Author Archive for Sebastian Zink

Ethica - Ausgabe 4/2007

Cover EthicaIn der letzten Ethica-Ausgabe des vergangenen Jahres stellt Hanspeter Schmitt, Inhaber des Lehrstuhls für Theologische Ethik an der Theologischen Hochschule in Chur, unter dem Titel „Gewissensbildung. Zur Soziogenese sittlicher Kompetenz“ (339-375) sein Modell der Entwicklung des Gewissens in pluralen Lebensvollzügen dar. Es geht ihm dabei „um die Beschreibung und Kultur eines gestaltungsfähigen Gewissens, das über die bloße Anpassung an schematisch festliegende Vorgaben und eine lediglich abschließende Beurteilung des Handelns hinauszugehen vermag“ (340). Zu diesem Zweck bestimmt er in Auseinandersetzung mit Kohlberg, Habermas, Freud und Schöpf die Ontogenese des Gewissens als Soziogenese, welche gekennzeichnet ist durch diverse interaktionale Prozesse, die die Grundlage dafür bilden, dass das „Gewissen einmal jene Interaktionskompetenz darstellt, die in der Lage ist, Pluralität zugunsten verantwortlichen Handelns zu gestalten“ (371). Grundlage eines solchen Handelns ist der „Drang, das eigene Leben gelingend zu entfalten“ (361) und entsprechende Interessen möglicher anderer Personen selbstreflexiv in das eigene Wollen und Tun zu integrieren. Abschließend werden schließlich die aufgrund dieser Annahmen nahe liegende Behauptung der sozialen Determiniertheit des Gewissens gegenüber einer dennoch anzunehmenden sittlichen Autonomie und Verantwortung zurückgewiesen sowie erste Folgerungen für eine Gewissenspädagogik gezogen.

Continue reading ‘Ethica - Ausgabe 4/2007′


„Werteerziehung in der Schule“ – ein Tagungsbericht

werteerziehung-2.jpgVom 9.-11. November 2007 fand in der Evangelischen Akademie in Tutzing eine Tagung zur “Werteerziehung in der Schule” statt. Da die Tagung vom Bayerischen Kultusministerium als Lehrerfortbildung anerkannt wurde, setzten sich die über 100 Tagungsbesucher auch zu einem großen Teil aus dieser Berufsgruppe zusammen.

Referenten unterschiedlichster Fachrichtungen versuchten sich mit durchaus differierenden Ansätzen an den Begriff Werte und die Vermittlung derselben anzunähern. Im Folgenden seien einige mir besonders interessant erscheinende Vorträge herausgehoben.

In einem ersten Referat stellte die Münchner Soziologin Prof. Dr. Gertrud Nunner-Winkler unter dem Titel “Wie kommt die Moral ins Kind” Ergebnisse verschiedener empirischer Studien zur Moralentwicklung von Kindern und Jugendlichen dar. Grundlegend konnte dabei festgestellt werden, dass das moralische Wissen der Kinder relativ früh relativ groß ist, wobei die Regeln des Zusammenlebens aus beobachtetem Verhalten (insbesondere von nahestehenden Erwachsenen) erschlossen werden. Als Lernmechanismen wurden die explizite Unterweisung, Aushandlungsprozesse sowie Sprachspiele (Kinder verbinden mit einem Wort, z.B. “Mord”, eine Wertung) nachgewiesen. Bestimmte Kontexte sind dabei mit ihren Auswirkungen auf die Entwicklung von moralischen Vorstellungen nach Nunner-Winkler systematisch zu unterscheiden:

  • Familie - Insbesondere frühe Extremerfahrungen wie Gewalt oder “moralisches Heroentum” wirken prägend, während im “Normalbereich” der Einfluss der Familie nicht überschätzt werden dürfe, da bis zu zwei Drittel der Jugendlichen bis ins Alter von 22 starke Veränderungen in ihrem vom reinen Wissen über Normen und Regeln zu unterscheidenden moralischen Wollen durchmachen.
  • Freunde – Der Freundeskreis beeinflusst durch sich vom familiären Kontext unterscheidende Subkulturen, aber auch Steigerung der Rollenübernahmefähigkeit und Förderung einer konsensorientierten Konfliktbearbeitung.
  • Schulklima - Ein “pazifistisches Schulklima” erkläre (Nicht-)Gewalthandeln der Schüler besser als die Familienerfahrungen, da auch Kinder mit schlechten Familienerfahrungen in einem entsprechenden Schulklima weniger Gewalttätigkeit zeigen; wichtig ist dabei insbesondere ein normativer Konsens an der Schule.
  • gesellschaftlicher Kontext - Dies lässt sich insbesondere im Bereich der Geschlechterrollenzuschreibungen erkennen, in deren Rahmen Frauen in den europäischen Gesellschaften viele moralfördernde Zuschreibungen erfahren, Männer dagegen weniger - diese Zuschreibungen werden dann handlungsleitend in dem Maß, wie die jeweiligen Männer und Frauen sich mit ihren Geschlechterrollen identifizieren und bereit sind, den gesellschaftlichen Rollenvorstellungen zu entsprechen.

Schon bei diesen sehr grundlegenden Ausführungen wurde deutlich, dass die Herausbildung einer sittlichen Identität zum einen im schulischen Kontext durchaus befördert werden kann, zum anderen aber in einem aktiven Prozess der Aneignung (oder Ablehnung) von bestimmten Wertehaltungen geschieht. Es daher vielleicht angeraten eher von Wertebildung denn von Werteerziehung zu reden, impliziert der Bildungsbegriff, so wie er hier verstanden werden soll, doch die aktive Beteiligung des Sich-Bildenden am Bildungsprozess. Erziehung dagegen rekurriert auf einen normativ vorgegebenen Zielzustand, den es zu erreichen gilt. Dies jedoch scheint im Bereich der moralischen Erziehung nicht in eindeutiger Kausalität möglich.

