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Armut und Prekariat - Amosinternational, Ausgabe 2/2008

Logo Zeitschrift AmosMit „Armut und Prekariat“ rückt das Heft ein zweifellos aktuelles Thema in den Blickpunkt. Werner Schönig kritisiert gängige Ansätze und Begriffe der Armutsforschung, welche mittelschichtsorientiert seien und Formen extremer sowie „akut-finaler“ Armut ausblendeten.

Integrationspotenziale der bundesdeutschen Sozialpolitik untersucht Udo Lehmann facettenreich, u.a. im Hinblick auf Erwerbsarbeit, Familien, Vorbehalte in Öffentlichkeit und Wirtschaft.

Am Beispiel des Haushalts-Organisations-Trainings (HOT) zeigt Andreas Lob-Hüdepohl die präventive, auf alltagsnahe Kompetenzförderung und eigenverantwortliche Lebensführung ausgerichtete Komponente des Sozialstaates. Freilich verdeutlicht er auch Ambivalenzen sozialstaatlicher Instrumente.

Den Entwicklungszusammenhang der Option für die Armen rekonstruiert Gerhard Kruip sehr differenziert, um sodann nach den Eigenheiten zu forschen, welche eine Option für die Armen heute in Deutschland angesichts globaler Zusammenhänge beinhalten sollte.

Das Interview mit dem in der Arbeitswelt ebenso wie in der Ethik erfahrenen EU-Sozialkommissar Vladimir Spidla lenkt den Blick auf europaweite Dimensionen von Armut und schließt die zentrale Thematik des Heftes ab.

Ob freilich das Schwerpunktthema nicht zu sehr auf Zustände ausgerichtet ist und zu wenig der (von Lehmann angesprochenen) Prozesshaftigkeit und Dynamik von Ausgrenzung nachgeht? Mehr als auf Armut und Prekariat wäre einzugehen auf Prekarisierung und ihre gesellschaftliche Wirkung, und zwar als Kehrseite der wirtschaftlich und gesellschaftlich erwünschten Flexibilisierung. Die sozialwissenschaftliche Prekarisierungsforschung hat Paradoxien von Integration und Desintegration herausgestellt: Verhalten sich noch oder nicht mehr abhängig Beschäftigte als flexible und marktgängige “Arbeitskraftunternehmer”, so verzichten sie allzu oft zugunsten wenig nachhaltiger und gesicherter Jobs auf langfristige Perspektiven, weil dies den Erhalt oder Erlangung eines Arbeitsplatzes (oder aber mehr persönliche Freiheit) verheißt. Solche „Bereitwilligkeit“ wird hervorgerufen durch globale Konkurrenz und zunehmende Angst vor gesellschaftlicher Entkopplung. Prekarisierung mithin als systemisch bedingten, weit in bislang gesicherte Bevölkerungsschichten wirkenden Prozess zu verstehen, böte eine fruchtbare Grundlage für die Reflexion sozialpolitischer Ansätze und ihrer (Neben-)Wirkungen.

In zwei Tagungsberichten resümieren Bernhard Eder die Fachtagung der AKSB zu Solidaritätsförderung in Lernprozessen (4.-5.3.08 in Nürnberg) und Anna Noweck das zweite Symposion des DFG-Projekts Menschenrecht auf Bildung.

Rezensiert werden folgende Buchveröffentlichungen:

  • Bogner, Daniel: Ausverkauf der Menschenrechte? Herder 2007 (von Andreas Fisch);
  • Wirz, Stephan: Erfolg und Moral in der Unternehmensführung. Eine ethische Orientierung im Umgang mit Managementtrends. Peter Lang Verlag 2007 (von Christoph Giersch);
  • Stahlmann, Michael / Wendt-Kleinberg, Walter: Zwischen Engagement und innerer Kündigung. Fortschreitender Personalabbau und betriebliche Interaktionskulturen. Verlag Westfälisches Dampfboot 2008 (von Norbert Zöller);
  • Kruip, Gerhard / Fischer, Michael (Hg.): Gerechtigkeiten. Hannoversche Zwischenrufe 2006 (von Christof Mandry) - Dieser Band fasst die Beiträge einer Ringvorlesung zu gerechtigkeitstheoretischen Ansätzen, Kontexten und Anwendungsfeldern zusammen;
  • Wagner, Thomas: Draußen - Leben mit Hartz IV. Eine Herausforderung für die Kirche und ihre Caritas. Lambertus 2008 (von Richard Geisen).

Die Rede Papst Benedikts XVI vor der UNO-Vollversammlung am 18. April 2008 kommentiert Ingeborg Gabriel. Ihr Fazit: Viel Licht, insbesondere was die kirchliche Anerkennung und Unterstützung für Menschenrechte und Vereinte Nationen angeht, aber Mangel an konkreten Aussagen zu globalen sozialen Verhältnissen.

In einem weiteren Beitrag stellt Ingeborg Gabriel das Projekt “Sozialethik aus ökumenischer Perspektive” an der katholischen Fakultät der Uni Wien vor.

Abschließend untersucht Günter Wilhelms den Stellenwert von Caritas gegenüber dem kategorialen Rahmen funktionierender Marktwirtschaft. Interessanterweise lässt sich hier eine gegenüber Michael Schramm (im Vorwort) sowie G. Kruip verschiedene Sichtweise möglicher Anwendungsprobleme der Sozialethik erkennen.