Zum nahenden “Tag der Organspende” am 04. Juni widmet sich die neue Ausgabe der Zeitschrift “Aus Politik und Zeitgeschichte (kurz: APuZ)” (20-21/2011) den medizinischen, rechtlichen und ethischen Aspekten der Transplantationsmedizin:
Angesichts der vielfältigen Kritik am Hirntodkriterium, welches in den meisten europäischen Ländern als das Kriterium für die legale Organentnahme gilt, diskutiert der Beitrag “Wie tot sind Hirntote. Alte Fragen – neue Antworten” von Sabine Müller drei Optionen: 1. eine Neubestimmung des Todeskriteriums, 2. die Abschaffung der Tote-Spender-Regel (dead donor rule) und 3. ein Verbot von Organentnahmen aus hirntoten Patienten.
Die Tatsache, dass trotz aufwändiger Initiativen der Mangel an Organen ein chronisches Problem der Transplantationsmedizin ist, verweise, so die zentrale These des Essays “Organspende – tödliches Dilemma oder ethische Pflicht?” von Anna Bermann, auf das ethische Problem, dass in der Transplantationsmedizin zwei sich widersprechende Ethiken in Konkurrenz zueinander stehen: Einerseits die potenzielle Lebensrettung durch Organspende, anderseits die damit einhergehenden Tabuüberschreitungen, die unsere Vorstellungen von Menschenwürde, Medizinethik und des sozialen Umgangs mit sterbenden und verstorbenen Menschen aus den Angeln heben.
Der Beitrag “Transplantationsmedizin zwischen Fortschritt und Organknappheit” von Eckhard Nagel, Kathrin Alber und Birgitta Bayerl gibt einen knappen Überblick über die Geschichte der Transplantationsmedizin und fasst zentrale rechtliche und ethische Aspekte zur Organspende zusammen.
Der Frage, ob und inwiefern der menschliche Körper und seine Teile als Eigentum behandelt werden können, widmet sich der Artikel “Mein Körper – mein Eigentum?” von Christian Lenk
Aus sozialethischer Sicht besonders interresant ist der Beitrag “Kann ein regultierter Organmarkt den Organmangel beheben” von Ingrid Schneider, in dem die Autorin Modelle zur Kommerzialiserung sowohl der postmortalen Organspende als auch der Lebendspende und ihrer Auswirkungen einer kritischen Überprüfung unterzieht.
Ellen E. Küttel-Pritzer und Ralf R. Tönjes widmen sich in ihrem gemeinsamen Artikel “Tierorgane und Gewebezüchtung als Alternativen zum Spendeorgan?” der Frage, ob die Übertragung von lebens- und funktionstüchtigen Zellen oder Zellverbänden, einschließlich ganzer Organe, zwischen verschiedenen Spezies (die sog. Xenotransplantation) eine Möglichkeit wäre, der Versorgungsknappheit der Warteliste bei der Allotransplantation, also der Transplantation menschlicher Organe, zu begegnen.
Der abschließende Beitrag “Zum Wandel im Umgang mit der menschlichen Leiche” von Dominik Groß untersucht, angesichts der Individualisierungstendenzen bei der Bestattung des menschlichen Leichnams neue Möglichkeiten der Bestattung, z. B. die Promession (Kompostierung des toten Körpers), Resomation (Auflösung des Leichnams durch Einwirkung einer starken Lauge), die Diamantisierung oder der Plastination, bei der das in den Zellen enthaltene Wasse duch Kunststoff ersetzt wird. Groß deutet diesen “Bestattungspluralismus” als Ausdruck des Bestrebens, den persönlichen Handlungspielraum über den Tod hinaus auszudehnen.
Zur Zeitschrift: APuZ ist eine kostenlose Beilage der Wochenzeitung “Das Parlament” und wird von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegeben. APuZ versteht sich als
Forum kontroverser Diskussion, eine Einführung in komplexe Wissensgebiete und bietet eine ausgewogene Mischung aus grundsätzlichen und aktuellen Analysen.
Das vollständige Heft kann hier eingesehen werden.
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