhöhlen.

Erziehung ist nur als personales Handeln denkbar, damit machen sich pädagogische Akteure zwangsläufig aber auch verletzbar. Lehrer haben daher ein besonderes Anrecht darauf, dass ihre Persönlichkeitsrechte hinreichend geschützt sind. Dies schließt auch ein, dass das Reden und Handeln im Rahmen der Schulöffentlichkeit nicht ungeschützt im Internet öffentlich gemacht werden darf. Die vom Dienstgeber beanspruchte Sozialsphäre der Lehrenden ist strikt funktionsangemessen zu begrenzen. Umgekehrt hat der Dienstgeber, will er seinem Schutzauftrag gerecht werden, Lehrende davor zu schützen, dass ihre persönlichen Daten ungefragt, ungeregelt oder mit kommerziellem Interesse weiterverbreitet werden.

Die erweiterten Möglichkeiten im Web 2.0 fordern bildungspolitisch, medienethisch und juristisch zu neuen Antworten heraus. Wenn die Zeitschrift PÄDAGOGIK diese wissenschaftliche, gesellschaftliche und politische Diskussion nun angestoßen hat, ist das sehr zu begrüßen.

(Axel Bernd Kunze)


Beitrag zum Zugangserschwerungsgesetz

Ein Ergebnis der zu Ende gehenden Legislaturperiode ist das sogenannte “Zugangserschwerungsgesetz”, das auf eine Initiative von Bundesfamilienministerin von der Leyen zurückgeht und das den Zugang zu kinderpornographischen Inhalten im Internet erschweren soll. Das Gesetzesvorhaben ist wegen der damit verbundenen massiven rechtsstaatlichen Probleme heftig kritisiert worden. Ministerin von der Leyen, die von den Gegnern des Gesetzes als “Zensursula” bezeichnet wird, hat sich heute noch einmal aktuell in der Presse hierzu geäußert.

Eine aktuelle Kommentierung des Gesetzesvorhabens findet sich unter folgendem Link:
http://www.lawblog.de/index.php/archives/2009/08/02/die-meinungsfreiheit-als-sondermull/

Das Gesetz sollte ursprünglich zum 1. August 2009 in Kraft treten, gegenwärtig liegt es dem Bundespräsidenten noch gar nicht zur Unterschrift vor. Der Rechtsberater der Bundesregierung, Dr. Frey, hat noch einmal eindringlich dazu aufgerufen, das Gesetz aufgrund der handwerklichen Mängel, der zahlreihen rechtsstaatlichen Bedenken und einer verfassungswidrigen Kompetenzüberschreitung des Bundesgesetzgebers nicht in Kraft treten zu lassen. Die F.D.P. hat die Rücknahme dieses Gesetzes inzwischen zur Vorbedingung für etwaige Koalitionsverhandlungen gemacht.


“Neusprech im Überwachungsstaat”

“Wie lassen sich Einschränkungen der Bürgerfreiheit als Gewinn für alle verkaufen? Indem man sie sprachlich vernebelt. Ein Katalog des Neusprech zur Inneren Sicherheit.” - So beginnt “Schäubles Wörterbuch”, das seit kurzem in der Onlineausgabe der “ZEIT” zu finden ist und mit dem die bekannte Hamburger Wochenzeitung die Debatte um die neuen Sicherheitsgesetze kritisch begleiten will. Ergänzungen aus dem Leserkreis sind möglich. “Schäubles Wörterbuch” ist zu finden unter: http://www.zeit.de/online/2009/04/neusprech-schaeuble-lexikon. Dort findet sich auch der Vortrag “Neusprech im Überwachungsstaat” , den der Bamberger Professor Martin Haase Ende November 2008 vor der Willy-Aron-Gesellschaft Bamberg e. V. hielt. Der Vortrag lieferte wichtige Anregungen für das Projekt, das die “ZEIT” jetzt gestartet hat.


Medienethiktagung zur Ethik des Web 2.0

Das Netzwerk Medienethik lädt ein zu ihrer Jahrestagung 2009 zum Thema “Web 2.0. Neue Kommunikations- und Interaktionsformen als Herausforderung der Medienethik” von Do 12. - Fr 13. Februar 2009 in München.