Continue reading ‘„Werteerziehung in der Schule“ – ein Tagungsbericht’


Ethica - Ausgabe 3/2007

Cover EthicaGegenwärtig wird vor dem Hintergrund großer Fortschritte in der Hirnforschung die Frage gestellt, ob die Willensentschlüsse eines Menschen wirklich noch als unabhängig von den zerebralen Funktionen angenommen werden können, oder ob diese nicht eigentlich als den konkreten biologischen und neurophysiologischen Prozessen innewohnend gedacht werden müssten. Nicht zum ersten Mal in der Geistesgeschichte steht damit die Unabhängigkeit des menschlichen Willens und damit die Annahme einer in der Transzendenz verankerten menschlichen Grundfähigkeit zur willentlichen Selbstbestimmung, wie sie die in der antiken Philosophie fundierte christliche Tradition kennt, zur Debatte.

Josef Römelt geht im Bewusstsein dieser Diskussion in seinem Aufsatz (S. 227-240) von einem geschichtlichen

„Wandel von Konzepten einer Willenstheorie, die den Willen als eine Grundkraft im Menschen deuten und stark machen, hin zu schwachen Theorien der Willensphänomene als flexible Orientierungsversuche des Individuums im Kontext der sich wandelnden Biographie“ (S. 229)

aus und reflektiert dieses gewandelte Verständnis auf kulturelle Dimensionen hin. Über einen Durchgang durch die geistesgeschichtliche Entwicklung des Willensverständnisses und eine summarische Auseinandersetzung mit sprachphilosophischen und handlungstheoretischen Ansätzen sowie eher therapeutischen Konzepten kommt er zu dem Schluss, dass auch „in den unübersichtlichen Welten der komplexen Wirklichkeiten“ (S. 238) der Postmoderne die theologisch vermittelte transzendente Verankerung menschlicher Seinsweisen dem Menschen bei seiner Suche nach stabilen Willenserfahrungen unterstützen kann. –

„Sie [die transzendente Verankerung, SZ] versteht sich jedenfalls als ein wesentliches Moment der Ermutigung, in den komplizierten Verwerfungen und Risiken menschlichen Lebens eine stabile Willensintegration und Lebensgestaltung zu wagen. Sie ist Ausdruck der Hoffnung, dass sich menschliches Leben in seinen Risiken in diesem Sinne tatsächlich humanisieren lässt“ (239).

Continue reading ‘Ethica - Ausgabe 3/2007′


Ethica - Ausgabe 2/2007

Titel EthicaViele aktuelle Problemlagen etwa in den Bereichen der Ökologie oder Ökonomie aber auch z.B. der Blick auf die Krise der sozialen Sicherungssysteme machen deutlich, dass sozialethisches Denken sich nicht mehr nur auf die gegenwärtigen Gegebenheiten richten kann, sondern auch die mittel- und langfristigen Folgen von Weichenstellungen in den Blick nehmen muss. Dies ist der Ansatzpunkt von Werner Veith, der in seinem Aufsatz (S. 173-193) einen Versuch startet, Grundzüge einer Theorie intergenerationeller Gerechtigkeit zu entwerfen (er tut dies im Anschluss an seine Dissertation von 2006, in welcher er sich mit diesem Themenbereich ausführlich beschäftigt). Veith beginnt mit einem Überblick über verschiedene Konzepte des Generationenbegriffs aus dem er Generationenidentität und –differenz als konstitutive Merkmale von Generationen herausarbeitet. Mit diesen sowie

„mit dem Wandel und den Relationen der Generationen lässt sich die zeitlich-soziale Bedingtheit des Menschen als konstitutives Element gesellschaftlicher Ordnung identifizieren und hinsichtlich der Kategorien ‚objektive Zeit’ sowie ‚subjektive Zeitdeutung’ ausdeuten. Die explizite Rezeption der zeitlich-sozialen Positionierung von Generationen erschließt somit Möglichkeiten, die neuen gesellschaftlichen Problemlagen und ihre zeitlich eingeschränkten Gefährdungspotentiale zu erfassen, systematisch einzuordnen und für eine zeitlich erweiterte normative Reflexion zu erschließen“ (S. 187f.).

Es schließt sich eine Rekonstruktion der Konzeptionen von sozialer Gerechtigkeit und Beteiligungsgerechtigkeit an. Von dieser ausgehend versucht Veith eine temporale Erweiterung der Gerechtigkeitstheorie, welche anhand von Rawls „Gerechtigkeit als Fairness“ vorgestellt und entwickelt wird. Über eine daraus abgeleitete diachrone Grundnorm, durch welche bei der Entwicklung von Gerechtigkeitsgrundsätzen für die Verteilung materialer oder abstrakter Güter jede Form der Zeitpräferenz (weder Gegenwart noch Zukunft) zurückgewiesen wird, führt Veith schließlich die Dimension der „zeitlichen Gerechtigkeit“ bzw. „iustitia temporalis“ ein. Diese ist allerdings nicht identisch mit der intergenerationellen Gerechtigkeit, denn jene ist zu verstehen als umfassendes Gerechtigkeitsmodell, welches die synchronen Aspekte der sozialen Gerechtigkeit bzw. der Beteiligungsgerechtigkeit aufgreift und um die diachrone Dimension erweitert.

Continue reading ‘Ethica - Ausgabe 2/2007′