Archive for the 'Bildungsethik' Category

Page 2 of 4

Internetbewertungsportale: “Entsorgung von Zivilcourage”

Die Zeitschrift PÄDAGOGIK widmet sich in ihrer aktuellen Aprilausgabe (4/2010) einem  Problem, das für alle Lehrenden aktuell ist, das aber medienethisch wie bildungsethisch gegenwärtig kaum Beachtung findet. Reinhold Miller (S. 36 f.) und Armin Bernhard (S. 38 f.) diskutieren über “spickmich.de”, ein Internetbewertungsportal, mit dem Schüler ihre Lehrer anonym bewerten können.

Reinhold Miller, Lehrerfortbildner und pädagogigscher Fachbuchautor, gesteht “spickmich.de” zwar zu, Schülern ein “rettendes Ventil” zu bieten, wenn es Kommunikationsprobleme mit Lehrern gibt. Einer pädagogischen Feedbackkultur wird dieses Instrument seiner Meinung nach aber in keiner Weise gerecht: “Spickmich im Internet, ein persönliches Gespräch in der Schule oder ein Feedbackprozess unterscheiden sich erheblich in der Qualität zwischenmenschlicher Beziehung voneinander.” Zudem verweist Miller auf die Gefahren, die von solchen Internetbewertungsportalen ausgehen können: Lehrer werden öffentlich an den Pranger gestellt, der Datenschutz wird verletzt und einer allgemeinen Stimmungsmache wird Tür und Tor geöffnet.

Sehr viel weiter mit seiner Kritik geht Armin Bernhard. Für den Essener Pädagogikprofessor steigert die anonyme Bewertung “die kollektive Unmündigkeit” und höhlt die zentrale Erziehungsaufgabe der Schule aus. Initiativkraft, Selbstvertrauen und Mut werden von “spickmich.de” nicht gefördert: “Dies ist [...] nur möglich, wenn den Heranwachsenden ein Rahmen zur Verfügung gestellt wird, innerhalb dessen sie lernen, sich mit den Personen ihrer unmittelbaren Umgebung auseinanderzusetzen. Sie wachsen am Widerstand, der ihnen im interpersonalen Austausch in Form von Anforderungen entgegengesetzt wird. Sie arbeiten sich systematisch an der Autorität anderer Personen ab und entwickeln über die Abarbeitung höhere Stufen von Autonomie.” Am Ende kommt Bernhard zu dem Schluss, dass  derartige Internetbewertungsportale die “Entzivilisierung der Gesellschaft” förderten, nicht aber Zivilcourage: “Eine zukunftsfähige Gesellschaft aber benötigt kritische und widerständige Menschen und keine geistigen Heckenschützen.” Dieses Urteil fällt deutlich aus.

Bisher haben deutsche Gerichte die Meinungsfreiheit hingegen höher gewichtet als die Persönlichkeitsrechte der Lehrenden. Unser Nachbarland Frankreich urteilt hier anders. Dort werden Internetbewertungsportale als unvereinbar mit der Erziehungsaufgabe der Schule abgelehnt. Dass die Erziehungsaufgabe der Schule immer wichtiger wird, hat erst in dieser Woche eine neue Studie des Deutschen Industrie- und Handelskammertages gezeigt und darauf hingewiesen, dass immer mehr Familien ihrer Erziehungserstverantwortung nicht mehr gerecht werden. Gerade angesichts einer derartigen Diagnose ist es dringend geboten, den Lehrenden bei ihrem schulischen Erziehungsauftrag den Rücken zu stärken, statt diesen immer weiter gesellschaftlich auszuhöhlen.

Erziehung ist nur als personales Handeln denkbar, damit machen sich pädagogische Akteure zwangsläufig aber auch verletzbar. Lehrer haben daher ein besonderes Anrecht darauf, dass ihre Persönlichkeitsrechte hinreichend geschützt sind. Dies schließt auch ein, dass das Reden und Handeln im Rahmen der Schulöffentlichkeit nicht ungeschützt im Internet öffentlich gemacht werden darf. Die vom Dienstgeber beanspruchte Sozialsphäre der Lehrenden ist strikt funktionsangemessen zu begrenzen. Umgekehrt hat der Dienstgeber, will er seinem Schutzauftrag gerecht werden, Lehrende davor zu schützen, dass ihre persönlichen Daten ungefragt, ungeregelt oder mit kommerziellem Interesse weiterverbreitet werden.

