Vor einiger Zeit erregten die Thesen des bekannten Bonner Kinder- und Jugendpsychotherapeuten Michael Winterhoff breite Aufmerksamkeit: Warum unsere Kinder zu Tyrannen werden … Winterhoff bekam für seine Analyse der aktuellen Erziehungswirklichkeit in Deutschland viel Zustimmung. Schon vom äußeren Erscheinungsbild her will das Gütersloher Verlagshaus nun an die Bucherfolge Winterhoffs anknüpfen - und zwar mit dem Titel Das Elterndiplom oder: Erziehung verstehen des Hamburger Erziehungswissenschaftlers Werner Lauff. Dieser hat sich vor allem mit seinen Arbeiten zur Elternbildung und dem Projekt “Erziehungswissenschaftliche Elternbildung - Elternuniversität im Werden” einen Namen gemacht.
Auch wenn es sich um ein Sachbuch und kein wissenschaftliches Werk im strengen Sinne handelt, sind Lauffs Ausführungen auch bildungsethisch nicht uninteressant: Der Verfasser thematisiert die Rolle der Eltern und deren Verantwortung im Bildungs- und Erziehungssystem und warnt davor, bei Bildungsreformen einseitig auf eine zunehmende Kollektivierung von Erziehung zu setzen - mit fatalen Folgen: “Wo Öffentlichkeit in die Erziehung eintritt, muss Elterlichkeit zwangsläufig den Rückzug antreten, das ist leider unvermeidbar. Der Staat nimmt also im Grunde Erziehungsfähigkeit weg, wo es nötig wäre, sie zu stärken. Sobald Eltern nicht mehr erziehen, verlernen sie auch zugleich das Erziehen überhaupt” (S. 36).
Man kann darüber streiten, ob Lauffs Einschätzung berechtigt ist, Eltern würden gesellschaftlich und politisch zu wenig wahrgenommen. Das Gegenteil scheint eher der Fall zu sein, was dann - wie Lauff selbst beklagt - die Familien einem ungeheuren und letztlich pädagogisch schädlichen öffentlichen Erwartungsdruck aussetzt. Dem Verfasser ist allerdings zuzustimmen, wenn er sowohl die Eltern selbst als auch die Politik ermahnt, die - grundrechtllich geschützte - Erstverantwortung der Eltern für die Erziehung ihrer Kinder wieder mehr ernst zu nehmen: “Erziehung braucht das elterliche ‘beim Kind sein’ und gleichzeitig gilt das afrikanische Sprichwort: ‘Zur Erziehung eines Kindes braucht man ein ganzes Dorf.’” (S. 41). Beides kann nicht gegeneinander ausgetauscht oder ausgespielt werden. Eltern haben eine spezifische Aufgabe, die Lehrer nicht ohne Weiteres übernehmen können (und umgekehrt).
Entsprechend plädiert Lauff für klar abgegrenzte Verantwortlichkeiten im Bildungsbereich. Wohltuend gegenüber so manchen Aufgeregtheiten der gegenwärtigen Bildungsdebatte ist dabei, dass Lauff konsequent an der freiheitlichen Ausgestaltung des Bildungs- und Erziehungssystems festhält. Und er plädiert dafür, dem Pädagogischen wieder seinen Eigenwert zurückzugeben. Es wird gegenwärtig politisch viel über alle möglichen und in der Regel auch kostspieligen Instrumente der Familienförderung gestritten, über deren pädagogische Sinnhaftigkeit wird hingegen kaum diskutiert. Therapie, Medizin und Psychologie kaufen der Erziehung immer stärker ihren Rang ab.
Gerade hier setzt Lauff an: Die Lösung der heutigen Erziehungs- und Bildungsprobleme muss damit beginnen, Erziehung überhaupt erst wieder verstehbar zu machen. Elternarbeit, so der Hamburger Pädagoge, werde heute vorrangig sozialtechnologisch gesteuert. Das muss schiefgehen, zumal Erziehungssituationen sich immer wieder neu stellen und daher nicht nach Art einer “Rezeptologie” gelöst werden können: “Da Eltern ständig weiter erziehen, können sie in der Elternbildung nicht wie Schüler behandelt werden. Ihre jeweils laufende Erziehungsarbeit sollte immer wieder den Ausgangspunkt der Bildungsprozesse darstellen. Elternbildung ist somit immer Bewusstseinsbildung aus dem eigenen elterlichen und erzieherischen Erleben heraus” (S. 217). Die Grenze der Elternbildung ist dort erreicht, wo Eltern nicht willens und nicht in der Lage sind, ihre Kinder zu erziehen. Hier helfen auch “niedrigschwellige Angebote” nicht mehr weiter: “[D]enn wer sich nicht bilden lassen will, kann auch nicht gebildet werden” (S. 216). Hier muss der Staat im Rahmen seines Wächteramtes auf andere Weise tätig werden.
Kurzfazit: ein lesenswertes Plädoyer für neuen Mut zur Erziehung, das weniger provozierend daherkommt als die beiden Bände von Winterhoff, das aber nicht minder lesenswert ist.
Werner Lauff: Das Elterndiplom oder: Erziehung verstehen, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2010, 237 Seiten.
Axel Bernd Kunze (Rez.)
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Bitte wie folgt zitieren:
Kunze, Axel Bernd (2010): Die Verantwortung der Eltern. In: Forum Sozialethik [Weblog], 1 Mai. 2010. Online-Publikation: http://www.forumsozialethik.de/2010/05/01/die-verantwortung-der-eltern/. Abrufdatum: September 3, 2010
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Kunze, Axel Bernd. (2010). Die Verantwortung der Eltern. Retrieved September 3, 2010, from Forum Sozialethik Web site: http://www.forumsozialethik.de/2010/05/01/die-verantwortung-der-eltern/
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