Archive for the 'Bildungsethik' Category

Dokumentation des XXII. Deutschen Kongresses für Philosophie

Auf dem Open-Access-Server der Universitätsbibliothek München ist der XXII. Deutsche Kongress für Philosophie dokumentiert worden, darunter auch die Beiträge aus der Sektion für Bildungsphilosophie.

Ein Beitrag beschäftigt sich ausdrücklich mit der aktuellen bildungsethischen Debatte:
Bildung als Freiheitsrecht – eine Kritik des neueren sozialethischen Bildungsdiskurses. URL: http://epub.ub.uni-muenchen.de/12476/1/Bildungsgerechtigkeit.pdf.

Erziehung setzt Beziehung voraus

Bildung und Erziehung setzen Beziehung voraus. Vielen Erwachsenen fällt es aber zunehmend schwer, tragfähige Beziehungen zu ihren Kindern aufzubauen. Dies meint der Bonner Kinder- und Jugendpsychotherapeut Michael Winterhoff in seinem neuen Buch “Lasst Kinder wieder Kinder sein!”. Die sozialpsychologischen Ursachen hierfür seien vielfältig: Das Leben sei schnelllebiger und unbeständiger geworden, der Entscheidungsdruck habe zugenommen, die Grenzen zwischen Privatleben und Beruf lösten sich auf. Das Web 2.0 gaukle uns eine Entscheidungsfreiheit vor, die mehr ein beständiger Entscheidungsdruck sei – mit belastenden Folgen für unsere Psyche: “Wer ständig Angst vor Fehlentscheidungen hat, gerät unter Stress. Er verliert nicht nur einerseits die Fähigkeit, überhaupt noch sicher zu beurteilen, ob er wirlich eine falsche Wahl getroffen hat, sondern die ständige Stressüberlastung des Gehirns führt andererseits dazu, dass er im weiteren Verlauf tatsächlich in immer größerer Gefahr steht, Fehlentscheidungen zu treffen, weil objektive Entscheidungskriterien eine zunehmend untergeordnete Rolle spielen” (S. 75 f.).
Bestsellerautor Winterhoff (“Warum unsere Kinder Tyrannen werden”, “Tyrannen müssen nicht sein”, Persönlichkeiten statt Tyrannen”) will nicht anklagen oder Schuld zuweisen, sondern aufklären: “Aufklärung über gesellschaftliche Zusammenhänge, die sich auf die Beziehung zwischen Erwachsenen und Kindern auswirken und dafür sorgen, dass Kinder und Jugendliche zunehmend keine Chance haben, sich in einem entscheidenden Bereich ihrer Psyche zu entwickeln” (S. 12). Auf überzeugende Weise macht Winterhoff deutlich, wie struktuelle und sozialpsychologische Fragestellungen zusammenhängen. Gerade das macht sein Buch für Sozialethiker lesenswert. Zunehmend wird Bildung zu Recht als ein sozialethisches Thema wahrgenommen. Doch müssen die besten sozialethischen Anstrengungen im Bildungsbereich ins Leere laufen, wenn sie nicht mit pädagogischen und psychologischen Fragen korreliert werden.
Genau dies mahnt das neue Buch von Winterhoff an. Aus psychologischer Sicht macht der Verfasser deutlich, warum viele Bildungsreformen der vergangenen Jahre ins Leere laufen: “In Grundschulen gehört es heute zum ganz normalen Alltag, dass die ersten Monate nach der Einschulung weniger damit angefüllt sind, mit dem Erlernen des Schreibens, des Rechnens zu beginnen. Bevor es soweit ist, müssen Lehrer sich zunächst einmal damit befassen, einigermaßen sicherzustellen, dass Unterricht überhaupt möglich ist, sprich: zu erreichen, dass der Großteil der Klasse sich auf den Unterricht und den Lehrer konzentriert, ihm zuhört und Regeln akzeptiert, ohne die eine Klassengemeinschaft nicht funktionieren kann. Dazu sind heute immer weniger Kinder in der Lage, weil ihnen die notwendigen Entwicklungsschritte der Psyche im sozialen und emotionalen Bereich fehlen. Der Lehrer wird dadurch nicht als Lehrer erkannt, das Gleiche gilt für Strukturen und Abläufe, die für den Lernerfolg notwendig sind” (S. 9 f.).
Michael Winterhoff plädiert für eine “Rückkehr zur Intuition” in unserem Bildungs-, Erziehungs- und Familiensystem. Dabei legt er kein pädagogisches Rezeptbuch vor, davon gibt es schon genug. Theologisch kann sein Anliegen als Ruf zur Umkehr interpretiert werden – und diese gelingt nur im individuellen Durchdenken und Überdenken unserer gegenwärtigen Lebensweise. Die streitbaren Thesen Winterhoffs sind es wert, auch bildungsethisch diskutiert zu werden.

Michael Winterhoff (Rez.): Lasst Kinder wieder Kinder sien! Oder: Die Rückkehr zur Intuition, in Zusammenarbeit mit Carsten Tergast, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2011.

Axel Bernd Kunze (Rez.)

Bildungspolitischer Glaubenskrieg

Am kommenden Sonntag findet in Hamburg ein Volksentscheid statt, dessen Ausgang nicht nur landespolitisch, sondern auch bildungsethisch interessant sein wird.