Die erweiterten Möglichkeiten im Web 2.0 fordern bildungspolitisch, medienethisch und juristisch zu neuen Antworten heraus. Wenn die Zeitschrift PÄDAGOGIK diese wissenschaftliche, gesellschaftliche und politische Diskussion nun angestoßen hat, ist das sehr zu begrüßen.

(Axel Bernd Kunze)

engagement 1/2010

Druckfrisch liegt das neue Themenheft 1/2010 der Zeitschrift “engagement. Zeitung für Erziehung und Schule” auf dem Tisch. Unter den Autoren befinden sich zwei Mitglieder des Forums Sozialethik:

Anna Noweck (missio – Internationales katholisches Missionswerk, München) schreibt über das Projekt “missio: Partner machen Schule. Eine Kooperation im Rahmen der neuen gymnasialen Oberstufe in Bayern” (S. 30 ff.).

Axel Bernd Kunze (Bereich Bildungswissenschaften der Universität Trier) berichtet unter dem Titel “Plädoyer für eine Freiheit aus christlicher Verantwortung” über das neue Handbuch der Katholischen Soziallehre (S. 46 ff.).

Das aktuelle Themenheft, verantwortet von Rafael Frick (PH Ludwigsburg), beschäftigt sich mit der Berufsorientierung Katholischer Schulen. Als weitere Themen sind in diesem Jahr geplant: Koedukation, Biedukation und Monoedukation (Heft 2/2010), Ganztagsschule (Heft 3/2010), Lehrerbildung (Heft 4/2010). Den Auftakt im kommenden Jahr bildet das Thema Institution und Familie in der Bildung (Heft 1/2011).

Die Zeitschrift “engagement” wird herausgegeben vom Arbeitskreis Katholischer Schulen in freier Trägerschaft in der Bundesrepublik Deutschland (AKS) unter der Schriftleitung von Lukas Schreiber. Die Zeitschrift erscheint im Münsteraner Verlag Aschendorff; ein Jahresabonnement kostet 25 Euro zuzüglich Porto.

Neuerscheinung: Stefan Meyer-Ahlen – Ethisches Lernen

Hier ein Hinweis auf das gerade erschienene Buch des theologischen Ethikers Stefan Meyer-Ahlen:

Vor dem Hintergrund einer pluralistischen Gesellschaft kommt Fragen der Wertevermittlung, der Werterziehung – oder allgemeiner – der Unterstützung bei der Suche nach verlässlichen Orientierungsangeboten für das eigene Handeln eine wachsende Bedeutung zu.

Bei Überlegungen zum ethischen Lernen aus Pädagogik, Philosophie, Soziologie und Psychologie wird gezeigt, dass auch die religiöse Dimensionen überaus relevant ist. Sie schafft einen zusätzlichen Ermöglichungsgrund und eine besondere Motivation, sich auf den je persönlichen Weg des Findens von Werten und Maßstäben zu machen.

Anhand ausgewählter Positionen lassen sich zudem Spezifika einer theologischen Ethik herausarbeiten, die zeigen, dass im christlichen Glauben entscheidende Dimensionen auszumachen sind, die zu ethischem Lernen motivieren und ein Finden der eigenen Wertmaßstäbe gelingen lassen können. Ethisches Lernen ist demzufolge zutiefst ein Anliegen der theologischen Ethik. (Verlagstext)

Bibliografische Angaben:

Meyer-Ahlen, Stefan (Hg.) (2010): Ethisches Lernen. Eine theologisch-ethische Herausforderung im Kontext der pluralistischen Gesellschaft. Paderborn: Schöningh Paderborn.