Die Tagung verfolgt den Anspruch, ethische und normative Dimensionen des Web 2.0 zu beleuchten. Themen sind Gewalt im Internet, Datenschutz und Datensicherheit, Ethikkonzepte von der Unternehmenskommunikation bis zu künstlichen Welten, Philosophische Reflexionen, Netzbilder, Medienselbstkontrolle, Öffentlichkeit und Gegenöffentlichkeit.

Weitere Informationen hier.


Berliner Werkstattgespräch 2008

Das Berliner Werkstattgespräch der Sozialethikerinnen und Sozialethiker (genauer: die Sektion “Sozialethik” der internationalen Vereinigung für Moraltheologie und Sozialethik) widmet sich in diesem Jahr dem Thema “Medienrealitäten. Sozialethische Analysen”. Die Tagung findet vom 25. bis 27. Februar 2008 in der Katholischen Akademie Berlin statt. Eingeladen sind Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus dem Bereich der Christlichen Sozialethik. Voraussetzung der Tagungsteilnahme ist ein abgeschlossenes Promotionverfahren.

Das Programm sieht vor:

  • “Gesellschaftsethische Rahmentheorien der Medienkommunikation” (WALTER LESCH)
  • “Theologische Positionen zur Ethik der Medienkommunikation” (ELMAR KOS)
  • “Die explizite Thematisierung von Religion als Novum in der populären Medienkommunikation am Beispiel von Comics” (THOMAS HAUSMANNINGER)
  • “Unterhaltsame Medienmoral. Star Trek als Sozialethik der Zukunft?” (MICHAEL SCHRAMM)
  • “Ausgrenzungen und Öffentlichkeiten in weltanschaulich pluralen Gesellschaften: Aspekte einer ’solidarischen Medienethik’” (CHRISTOPH BAUMGARTNER)
  • “‘Politische und religiöse’ Inszenierungsformen im Propagandafilm „Triumph des Willens“ (1935) von Leni Riefenstahl: Filmanalytische Einführung und Filmrezeption” (THOMAS BOHRMANN)
  • Politikverdrossenheit und Medienschelte: Welche Ethik braucht politische Kommunikation?“, Öffentliche Abendveranstaltung in Kooperation mit der Katholischen Akademie; mit PETER FREY (ZDF), OSWALD METZGER und ALEXANDER FILIPOVIĆ
  • Sozialethische Herausforderungen des Web 2.0 (ALEXANDER FILIPOVIĆ, JOHANNES FRÜHBAUER)

Vgl. auch den Flyer zur Tagung.


Tagung zur “Internetökonomie und Ethik”

Wirtschaftsethische und internetethische Problemstellungen verbindet eine Tagung in Münster Anfang Dezember in der Akademie Franz Hitze Haus, auf die ich an anderer Stelle hingewiesen habe.

Bei der Anfang Dezember 2007 in Münster stattfindenden Tagung “Internetökonomie und Ethik” geht es um wirtschaftsethische und moralökonomische Perspektiven des Internets. Die Schwerpunktthemen sind dabei:

  • Ethisch sensible Problemfelder in der digital vernetzten Wirtschaft
  • Der gläserne Mensch: RFID-Technik, Cookies etc.
  • Digital divide / Der elektronische Graben (global und national)

Datum: Mittwoch. 05.12, 14:30 - Freitag. 07.12, 13:00
Tagungsort: Akademie Franz Hitze Haus, Münster,
Information und Anmeldung.

Update (18.10.07): Mittlerweile gibt es auch ein Programm.


Informations-Technik und Ethik

Technik (oder Technologie?) kann heile oder kaputt sein. Das sind dann aber eher Probleme, die Ingenieure zu lösen haben. Technikethik als sozialethischer Bereich hat andere Fragestellungen im Blick, die die Zusammenhänge von Technik und Gesellschaft berühren. Auf www.netzwerk-medienethik.de macht Michael Nagenborg auf den UNESCO-Report “Ethical Implications of Emerging Technologies” (Paris 2007) aufmerksam. Ich zitiere:

“The Infoethics Survey of Emerging Technologies prepared by the NGO Geneva Net Dialogue at the request of UNESCO aims at providing an outlook to the ethical implications of future communication and information technologies. The report further aims at alerting UNESCO’s Member States and partners to the increasing power and presence of emerging technologies and draws attention to their potential to affect the exercise of basic human rights.” (S. 4)