Die Hamburger Wochzeitung “Die Zeit” positioniert sich auf der Titelseite ihrer heutigen Ausgabe vom 15. Juli 2010 sehr deutlich gegen die schwarz-grüne Schulreform und meint:“Sollen Schüler länger gemeinsam lernen? So will es die Politik in Hamburg und NRW. Der Schaden wäre groß.” Thomas Kerstan, der in seinem Beitrag von einem “Glaubenskrieg” spricht, befürchtet, dass durch fragwürdige Strukturveränderungen funktionierende Schulstrukturen ohne Not zerschlagen werden, ohne dass für eine zielgenaue individuelle Förderung benachteiligter Schüler wirkungsvoll etwas getan wird. Er schreibt in seinem Beitrag u. a.: “Den Jugendlichen, denen der Start in einen qualifizierten Beruf und damit ins Leben verbaut wird, hilft keine Gerechtigkeitsrhetorik, sondern nur konkrete Unterstützung. [...] Wenn die Hamburger am Sonntag die überflüssige Primarschule ablehnen – dann wird Kraft frei, um den Bildungsverlierern zu helfen.”

Der Beitrag ist auch in der Onlineausgabe der “Zeit” zu finden:

http://www.zeit.de/2010/29/01-Schulreform

Caritas in veritate

Die sozialethische Zeitschrift Denk doch mal. Onlinemagazin für Arbeit – Bildung – Gesellschaft, herausgegeben vom Netzwerk Gesellschaftsethik e. V., hat eine Sonderausgabe mit Reflexionen über die neue Sozialenzyklika “Caritas in veritate” von Papst Benedikt XVI. veröffentlicht.

Das unter www.denk-doch-mal.de kostenfrei zugängliche Heft enthält Beiträge von Robert Zollitsch (“Die Liebe als Hauptweg der Soziallehre”), Marianne Heimbach-Steins (“Für alle Menschen guten Willens”), Thomas Steinforth (“Wirtschaft ist kein moralfreier Raum”), Markus Seibt (“Religionsunterricht an Berufsschulen ohne Chance?”),
Axel Bernd Kunze (“Bildung und Entwicklung – Anspruch auf umfassende Bildung”), Markus Vogt (“Arbeit – Positionen der katholischen Soziallehre”), Manfred Böhm (“Die Wurzeln der Betriebsseelsorge”), Erwin Helmer (“Dreizehn päpstliche Wege aus der Krise”), Hermann-Josef Kronen (“Schlaglichter zur Situation von Arbeitslosen”), Martin Mohr  (“Ein Zwischenruf”) sowie Hans Ludwig (“Plattform soziale Marktwirtschaft”). Und in einem Interview bekennt Fritz Schösser: “Ich habe die Enzyklika von Anfang bis Ende gelesen.” Das Editorial des Heftes stammt aus der Feder von Gerhard L. Endres, Vorsitzender des Netzwerkes Gesellschaftsethik e. V.

Neugründung

Am Samstag, 26. Juni 2010, wurde in Köln im Rahmen des Kongresses “Bildungsstandards auf dem Prüfstand” die neue GESELLSCHAFT FÜR BILDUNG UND WISSEN gegründet. Die neue  Gesellschaft versteht sich nicht als Partei, wohl aber als ein Zusammenschluss von Verantwortlichen aus unterschiedlichen Bereichen des Bildungswesens, der bewusst die “offensive politische Kommunikation mit gesellschaftlichen Gruppen und der (Medien-) Öffentlichkeit” sucht. “Die Aktivitäten”, so schreibt die neue Gesellschaft in ihrer Selbstdarstellung, “leben von der Leidenschaft am argumentativen Streit um die gemeinsame Sache von Bildung und Wissen”.

Kontakt und weitere Informationen:

Gesellschaft für Bildung und Wissen e. V.

Goethe-Universität Frankfurt am Main

Sophienstraße 1 – 3

D-60487 Frankfurt am Main

Tel. (0 69) 7 98-2 81 50

Fax (0 69) 7 98-2 27 78

E-Mail: info@bildung-wissen.eu

Internet: www.bildung-wissen.eu

Was heißt “Inklusion”?

Die neue Ausgabe der Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte, herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung, die als Beilage der Wochenzeitung Das Parlament beiliegt, ist dem Thema “Menschen mit Behinderungen” gewidmet (Ausgabe 23/2010 vom 07. Juni 2010).

Valentin Aichele, Leiter der Monitoringstelle zur UN-Behindertenrechtskonvention am Deutschen Institut für Menschenrechte in Berlin, führt in das neue UN-Dokument ein (S. 13 – 19).

Bildungsethisch interessant sind darüber hinaus vor allem die beiden Beiträge von Thomas Stöppler, Leiter des Seminars für Didaktik und Lehrerbildung in Stuttgart sowie Vorsitzender des Verbandes Sonderpädagogik e. V. (S. 19 – 24), und Hans Wocken, Professor für Lernbehindertenpädagogik und Integrationspädagogik an der Universität Hamburg (S. 25 – 31). Beide setzen sich mit der Forderung nach inklusiver Bildung auseinander – und kommen dabei zu gegensätzlichen Antworten: Stöppler sieht die bestmögliche Förderung eines jeden Schülers durch eine differenzierte Vielfalt (sonder-)pädagogischer Angebote gewährleistet und äußert sich sehr kritisch gegenüber solchen Positionen, die mit menschenrechtlichen Argumenten das Sonderschulwesen insgesamt zu schleifen versuchen. Wocken hingegen plädiert dafür, die räumliche Trennung zwischen Regel- und Sonderschulsystem weitgehend zu überwinden.