Ethik und Migration

Pünktlich zum diesjährigen Berliner Werkstattgespräch der deutschsprachigen Sozialethiker ist der Tagungsband aus dem vergangenen Jahr erschienen:

Michelle Becka, Albert-Peter Rethmann (Hgg.): Ethik und Migration. Gesellschaftliche Herausforderungen und sozialethische Reflexion, Paderborn/München/Wien/Zürich: Ferdinand Schöningh 2010, 206 Seiten.

Der Band enthält Beiträge von Christoph Hübenthal (Nijmegen/Niederlande), Heike Wagner (Wien/Österreich), Elisabeth Petzl (Wien und Salzburg/Österreich), Walter Lesch (Louvain/Belgien), Hille Haker (Frankfurt a. M.), Michelle Becka (Frankfurt a. M.), Matthias Möhring-Hesse (Vechta), Albert-Peter Rethmann (Frankfurt a. M.), Markus Babo (München und Luzern/Schweiz), Christoph Baumgartner (Utrecht/Niederlande), Axel Bernd Kunze (Trier und Bonn) und Marianne Heimbach-Steins (Münster i. W.).

Ganztagsschule

Kann die Ganztagsschule zu einem Mehr an Bildungsgerechtigkeit beitragen? Werden Kinder in der Ganztagsschule besser gefördert? Beschneidet die  verpflichtende Ganztagsschule das Erziehungsrecht der Eltern? – Über diese Fragen wird bildungsethisch kontrovers diskutiert.

Am Mittwoch, 25. November 2009, spricht Professor Dr. Volker Ladenthin, Inhaber des Lehrstuhls für Historische und Systematische Erziehungswissenschaft an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, in einem Gastvortrag an der Universität Trier über das Thema “Ganztagsschule: Chancen und Risiken”. Der Referent hat in verschiedener Form zur Ganztagserziehung geforscht; so hat er beispielsweise gemeinsam mit Jürgen Rekus den Sammelband “Die Ganztagsschule: Alltag, Reform, Geschichte, Theorie” (Verlag Juventa 2005) herausgegeben. Die Veranstaltung im Rahmen der Vortragsreihe “Blitzlichter Bildungswissenschaft” beginnt um 10.00 Uhr c. t. in Raum A 9/10 (Hauptgebäude der Universität, Universitätsring 15, Trier).

Weitere Informationen: www.bildungswissenschaften.uni-trier.de.

Bildung in der Demokratie

“Bildung in der Demokratie” – Unter diesem Titel findet vom 15. bis 17. März 2010 an der Universität Mainz der nächste Kongress der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft statt.  Die  Anmeldungen – zur Zeit noch mit Frühbucherrabatt – haben inzwischen begonnen. Weitere Informationen auf den Kongressseiten: www.dgfe2010.de.

Aktionstag Bildungsgerechtigkeit

“inFranken.de”, das Internetportal des “Fränkischen Tags” aus Bamberg, berichtet in seinem Internet-TV über einen gewerkschaftsnahen “Aktionstag Bildungsgerechtigkeit”, der am 24. Oktober 2009 an der Universität Bamberg stattfand und von einer Gruppe Studierender initiiert worden war:

http://www.infranken.de/nc/nachrichten/lokales/artikelansicht/article/bildungsgerechtigkeit-im-mittelpunkt-37986.html

Gesprächspartner sind unter anderem Achim Albrecht, Pädagogischer Leiter der Offenen Schule Waldau, Professor Dr. Rainer Geißler, Soziologe an der Universität Siegen, und Dr. Axel Bernd Kunze, Schulpädagoge an der Universität Trier.

Neuerscheinung zu kirchlichen Schulen

Die aktuelle Ausgabe (Nr. 363) der Publikationsreihe Kirche und Gesellschaft, die von der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle Mönchengladbach herausgegeben wird, widmet sich dem Themenfeld Bildungsethik. Pater Klaus Mertes SJ, Rektor des Berliner Canisius-Kollegs, beschäftigt sich darin mit dem Profil kirchlicher Schulen unter den Bedingungen einer pluralen Gesellschaft.