In Abwägung beider Positionen wird man bildungsethisch davon ausgehen müssen, dass es pädagogisch wie menschenrechtlich verfehlt wäre, auf sonderpädagogische Einrichtungen gänzlich verzichten zu wollen. Ein solch einseitiges Verständnis von “Inklusion” ist momentan in der Debatte um ein Recht auf Bildung sehr beliebt, verspricht aber keineswegs die bestmögliche individuelle Förderung für jeden Einzelnen. Nicht jede äußere Differenzierung im Schulwesen ist bereits diskriminierend. Ein solches Missverständnis von Diskriminierung verneint letztlich die vielfältigen individuellen Voraussetzungen, inhomogenen Bedürfnisse und differenzierten Förderansprüche. Ein solches Gleichheitsverständnis verkehrt legitime menschenrechtliche Forderungen in den Zwang staatlich verordneter Gleichmacherei – und widerspricht damit dem Charakter der Menschenrechte als Freiheitsrechte. Wird über den Zusammenhang von Inklusion und Bildung diskutiert, ist bildungsethisch eine differenzierte Zuordnung von Gerechtigkeit und Differenz gefordert. Andernfalls besteht die Gefahr, dass Würde und Wert des Individuums mit den sozialen Ansprüchen der Gemeinschaft verrechnet werden – in der Folge würde der Einzelne reduziert auf eine Funktion der sozialen Frage. Gleichheit darf nicht das Recht auf Ungleichheit beseitigen. Und der Einzelne ist stets mehr als allein Teil eines Kollektivs.

Ob eine inklusive Beschulung sinnvoll und möglich ist, sollte stärker als bisher geprüft werden. In welchen Fällen eine äußere Differenzierung sinnvoller ist und die bessere Förderung verspricht, bleibt allerdings weiterhin im Einzelfall zu prüfen. Dies kann nicht über die Köpfe der Betroffenen hinweg entschieden werden. “Inklusion” ist ein Prinzip zur Anwendung der Menschenrechte, keine universale und vor allem keinesfalls einseitig auszulegende Norm. Was die bestmögliche individuelle Förderung verspricht, bleibt situativ pädagogisch, therapeutisch und psychologisch zu entscheiden – und kann nicht aus einer Gerechtigkeitsformel abstrakt abgeleitet werden.

Bildungsprobleme aus Sicht eines Jugendpsychiaters

“Kinder wollen Grenzen – und brauchen sie auch.” Zu dieser Erkenntnis kommt eine neue Studie der beiden Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann und Sabine Andresen, die in diesen Tagen veröffentlicht wurde. Ob Erziehung gelingt oder nicht, ist nicht allein eine finanzielle Frage. Und noch etwas zeigt die Studie: Die Erziehung, welche Kinder erfahren, wirkt sich auf das spätere Leben als Erwachsener aus.

Davon ist auch der Bonner Kinder- und Jugendpsychotherapeut Michael Winterhoff überzeugt, der durch seine Präsenz in der “Bild”-Zeitung bundesweit bekannt wurde. Für Furore sorgte er durch seine beiden Bände “Warum unsere Kinder Tyrannen werden” und “Tyrannen müssen nicht sein”. Nun hat Winterhoff nachgelegt. Gemeinsam mit Isabel Thielen, Personalleiterin in einem Medienunternehmen und freiberufliche Mediatorin, zeigt er auf, wie sich Erziehungsfehler im späteren Jugend- und frühen Erwachsenenalter auswirken. Anhand zahlreicher Beispiele schildern beide Autoren sehr lebendig, wie schwer sich junge Auszubildende beim Übergang von der Schule in den Beruf tun, wenn sie bestimmte psychische Reifungsschritte nicht vollzogen haben. Den Grund hierfür orten die beiden Psychologen in einer überzogenen und falsch verstandenen Form partnerschaftlicher Erziehung, ohne dabei – wie sie mehrfach betonen – alle Eltern oder Heranwachsenden über einen Kamm scheren zu wollen.

Der Band “Persönlichkeiten statt Tyrannen” weist daraufhin, dass die gegenwärtigen Bildungsprobleme nicht allein strukturell zu lösen sein werden. Wichtig ist es auch, die vorherrschenden Erziehungskonzepte auf den Prüfstand zu stellen. Umgekehrt geht es Winterhoff und Thielen aber auch nicht darum, die gegenwärtige Ausbildungsmisere zu individualisieren. Vielmehr zeigt ihr Band, dass bei der Beschäftigung mit Bildungsproblemen individual- und sozialpsychologische Perspektiven zusammengedacht werden müssen.