Klaus Mertes: Kirchliche Schulen in pluraler Gesellschaft (Kirche und Gesellschaft; 363), herausgegeben von der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle Mönchengladbach, Köln: J. P. Bachem 2009, 16 Seiten.

Neue bildungspolitische Publikationsreihe

Das Gymnasium steht bildungspolitisch immer stärker unter Druck, wie die koaltionspolitischen Entwicklungen an der Saar aktuell einmal mehr zeigen. Eine unkritische Sicht auf das skandinavische Bildungssystem oder eine einseitige Rezeption der PISA-Studien haben in der aktuellen Bildungsdebatte inzwischen deutliche Spuren hinterlassen.

In dieser Situation startet eine neue Publikationsreihe, die den wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Dialog über diese tradtionsreiche und erfolreiche Schulform vertiefen will: “Gymnasium – Bildung – Gesellschaft“. Die Reihe wird in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Philologenverband (DPhV)  herausgegeben von Susanne Lin-Klitzing, Schulpädagogin in Marburg a. d. L., David Di Fuccia, Fachdidaktiker sowie Wissenschaftlicher Angestellter an der Technischen Universität Dortmund, und Gerhard Müller-Frerich, Schulleiter eines Gymnasiums in Nordrhein-Westfalen. Die Reihe dokumentiert die jährlichen Sitzungen des Wissenschaftlichen Beirats des Verbandes.

Der Auftaktband beschäftigt sich unter den Stichworten “Fördern und Fordern” mit schulischer Begabungsförderung. Heinz-Peter Meidinger, Bundesvorsitzender des Deutschen Philologenverbandes, umschreibt diese Aufgabe folgendermaßen: “Nicht die Reduktion auf die PISA-taugliche, weil dort getestete Kompetenzbereiche ist gefragt, auch nicht die Verengung auf eine Förderung, die einseitig an verwertbaren, wirtschaftlichen Standortfaktoren orientiert ist, sondern die konsequente Ausrichtung auf die breite Palette vielfältigster Begabungsprofile, welche leistungsbereite junge Menschen an unseren Gymnasien mitbringen und die häufig erst entdeckt und bewusst gemacht werden müssen” (S. 161).

Für eine Schwächung, Kürzung oder Abschaffung des Gymnasiums, der bildungspolitisch wie bildungsethisch gegenwärtig viele das Wort reden, spricht dies nicht – im Gegenteil. Das Gymnasium bleibt unverzichtbar, wenn das Bildungswesen vielfältigen Begabungen gerecht werden will. Optimale Begabungsförderung verlangt nicht nach schulstrukturellen Einheitslösungen, sondern nach einem pluralen und durchlässigen Bildungssystem, das die pädagogische Wahlfreiheit der Lernenden und ihrer Eltern achtet.

Die PISA-Studien üben gegenwärtig eine gewaltige Anziehungskraft aus. Doch aus diesen allzu voreilig einfache Schlussfolgerungen abzuleiten, wird einer verantwortlichen sozialethischen Urteilsbildung nicht gerecht. Eine Bildungsethik, welche die aktuelle Schulstrukturdebatte ausgewogen und in ihrer ganzen Breite wahrnehmen will, wird an der neuen Reihe nicht vorbeigehen dürfen.

Susanne Lin-Klitzing, David Di Fuccia, Gerhard Müller-Frerich (Hgg.): Begabte in der Schule – Fördern und Fordern. Beiträge aus neurobiologischer, pädagogischer und psychologischer Sicht (Gymnasium – Bildung – Gesellschaft), Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt 2009, 168 Seiten.

Die Beiträge des Bandes stammen von Winfried Böhm (Würzburg), David-Samuel Di Fuccia (Dortmund), Kurt A. Heller (München), Gerald Hüther (Göttingen), Susanne Lin-Klitzing (Marburg a. d. L.), Heinz-Peter Meidinger (Berlin), Gerhard Müller-Frerich (Iserlohn), Richard Olechowski (Wien), Detlef H. Rost (Marburg a. d. L.), Claudia Solzbacher (Osnabrück), Jörn R. Sparfeldt (Trier), Manfred Spitzer (Ulm) und Albert Ziegler (Ulm).

Wohin treibt die Erziehungswissenschaft?

… oder wohin wird sie getrieben? – Dieser Fragestellung widmete sich die diesjährige Jahrestagung der Sektion für Pädagogik der Görres-Gesellschaft zur Pflege der Wissenschaft, deren Generalversammlung vom 26. bis 30. September 2009 im spätsommerlichen Salzburg stattfand.

Prof. Dr. Volker Ladenthin (Bonn), Prof. Dr. Lutz Koch (Bayreuth), Prof. DDr. Gerhard Mertens (Köln), Prof. Dr. Ursula Frost (Köln) und Prof. Dr. Dr. h. c. Winfried Böhm (Würzburg), Herausgeber des neuen, von der Görres-Gesellschaft herausgegeben Handbuches der Erziehungswissenschaft, beleuchteten in ihren Referaten aus unterschiedlicher Perspektive das spannungsreiche Verhältnis von Empirie und Normativität innerhalb der Erziehungswissenschaft.

Prof. Ladenthin sprach über das problematische Verhältnis zwischen Pädagogik und Hirnforschung (in immer mehr Bundesländern müssen Lehrer künftig ausdrücklich “hirngerecht” unterrichten …), Prof. Mertens über den Beitrag der Resilienzforschung für die Pädagogik und Prof. Böhm über den Wandel von der Historischen Bildungsforschung zur erziehungswissenschaftlichen Historiographie. Prof. Koch machte in seinem Vortrag deutlich, warum pädagogische Reflexion und empirische Erkenntnis einander bedürfen; Prof. Frost widmete sich der Notwendigkeit von Muße in der Bildung. Die gegenwärtigen Bildungsreformen laufen allerdings in die entgegengesetzte Richtung und setzen alle Beteiligten zeitlich immer stärker unter Druck: eine Entwicklung, die sich auf die Dauer kaum bildungsförderlich auswirken wird. 

Die Beiträge, die in Heft 1/2010 der Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Pädagogik (Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn) veröffentlicht werden, sind auch bildungsethisch von Interesse. Deutlich wurde, dass pädagogische Geltungsansprüche nicht einfach aus empirischen Kenntnissen abgeleitet werden können. Eine vorgeblich wertneutrale, der pädagogischen Praxis distanziert gegenübertretende Erziehungswissenschaft ist nicht normativ, wohl aber normierend. In der Konsequenz führt sie dazu, dass die kontingente Gegenwart schlicht affirmiert und zur pädagogischen Norm erhoben wird.

Pointiert zeigte Prof. Böhm den Scheideweg auf, vor dem die gegenwärtige Bildungslandschaft steht (der Moderator sprach dann auch von einem “epochalen Vortrag” im wörtlichen Sinne): Soll Bildung weiterhin der Befähigung zur Selbstbestimmung und zur verantwortlichen Bewältigung der Zukunft dienen oder wird  Bildung demnächst allein als Anpassung an die Erfordernisse der Gegenwart zu verstehen sein? Tendenzen, das Individuum zum “Manager seiner selbst” zu erklären, deuten in die zweite Richtung. Erfolgreich und gebildet wäre dann nicht mehr der, der eine eigenständige Persönlichkeit ausbildet, sondern sich bestmöglich an die Erwartungen der Gesellschaft und der Arbeitswelt anpasst. Bildungsethisch gewendet, würde dies in der Konsequenz dann aber auch bedeuten: Wer diese Anpassungsleistung nicht erbringt, ist für sein gesellschaftliches Scheitern  selbst verantwortlich. Oder anders gesagt: Marktteilnehmer, die ihr Produkt – ihr eigenes Selbst – nicht vermarkten können, gehen eben bankrott.  Die ethisch wie pädagogisch problematischen Folgen einer solchen “Marktlogik” im Bildungsbereich sind offensichtlich …

Sozialethisch interessant unter den öffentlichen Vorträgen, die in Salzburg gehalten wurden, war vor allem jener von Prof. Dr. Paul Kirchhof (Heidelberg), der zur aktuellen Finanzmarktkrise Stellung bezog. Der ehemalige Bundesverfassungsrichter warnte vor einer “Gerechtigkeit ohne Maß”. Maßlose, überzogene Gerechtigkeitsforderungen werden sich letztlich freiheitsgefährdend auswirken. In vielen Politikfeldern sei gegenwärtig ein Handeln zu beobachten, das bestimmte politische, rechtliche und moralische Grenzen nicht mehr achte.