Die Ausbildungsreife vieler Jugendlicher ist beträchtlich gesunken: eine Entwicklung, die bedenklich stimmen sollte. Was in der Schule noch kaschiert werden kann, tritt im Beruf oft unübersehbar zu Tage. Winterhoff und Thielen warnen vor den gesellschaftlichen Folgekosten, die dadurch entstehen. Zugleich machen sie aber auch Mut, das Problem bildungspolitisch und pädagogisch anzugehen. Gelingen kann dies nach beider Ansicht nur, wenn dabei pädagogische, psychologische und soziologische Perspektiven miteinander verschränkt werden – etwas, was bisher leider viel zu selten gelingt. Dabei schreiben die beiden Autoren den politisch Verantwortlichen ins Stammbuch, der Qualität der Beziehungsebene verstärkt Aufmerksamkeit zu widmen – und den Lehrern wieder mehr pädagogischen Spielraum für ihre schwerer gewordene Erziehungsaufgabe zuzugestehen.

Michael Winterhoff/Isabel Thielen (in Zusammenarbeit mit Carsten Tergast): Persönlichkeiten statt Tyrannen. Oder: Wie junge Menschen in Leben und Beruf ankommen, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2010, 189 Seiten.

Axel B. Kunze (Rez.)

Rückkehr der Pädagogik

“Dass Bildung nach PISA ein gesellschaftliches Megathema geworden ist, war durchaus begrüßenswert – allzu lange hatte man diesen gesellschaftlichen Sektor vernachlässigt. Fraglos tut es der Jugend wie dem Land gut, wenn das Bildungsniveau steigt. Aber die Debatte hat eine ungünstige Wendung genommen [...] Schule und Unterricht werden zunehmend mechanistisch verstanden, als ein Gebiet von Daten und Prozesen, auf denen bei geeigneter Justierung der Variablen alles machbar, ökonomisch optimal kalkulierbar und auch politisch kontrollierbar erscheint.” (S. 17) – Auch die Bildungsethik ist vor dieser Blickverengung nicht gefeit. Doch Michael Felten, bekannt durch sein früheres Buch “Neue Mythen in der Pädagogik”, warnt:  “Kinder sind keine Rohstoffe. Wer also betriebswirtschaftliche Theoriebestandteile zum Maßstab für schulpädagogische Veränderungen macht, irrt nicht nur organisationstheoretisch, sondern handelt auch in normativer Hinsicht fragwürdig.” (ebd.)

Nicht zuletzt deshalb ist Feltens neues Werk auch für Bildungsethiker lesenswert. “Auf die Lehrer kommt es an!” ist ein Werk, das mit pädagogischem Herzblut geschrieben ist. Sein Verfasser, seit fast dreißig Jahren Gymnasiallehrer für Mathematik und Kunst in Köln, plädiert angesichts des Reformwahns, der die Bildungspolitik erfasst hat, wieder nach dem pädagogischen Sinn von Schule zu fragen.  Der Kern der Schule ist die pädagogische Beziehung zwischen Lehrern und Schülern. Und diese droht, zunehmend vergessen zu werden.

Engagiert,  einfühlsam und wohltuend “un-zeitgemäß” plädiert Felten dafür, vorrangig nach der pädagogischen Sinnhaftigkeit geplanter Bildungsreformen zu fragen. Seine Überlegungen bewegen sich um drei Forderungen: Eine Schule wird dann Erfolg haben, wenn sie sich zur Aufgabe pädagogischer Führung bekennt, wenn sie sich methodisch auf das Wesentliche besinnt und wenn sie sich darum bemüht, ihre Schüler psychologisch zu verstehen. Zahlreiche lebendig geschilderte Beispiele aus der langjährigen Unterrichtserfahrung des Autors durchziehen den Band.

Es bleibt dem Buch zu wünschen, dass der Ruf nach einer Rückkehr der Pädagogik in die Schule nicht ungehört verhallt. Ohne pädagogisches Denken werden selbst die besten bildungspolitischen Reformvorhaben ins Leere laufen müssen.

Michael Felten: Auf die Lehrer kommt es an! Für eine Rückkehr der Pädagogik in die Schule, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2010, 191 Seiten.

Axel Bernd Kunze (Rez.)

Zwischen Humanität und Wettbewerb

Wege aus der Ökonomisierung – … unter diesem Motto steht eine Hauptpodienreihe auf dem kommenden Zweiten Ökumenischen Kirchentag, der vom 12 bis 16. Mai 2010 in München stattfindet. Dabei sollen Visionen für die Gestaltung einer gerechten und humanen Gesellschaft entwickelt werden.  Geht es in den ersten zwei Tagen um die Gestaltung unseres Gesundheitssystems und das künftige Verhältnis der Generationen, steht am Samstag ein Thema im Vordergrund, das in keinem Wahlkampf der letzten Jahre fehlte: Bildung.

Deutschland steht unter Schock, genauer gesagt: unter dem PISA-Schock. Die erste PISA-Studie vor zehn Jahren hat das Thema Bildung ganz oben auf die Tagesordnung gesetzt. Bildung wird als der „neue Rohstoff des 21. Jahrhunderts“ bezeichnet – oder auch als „die neue soziale Frage“. An das Bildungssystem werden zahlreiche wirtschafts- wie sozialpolitische Hoffnungen gleichermaßen geknüpft.

Doch wohin soll die Reise gehen? Über die notwendigen bildungspolitischen Reformen besteht keineswegs Einigkeit. Nicht wenige fragen aber auch, seit Bildung zum politischen „Megathema“ geworden ist: Geht es bei all den Bildungsdebatten überhaupt noch um Bildung? Oder geht es nicht vielmehr darum, dass sich die Schule immer stärker den Anforderungen eines globalisierten Marktes anpasst? Die HARTZ-IV-Schule ist der Titel einer WDR-Dokumentation, mit der die Veranstaltung eröffnet werden soll. Der kurze Filmeinstieg soll exemplarisch zeigen, welchen Spannungen sich die Schule und die in ihr tätigen Lehrer heute gegenübersehen. Angesichts der gegenwärtigen Euro-Krise, deren Ausgang keiner von uns heute überblicken kann, hat die Frage nach dem Standort der Schule Zwischen Humanität und Wettbewerb eine ganz neue Brisanz gewonnen.

Die bildungspolitisch anregende, sicher kontroverse, hoffentlich aber ermutigende Diskussion steht unter Leitung von Maria von Welser, den meisten sicher bekannt als Gründerin des ZDF-Frauenmagazins Mona Lisa.

Es diskutieren miteinander Prof. Dr. Carl Jongebloed (Universität Kiel), Präsident Heinrich Traublinger, MdL a. D. (Handwerkskammer für München und Oberbayern), Staatsministerin Doris Ahnen (Rheinland-Pfalz), Prof. DDr. Thomas Sternberg, MdL (Zentralkomitee der deutschen Katholiken), Dipl.-Päd. Angelika Neubäcker (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft)  und  Quirin Weinzierl (Dekanatsjugendkammer München). Die Veranstaltung wird geleitet von Dr. Lukas Rölli-Alkemper (Forum Hochschule und Kirche), Dr. Lars Allolio-Näcke (Universität Erlangen-Nürnberg) und Dr. Axel Bernd Kunze (Universität Trier) sowie musikalisch umrahmt durch die Schülerband The Fraggllzz aus Hoya.

Das Podium mit dem Titel “Zwischen Humanität und Wettbewerb. Schule im Spannungsfeld einer ökonomisierten Gesellschaft” findet am Samstag, 15. Mai 2010, von 14 Uhr bis 15.30 Uhr in Halle C 2 auf dem Münchner Messegelände statt.

Ethik in der Wissenschaft?

Das Titelthema der neuen Ausgabe (5/2010) von “Forschung und Lehre”, der Zeitschrift des Deutschen Hochschulverbandes, ist sozialethisch besonders interessant: Ethik in der Wissenschaft?

Das Fragezeichen auf dem Titelblatt fällt besonders auf. Beim Lesen fällt dann auf, vor welchen politischen Zielkonflikten die Wissenschaft gegenwärtig steht: So beklagt beispielsweise Bernhard Kempen, der Präsident des Verbandes, in seinem Beitrag die mangelnde sittliche Verantwortlichkeit der akademisch Lehrenden und die zu geringe ethische Verantwortung der Universitäten, die sich nur noch auf die Vermittlung von “Berufsfähigkeit” konzentrieren, ihre Absolventen aber nicht mehr zu einer akademischen Haltung hinführen wollen. Die beiden Beiträge von Hans-Hellmut Nagel und Michael Zürn im weiteren Verlauf des Heftes gehen davon aus, dass in der sogenannten “Wissensgesellschaft” ein enormer Druck bestehe, immer mehr jungen Menschen “eine Ausbildung zu vermitteln, die ihren Einsatz in modern geführten Betrieben erlaubt” und deutlich mehr Glieder eines Jahrgangs akademisch “auszubilden”. Dies ist eine politische Entscheidung – läuft aber den kritischen Anfragen, die Kempen an die heutigen Universitäten richtet, zuwider. Die wissenschaftlich Handelnden werden vor diesem Zielkonflikt nicht mehr lange die Augen verschließen können. Praktisch ist er schon heute wirksam – mit der Folge, dass die Wissenschaft nur noch Getriebene der Politik ist.

Ethik in der Wissenschaft? – Die Christliche Sozialethik sollte sich an dieser wissenschaftsethischen Debatte engagiert beteiligen.

Die Zeitschrift “Forschung und Lehre” kostet für Nichtmitglieder im Abonnement 70 Euro zuzüglich Porto. Weitere Informationen: www.forschung-und-lehre.de.

Die Verantwortung der Eltern

Vor einiger Zeit erregten die Thesen des bekannten Bonner Kinder- und Jugendpsychotherapeuten Michael Winterhoff breite Aufmerksamkeit: Warum unsere Kinder zu Tyrannen werden … Winterhoff bekam für seine Analyse der aktuellen Erziehungswirklichkeit in Deutschland viel Zustimmung. Schon vom äußeren Erscheinungsbild her will das Gütersloher Verlagshaus nun an die Bucherfolge Winterhoffs anknüpfen – und zwar mit dem Titel Das Elterndiplom oder: Erziehung verstehen des Hamburger Erziehungswissenschaftlers Werner Lauff. Dieser hat sich vor allem mit seinen Arbeiten zur Elternbildung und dem Projekt “Erziehungswissenschaftliche Elternbildung – Elternuniversität im Werden” einen Namen gemacht.