Zu den Forderungen Kirchhofs passte die Mahnung von Prof. Dr. Bernhard Vogel, ehemaliger Ministerpräsident und derzeitiger Präsident der Konrad-Adenauer-Stiftung, der in seiem Festvortrag “60 Jahre Demokratie – eine Erfolgsgeschichte!” am Sonntag vormittag davor warnte, die Demokratie für einen dauerhaften Besitz zu halten. Die Demokratie müsse immer wieder von neuem verteidigt und errungen werden. Gegenwärtig sei diese vor allem durch einen neuen Kollektivismus bedroht, der immer mehr Bereiche der Gesellschaft einer kleinteiligen staatlichen Steuerung unterwerfe und gesellschaftliche wie individuelle Freiheitsräume beschneide.

Die Vorträge von Bernhard Vogel und Paul Kirchhof werden im kommenden Jahresbericht der Görres-Gesellschaft zur Pflege der Wissenschaft veröffentlicht. Die nächsten Generalversammlungen werden in Freiburg im Breisgau (2010) und in Trier (2011) stattfinden.

Neuerscheinung zur Bildungsgerechtigkeit

fbe-9Wann ist ein Bildungssystem gerecht? Was sind die Ursachen und Folgen mangelnder Bildungsgerechitgkeit? Auf welche Weise kann die Bildungsgerechtigkeit verbessert werden? Welche Verantwortung tragen die verschiedenen pädagogischen Akteure? Wie sollten die finanziellen Lasten für Bildung gerecht verteilt werden?

Ein neuer Band in der Reihe “Forum Bildungsethik” will zurKlärung dieser grundlegenden Fragen zum Zusammenhang von Bildung und Beteiligungsgerechtigkeit beitragen. Der Sammelband ist aus einem bildungsethischen Forschungsprojekt (www.menschenrecht-auf-bildung.de) heraus entstanden und diskutiert, wie das Bildungssystem gerechter ausgestaltet werden kann. Dabei werden sozialwissenschaftliche, sozialethische, pädagogische sowie bildungsökonomische Pespektiven dargelegt und diskutiert.

Autoren sind Prof. Dr. Hans-Peter Blossfeld (Bamberg), Dr. Alexander Filipovic (Münster i. Westfalen), Prof. Dr. Marianne Heimbach-Steins (Münster i. Westfalen), Prof. Dr. Wolfgang Hinrichs (Siegen), Prof. Dr. Gerhard Kruip (Mainz), Dr. Axel Bernd Kunze (Trier), Katja Neuhoff M. A. (Hannover), Prof. Dr. Werner Schönig (Köln), Prof. Dr. Thorsten Schneider (Bamberg) und Staatssekretär a. D. Dr. Norman van Scherpenberg (Hannover).

Marianne Heimbach-Steins, Gerhard Kruip, Axel Bernd Kunze (Hgg.): Bildungsgerechtigkeit – Interdisziplinäre Perspektiven (Forum Bildungsethik; 8), Bielefeld: W. Bertelsmann-Verlag 2009, 227 Seiten.

Neuerscheinung zum katholischen Gymnasium

Warum haben katholische Schulen einen beachtlichen Zulauf? Welche Zukunft hat das katholische Gymnasium? – An der Universität Bonn ist eine Dissertation entstanden, die sich diesen Fragen widmet und die auch der bildungsethischen Reflexion wichtige Anstöße vermitteln kann.

Der Verfasser ist selber Lehrer an einem katholischen Ordensgymnasium, was man dem Band von der ersten bis zur letzten Seite wohltuend anmerkt. Hier schreibt jemand, der weiß, wovon er spricht – und dies mit der notwendigen wissenschaftlichen Distanz und Reflexionskraft. Die Dissertation ist somit ein gelungenes Beispiel für eine der pädagogsichen Praxis verpflichtete, engagierte und erfahrungsgesättigte Wissenschaft!

Die Studie arbeitet zunächst die historische Entwicklung des Gymnasiums auf, wobei nicht zuletzt die Bildungsreform der Sechziger- und Siebzigerjahre einer kritischen Bestandsaufnahme unterzogen wird. Der persönliche Erfahrungshintergrund des Verfassers zeigt sich gerade in den Kapiteln, in denen sich dieser mit den PISA-Studien, dem neuen Kompetenzparadigma der gegenwärtigen Bildungsreformdebatte und der notwendigen Elternarbeit kirchlicher Schulen beschäftigt. Der Verfasser scheut nicht davor zurück, die Verantwortlichkeit der Eltern für den Bildungsprozess ihrer Kinder deutlich einzufordern (gegenwärtig eine eher “unzeitgemäße” Forderung, die aber gerade deshalb dringend an der Zeit ist!). Partizipationsansprüche ohne Verantwortlichkeit werden letztlich maßlos und können sich dann auf Dauer auch schnell freiheitsgefährdend auswirken. Kündigen Eltern die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der Schule auf, werden die Lehrer ihrer Bildungs- und Erziehungsaufgabe nur schwerlich nachkommen können.

Die neuen bildungspolitischen Steuerungsinstrumente, welche die pädagogische Freiheit im Schulwesen zunehmend beschneiden, werden den Abfluss ins Privatschulwesen vermutlich weiter befördern. An diesem Punkt setzt  die vorliegende Studie ein. Äußerst gelungen ist dann auch die fundierte pädagogische Kritik an den PISA-Studien. Die allzu unkritische Übernahme der PISA-Ergebnisse wird den Bildungsauftrag der Schulen nicht stärken – im Gegenteil. Insofern kann die vorliegende Studie auch für die Bildungsethik ein ”heilsamer” Warnruf sein:

Die Bildungsethik sollte sich davor hüten, die Postulate der momentan dominierenden empirischen Bildungsforschung einfach zu übernehmen. Vielmehr sind diese auf ihre impliziten und, wie Siebert nachweist, durchaus wirkmächtigen normativen Annahmen hin zu befragen und einer ethischen Kritik auszusetzen, was nur im Zusammenspiel mit einer gründlichen pädagogsichen Reflexion gelingen wird. Unterbleibt diese Kritik, läuft die Bildungsethik Gefahr, entweder allein die kontingente Praxis zur Norm zu erheben oder lediglich die bildungspolitischen Allgemeinplätze der Gegenwart zu vervielfältigen. Eine Bildungsethik hingegen, der eine solche Kritik wissenschaftlich verantwortet gelingt, könnte auch  für die katholischen Schulen ein wichtiger Ratgeber und Gesprächspartner sein.

Das katholische Gymnasium wird Zukunft haben, wenn es sein eigenes Profil schärft sowie bildungspolitische und pädagogische Freiräume jenseits der aktuellen staatlichen Bildungsreformen offenhält. Der vorliegenden Studie von Manfred Sieburg ist daher eine breite öffentliche wie innerkirchliche Aufmerksamkeit zu wünschen – im Interesse eines pluralen und freiheitlichen Bildungssystems, für dessen Erhalt sich die Kirchen auch künftig tatkräftig engagieren sollten. Das katholische Gymnasium ist ein zentraler Baustein in einem solchen Bildungssystem.

Manfred Sieburg: Der Erziehungskonsens an katholischen Gymnasien, o. O. (Wachtberg-Fritzdorf) 2009, ISBN 978-3-00-028052-8, Bezug: Dr. Manfred Sieburg, Raiffeisenstraße 6 a, 53343 Wachtberg-Fritzdorf.

Axel Bernd Kunze (Rez.)