Auch wenn es sich um ein Sachbuch und kein wissenschaftliches Werk im strengen Sinne handelt, sind Lauffs Ausführungen auch bildungsethisch nicht uninteressant: Der Verfasser thematisiert die Rolle der Eltern und deren Verantwortung im Bildungs- und Erziehungssystem und warnt davor, bei Bildungsreformen einseitig auf eine zunehmende Kollektivierung von Erziehung zu setzen – mit fatalen Folgen: “Wo Öffentlichkeit in die Erziehung eintritt, muss Elterlichkeit zwangsläufig den Rückzug antreten, das ist leider unvermeidbar. Der Staat nimmt also im Grunde Erziehungsfähigkeit weg, wo es nötig wäre, sie zu stärken. Sobald Eltern nicht mehr erziehen, verlernen sie auch zugleich das Erziehen überhaupt” (S. 36).

Man kann darüber streiten, ob Lauffs Einschätzung berechtigt ist, Eltern würden gesellschaftlich und politisch zu wenig wahrgenommen. Das Gegenteil scheint eher der Fall zu sein, was dann – wie Lauff selbst beklagt – die Familien einem ungeheuren und letztlich pädagogisch schädlichen öffentlichen Erwartungsdruck aussetzt. Dem Verfasser ist allerdings zuzustimmen, wenn er sowohl die Eltern selbst als auch die Politik ermahnt, die – grundrechtllich geschützte – Erstverantwortung der Eltern für die Erziehung ihrer Kinder wieder mehr ernst zu nehmen: “Erziehung braucht das elterliche ‘beim Kind sein’ und gleichzeitig gilt das afrikanische Sprichwort: ‘Zur Erziehung eines Kindes braucht man ein ganzes Dorf.’” (S. 41). Beides kann nicht gegeneinander ausgetauscht oder ausgespielt werden. Eltern haben eine spezifische Aufgabe, die Lehrer nicht ohne Weiteres übernehmen können (und umgekehrt).

Entsprechend plädiert Lauff für klar abgegrenzte Verantwortlichkeiten im Bildungsbereich. Wohltuend gegenüber so manchen Aufgeregtheiten der gegenwärtigen Bildungsdebatte ist dabei, dass Lauff konsequent an der freiheitlichen Ausgestaltung des Bildungs- und Erziehungssystems festhält. Und er plädiert dafür, dem Pädagogischen wieder seinen Eigenwert zurückzugeben. Es wird gegenwärtig politisch viel über alle möglichen und in der Regel auch kostspieligen Instrumente der Familienförderung gestritten, über deren pädagogische Sinnhaftigkeit wird hingegen kaum diskutiert. Therapie, Medizin und Psychologie kaufen der Erziehung immer stärker ihren Rang ab.

Gerade hier setzt Lauff an: Die Lösung der heutigen Erziehungs- und Bildungsprobleme muss damit beginnen, Erziehung überhaupt erst wieder verstehbar zu machen. Elternarbeit, so der Hamburger Pädagoge, werde heute vorrangig sozialtechnologisch gesteuert. Das muss schiefgehen, zumal Erziehungssituationen sich immer wieder neu stellen und daher nicht nach Art einer “Rezeptologie” gelöst werden können: “Da Eltern ständig weiter erziehen, können sie in der Elternbildung nicht wie Schüler behandelt werden. Ihre jeweils laufende Erziehungsarbeit sollte immer wieder den Ausgangspunkt der Bildungsprozesse darstellen. Elternbildung ist somit immer Bewusstseinsbildung aus dem eigenen elterlichen und erzieherischen Erleben heraus” (S. 217). Die Grenze der Elternbildung ist dort erreicht, wo Eltern nicht willens und nicht in der Lage sind, ihre Kinder zu erziehen. Hier helfen auch “niedrigschwellige Angebote” nicht mehr weiter: “[D]enn wer sich nicht bilden lassen will, kann auch nicht gebildet werden” (S. 216). Hier muss der Staat im Rahmen seines Wächteramtes auf andere Weise tätig werden.

Kurzfazit: ein lesenswertes Plädoyer für neuen Mut zur Erziehung, das weniger provozierend daherkommt als die beiden Bände von Winterhoff, das aber nicht minder lesenswert ist.

Werner Lauff: Das Elterndiplom oder: Erziehung verstehen, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2010, 237 Seiten.

Axel Bernd Kunze (Rez.)

Bildungsstandards auf dem Prüfstand

2005 erhoben zahlreiche Erziehungswissenschaftler und Pädagogen Einspruch gegen die zunehmende Ökonomisierung und technokratische Umsteuerung des Bildungswesens. Jetzt sollen diese sogenannten “Frankfurter Einsprüche”, veröffentlicht als Sonderheft der Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Pädagogik, ihre Fortsetzung finden.

Auf einer Tagung am 26. Juni 2010 (10 bis 18 Uhr) an der Universität zu Köln (Aula 2 im Hauptgebäude, Albertus-Magnus-Platz, 50931 Köln) sollen die seit 2003 entwickelten “nationalen Bildungsstandards” auf den Prüfstand gestellt werden. Der Untertitel der Tagung spricht eine deutliche Sprache: “Der Bluff der Kompetenzorientierung”. In der Tagungsankündigung schreiben die Veranstalter: Keiner der Initiatoren dieser Bildungsstandards “kann mehr als nur allgemeine, triviale oder abstrakte Aussagen zu Kompetenzmodellen machen. Wo darüber hinaus mehr versprochen wird, zeigt eine kritische Analyse der Modellierungen schnell die Inkonsistenz der Konstruktionen. [...] Unbeeindruckt von frühen kritischen Stellungnahmen und substanzieller Argumentation in der Sache setzt die Bildungspolitik auf diese Konzeption. Die offensichtlichen Schwierigkeiten der Operationalisierung nimmt man nicht zur Kenntnis; alternative Vorstellungen zur Verbesserung der Wirksamkeit schulischen Lernens werden ignoriert. Zudem droht die Vielfalt der methodischen Zugänge und thematischen Schwerpunkte nach dem Modell der empirischen Bildungsforschung homogenisiert zu werden. ‘Qualitätsmanagement’ in Form von Vorgaben, Zielvereinbarungen und flächendeckender Lernstandserhebungen sollen zu besseren Lernergebnissen führen. Auf originär pädagogische Elemente scheint man dabei weitgehend verzichten zu können. Gleichzeitig werden Millionen weiterer Mittel in einen Verbund von Bildungsforschungsinstituten gepumpt, aus deren Feder die technokratische Umstellung des Bildungssystems stammt und deren Versprechen auf Optimierungseffekte und Qualitätsentwicklung längst zweifelhaft geworden sind.”

Die genannten Entwicklungen – z. B. Technokratisierung des Bildungswesens, Fehlsteuerungseffekte, zweifelhafter Umgang mit begrenzten Ressourcen – sind bildungsethisch keineswegs neutral oder irrelevant – zumal für eine christliche Sozialethik der Bildung, die sich dem Prinzip der Personalität verpflichtet weiß.

Die Tagung wird veranstaltet von Professor Dr. Andreas Gruschka (Erziehungswissenschaften, Universität Frankfurt a. M.), Professor Dr. Volker Ladenthin (Bildungswissenschaft, Universität Bonn), Professor Dr. Hans Peter Klein (Didaktik der Biowissenschaften, Universität Frankfurt a. M.) sowie Dr. Matthias Burchardt (Allgemeine Pädagogik, Universität Köln). Weitere Referenten sind Professor Dr. Roland Reichenbach (Pädagogik, Universität Basel/Schweiz), Professor Dr. Johannes Bellmann (Erziehungswissenschaften, Universität Münster), Professor Dr. Rainer Dollase (Psychologie, Universität Bielefeld), Professor Dr. Ursula Frost (Allgemeine Pädagogik, Universität Köln), Professor Dr. Lutz Koch (Allgemeine Pädagogik, Universität Bayreuth) und Professor Dr. Frank-Olaf Radtke (Erziehungswissenschaften, Universität Frankfurt a. M.).

Das genaue Programm findet sich unter folgendem Link:

http://www.dphv.de/fileadmin/user_upload/veranstaltungen/Tagungen/flyer_Tagung_koeln_Bildungsstandards.pdf

Im Anschluss an die Tagung findet um 18.00 Uhr die Gründungssitzung der Gesellschaft für Pädagogische Bildung statt.

Internetbewertungsportale: “Entsorgung von Zivilcourage”

Die Zeitschrift PÄDAGOGIK widmet sich in ihrer aktuellen Aprilausgabe (4/2010) einem  Problem, das für alle Lehrenden aktuell ist, das aber medienethisch wie bildungsethisch gegenwärtig kaum Beachtung findet. Reinhold Miller (S. 36 f.) und Armin Bernhard (S. 38 f.) diskutieren über “spickmich.de”, ein Internetbewertungsportal, mit dem Schüler ihre Lehrer anonym bewerten können.

Reinhold Miller, Lehrerfortbildner und pädagogigscher Fachbuchautor, gesteht “spickmich.de” zwar zu, Schülern ein “rettendes Ventil” zu bieten, wenn es Kommunikationsprobleme mit Lehrern gibt. Einer pädagogischen Feedbackkultur wird dieses Instrument seiner Meinung nach aber in keiner Weise gerecht: “Spickmich im Internet, ein persönliches Gespräch in der Schule oder ein Feedbackprozess unterscheiden sich erheblich in der Qualität zwischenmenschlicher Beziehung voneinander.” Zudem verweist Miller auf die Gefahren, die von solchen Internetbewertungsportalen ausgehen können: Lehrer werden öffentlich an den Pranger gestellt, der Datenschutz wird verletzt und einer allgemeinen Stimmungsmache wird Tür und Tor geöffnet.

Sehr viel weiter mit seiner Kritik geht Armin Bernhard. Für den Essener Pädagogikprofessor steigert die anonyme Bewertung “die kollektive Unmündigkeit” und höhlt die zentrale Erziehungsaufgabe der Schule aus. Initiativkraft, Selbstvertrauen und Mut werden von “spickmich.de” nicht gefördert: “Dies ist [...] nur möglich, wenn den Heranwachsenden ein Rahmen zur Verfügung gestellt wird, innerhalb dessen sie lernen, sich mit den Personen ihrer unmittelbaren Umgebung auseinanderzusetzen. Sie wachsen am Widerstand, der ihnen im interpersonalen Austausch in Form von Anforderungen entgegengesetzt wird. Sie arbeiten sich systematisch an der Autorität anderer Personen ab und entwickeln über die Abarbeitung höhere Stufen von Autonomie.” Am Ende kommt Bernhard zu dem Schluss, dass  derartige Internetbewertungsportale die “Entzivilisierung der Gesellschaft” förderten, nicht aber Zivilcourage: “Eine zukunftsfähige Gesellschaft aber benötigt kritische und widerständige Menschen und keine geistigen Heckenschützen.” Dieses Urteil fällt deutlich aus.