Pädagogische Tagung zu Männlichkeit und Gender

Eine sehr interessante Tagung findet vom 1.10.2009 bis 3.10.2009 in Hildesheim statt. Zum Thema “Erziehung, Bildung und Geschlecht. Männlichkeiten im Fokus der Gender-Studies” hat die “Kommission Pädagogische Anthropologie” der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft ein schönes Programm auf die Beine gestellt. Das Tagungsprogramm gibt es hier.

Neuerscheinung: Bildung, Politik und Menschenrecht

9783763935468In der Reihe “Forum Bildungsethik” ist neu erschienen:

Bildung, Politik und Menschenrecht. Ein ethischer Diskurs

Wie kann ein Recht auf Bildung sozialethisch begründet und pädagogisch realisiert werden?

In welchem Verhältnis stehen Bildung, Menschenrechte und Politik?

Was sollten künftige Bildungsreformen leisten?

Welche sozialethischen Kriterien lassen sich hierfür formulieren?

Die Antworten auf diese Fragen beleuchten Pädagogen, Theologen, Philosophen, Politiker und Vertreter der Bildungspraxis in diesem Band aus ihrer Perspektive. Sozialethik, Menschenrechte, Bildung und politische Reformen werden zueinander ins Verhältnis gesetzt und diskutiert.

Die Beiträge dokumentieren die Tagung “Menschenrecht auf Bildung: Maßstab für die Bildungspolitik in Deutschland?” vom November 2008, auf der Ergebnisse des DFG-Projekts “Das Menschenrecht auf Bildung: anthropologisch-ethische Grundlegung und Kriterien der politischen Umsetzung” vorgestellt wurden. Weitere Informationen zum genannten Forschungsprojekt sind zu finden unter www.menschenrecht-auf-bildung.de.

Autorinnen und Autoren des Bandes sind: Staatsministerin Doris Ahnen, MdL (Mainz); Volker Drell M.A. (Hannover); Dr. Alexander Filipovic (Bamberg); Prof. Dr. Marianne Heimbach-Steins (Bamberg); Thorsten Heinz M.A. (Bamberg); Prof. Dr. Gerhard Kruip (Mainz); Dr. Axel Bernd Kunze (Trier/Bamberg); Prof. Dr. Volker Ladenthin (Bonn); Priv.-Doz. Dr. Christof Mandry (Berlin); Stefan Meyer-Ahlen (Bochum); Katja Neuhoff M.A. (Hannover); Anna Noweck (München); Hochschuldozent Dr. Andreas Poenitsch (Koblenz); Direktor Prof. Dr. Peter Reifenberg (Mainz/Mannheim); Priv.-Doz. Dr. Jörg-Dieter Wächter (Hildesheim).

Marianne Heimbach-Steins, Gerhard Kruip, Axel Bernd Kunze (Hgg.): Bildung, Politik und Menschenrecht. Ein ethischer Diskurs (Forum Bildungsethik; 6), Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag 2009, 208 Seiten.

Was wählen Eltern?

Die Zeitschrift “Eltern” hat forsa mit einer repräsentativen Umfrage von Eltern mit Kindern unter 18 Jahren beauftragt. Erhoben wurden beispielsweise Einstellungen zu Fragen in den Bereichen Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Bildungs- und Familienpolitik und Arbeitsteilung in der Familie. Ein Zitat zur Veranschaulichung:

“Danach gefragt, welche Maßnahmen die Politik mit Vorrang behandeln sollte, wird am häufigsten eine Verbesserung des Bildungssystems genannt (81 %). Es folgen eine bessere Förderung der Familie durch finanzielle Entlastungen (77 %), eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf (75 %) sowie eine Verbesserung der Kinderbetreuung (67 %). Die
Herstellung einer wirklichen Entscheidungsfreiheit bei der Wahl der Arbeitsteilung zwischen Müttern und Vätern in der Familie erscheint 52 Prozent prioritär.

Die beiden letztgenannten Maßnahmen sind für die Anhänger der Union insgesamt seltener vorrangig als für die Anhänger der übrigen Parteien.” (S. 33)

Die Studie gibt es hier (pdf); die Presseinformation der Zeitschrift “Eltern” hier.