Bisher haben deutsche Gerichte die Meinungsfreiheit hingegen höher gewichtet als die Persönlichkeitsrechte der Lehrenden. Unser Nachbarland Frankreich urteilt hier anders. Dort werden Internetbewertungsportale als unvereinbar mit der Erziehungsaufgabe der Schule abgelehnt. Dass die Erziehungsaufgabe der Schule immer wichtiger wird, hat erst in dieser Woche eine neue Studie des Deutschen Industrie- und Handelskammertages gezeigt und darauf hingewiesen, dass immer mehr Familien ihrer Erziehungserstverantwortung nicht mehr gerecht werden. Gerade angesichts einer derartigen Diagnose ist es dringend geboten, den Lehrenden bei ihrem schulischen Erziehungsauftrag den Rücken zu stärken, statt diesen immer weiter gesellschaftlich auszuhöhlen.

Erziehung ist nur als personales Handeln denkbar, damit machen sich pädagogische Akteure zwangsläufig aber auch verletzbar. Lehrer haben daher ein besonderes Anrecht darauf, dass ihre Persönlichkeitsrechte hinreichend geschützt sind. Dies schließt auch ein, dass das Reden und Handeln im Rahmen der Schulöffentlichkeit nicht ungeschützt im Internet öffentlich gemacht werden darf. Die vom Dienstgeber beanspruchte Sozialsphäre der Lehrenden ist strikt funktionsangemessen zu begrenzen. Umgekehrt hat der Dienstgeber, will er seinem Schutzauftrag gerecht werden, Lehrende davor zu schützen, dass ihre persönlichen Daten ungefragt, ungeregelt oder mit kommerziellem Interesse weiterverbreitet werden.

Die erweiterten Möglichkeiten im Web 2.0 fordern bildungspolitisch, medienethisch und juristisch zu neuen Antworten heraus. Wenn die Zeitschrift PÄDAGOGIK diese wissenschaftliche, gesellschaftliche und politische Diskussion nun angestoßen hat, ist das sehr zu begrüßen.

(Axel Bernd Kunze)

engagement 1/2010

Druckfrisch liegt das neue Themenheft 1/2010 der Zeitschrift “engagement. Zeitung für Erziehung und Schule” auf dem Tisch. Unter den Autoren befinden sich zwei Mitglieder des Forums Sozialethik:

Anna Noweck (missio – Internationales katholisches Missionswerk, München) schreibt über das Projekt “missio: Partner machen Schule. Eine Kooperation im Rahmen der neuen gymnasialen Oberstufe in Bayern” (S. 30 ff.).

Axel Bernd Kunze (Bereich Bildungswissenschaften der Universität Trier) berichtet unter dem Titel “Plädoyer für eine Freiheit aus christlicher Verantwortung” über das neue Handbuch der Katholischen Soziallehre (S. 46 ff.).

Das aktuelle Themenheft, verantwortet von Rafael Frick (PH Ludwigsburg), beschäftigt sich mit der Berufsorientierung Katholischer Schulen. Als weitere Themen sind in diesem Jahr geplant: Koedukation, Biedukation und Monoedukation (Heft 2/2010), Ganztagsschule (Heft 3/2010), Lehrerbildung (Heft 4/2010). Den Auftakt im kommenden Jahr bildet das Thema Institution und Familie in der Bildung (Heft 1/2011).

Die Zeitschrift “engagement” wird herausgegeben vom Arbeitskreis Katholischer Schulen in freier Trägerschaft in der Bundesrepublik Deutschland (AKS) unter der Schriftleitung von Lukas Schreiber. Die Zeitschrift erscheint im Münsteraner Verlag Aschendorff; ein Jahresabonnement kostet 25 Euro zuzüglich Porto.

Neuerscheinung: Stefan Meyer-Ahlen – Ethisches Lernen

Hier ein Hinweis auf das gerade erschienene Buch des theologischen Ethikers Stefan Meyer-Ahlen:

Vor dem Hintergrund einer pluralistischen Gesellschaft kommt Fragen der Wertevermittlung, der Werterziehung – oder allgemeiner – der Unterstützung bei der Suche nach verlässlichen Orientierungsangeboten für das eigene Handeln eine wachsende Bedeutung zu.

Bei Überlegungen zum ethischen Lernen aus Pädagogik, Philosophie, Soziologie und Psychologie wird gezeigt, dass auch die religiöse Dimensionen überaus relevant ist. Sie schafft einen zusätzlichen Ermöglichungsgrund und eine besondere Motivation, sich auf den je persönlichen Weg des Findens von Werten und Maßstäben zu machen.

Anhand ausgewählter Positionen lassen sich zudem Spezifika einer theologischen Ethik herausarbeiten, die zeigen, dass im christlichen Glauben entscheidende Dimensionen auszumachen sind, die zu ethischem Lernen motivieren und ein Finden der eigenen Wertmaßstäbe gelingen lassen können. Ethisches Lernen ist demzufolge zutiefst ein Anliegen der theologischen Ethik. (Verlagstext)

Bibliografische Angaben:

Meyer-Ahlen, Stefan (Hg.) (2010): Ethisches Lernen. Eine theologisch-ethische Herausforderung im Kontext der pluralistischen Gesellschaft. Paderborn: Schöningh Paderborn.