Author Archive for Axel Bernd Kunze

Dokumentation des XXII. Deutschen Kongresses für Philosophie

Auf dem Open-Access-Server der Universitätsbibliothek München ist der XXII. Deutsche Kongress für Philosophie dokumentiert worden, darunter auch die Beiträge aus der Sektion für Bildungsphilosophie.

Ein Beitrag beschäftigt sich ausdrücklich mit der aktuellen bildungsethischen Debatte:
Bildung als Freiheitsrecht – eine Kritik des neueren sozialethischen Bildungsdiskurses. URL: http://epub.ub.uni-muenchen.de/12476/1/Bildungsgerechtigkeit.pdf.

Erziehung setzt Beziehung voraus

Bildung und Erziehung setzen Beziehung voraus. Vielen Erwachsenen fällt es aber zunehmend schwer, tragfähige Beziehungen zu ihren Kindern aufzubauen. Dies meint der Bonner Kinder- und Jugendpsychotherapeut Michael Winterhoff in seinem neuen Buch “Lasst Kinder wieder Kinder sein!”. Die sozialpsychologischen Ursachen hierfür seien vielfältig: Das Leben sei schnelllebiger und unbeständiger geworden, der Entscheidungsdruck habe zugenommen, die Grenzen zwischen Privatleben und Beruf lösten sich auf. Das Web 2.0 gaukle uns eine Entscheidungsfreiheit vor, die mehr ein beständiger Entscheidungsdruck sei – mit belastenden Folgen für unsere Psyche: “Wer ständig Angst vor Fehlentscheidungen hat, gerät unter Stress. Er verliert nicht nur einerseits die Fähigkeit, überhaupt noch sicher zu beurteilen, ob er wirlich eine falsche Wahl getroffen hat, sondern die ständige Stressüberlastung des Gehirns führt andererseits dazu, dass er im weiteren Verlauf tatsächlich in immer größerer Gefahr steht, Fehlentscheidungen zu treffen, weil objektive Entscheidungskriterien eine zunehmend untergeordnete Rolle spielen” (S. 75 f.).
Bestsellerautor Winterhoff (“Warum unsere Kinder Tyrannen werden”, “Tyrannen müssen nicht sein”, Persönlichkeiten statt Tyrannen”) will nicht anklagen oder Schuld zuweisen, sondern aufklären: “Aufklärung über gesellschaftliche Zusammenhänge, die sich auf die Beziehung zwischen Erwachsenen und Kindern auswirken und dafür sorgen, dass Kinder und Jugendliche zunehmend keine Chance haben, sich in einem entscheidenden Bereich ihrer Psyche zu entwickeln” (S. 12). Auf überzeugende Weise macht Winterhoff deutlich, wie struktuelle und sozialpsychologische Fragestellungen zusammenhängen. Gerade das macht sein Buch für Sozialethiker lesenswert. Zunehmend wird Bildung zu Recht als ein sozialethisches Thema wahrgenommen. Doch müssen die besten sozialethischen Anstrengungen im Bildungsbereich ins Leere laufen, wenn sie nicht mit pädagogischen und psychologischen Fragen korreliert werden.
Genau dies mahnt das neue Buch von Winterhoff an. Aus psychologischer Sicht macht der Verfasser deutlich, warum viele Bildungsreformen der vergangenen Jahre ins Leere laufen: “In Grundschulen gehört es heute zum ganz normalen Alltag, dass die ersten Monate nach der Einschulung weniger damit angefüllt sind, mit dem Erlernen des Schreibens, des Rechnens zu beginnen. Bevor es soweit ist, müssen Lehrer sich zunächst einmal damit befassen, einigermaßen sicherzustellen, dass Unterricht überhaupt möglich ist, sprich: zu erreichen, dass der Großteil der Klasse sich auf den Unterricht und den Lehrer konzentriert, ihm zuhört und Regeln akzeptiert, ohne die eine Klassengemeinschaft nicht funktionieren kann. Dazu sind heute immer weniger Kinder in der Lage, weil ihnen die notwendigen Entwicklungsschritte der Psyche im sozialen und emotionalen Bereich fehlen. Der Lehrer wird dadurch nicht als Lehrer erkannt, das Gleiche gilt für Strukturen und Abläufe, die für den Lernerfolg notwendig sind” (S. 9 f.).
Michael Winterhoff plädiert für eine “Rückkehr zur Intuition” in unserem Bildungs-, Erziehungs- und Familiensystem. Dabei legt er kein pädagogisches Rezeptbuch vor, davon gibt es schon genug. Theologisch kann sein Anliegen als Ruf zur Umkehr interpretiert werden – und diese gelingt nur im individuellen Durchdenken und Überdenken unserer gegenwärtigen Lebensweise. Die streitbaren Thesen Winterhoffs sind es wert, auch bildungsethisch diskutiert zu werden.

Michael Winterhoff (Rez.): Lasst Kinder wieder Kinder sien! Oder: Die Rückkehr zur Intuition, in Zusammenarbeit mit Carsten Tergast, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2011.

Axel Bernd Kunze (Rez.)

Zukunft Internet?

Die Piratenpartei hat in Berlin für eine gewaltige Wahlüberraschung gesorgt; den Internetaktivisten ist es gelungen, aus dem Stand deutlich über die Fünfprozenthürde zu springen und ins Abgeordnetenhaus einzuziehen. Wer die Wochenzeitung “Die Zeit” regelmäßig verfolgt, wird hingegen festgestellt haben, dass in dem liberalen Blatt aus Hamburg zunehmend kritischere Töne gegenüber dem Internet zu hören sind. Die Wortführer sind zwei “Zeit”-Redakteure aus dem Wirtschaftsressort. Thomas Fischermann und Götz Hamann warnen davor, dass die Interneteuphorie bald vorbei sein könnte:

Thomas Fischermann/Götz Hamann: Zeitbombe Internet. Warum unsere vernetzte Welt immer störanfälliger und gefährlicher wird, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2011, 255 Seiten.

Am Anfang des Flugverkehrs wurde diskutiert, ob eine Überfluggenehmigung der Grundstückseigentümer notwendig sei. Die Frage wurde verneint. Und man kann sich fragen, wie sich die neue Technik entwickelt hätte, wenn damals anders entschieden worden wäre. Thomas Fischermann und Götz Hamann sehen die Welt heute vor einer ähnlichen Grundsatzentscheidung, wenn auch mit anderer Stoßrichtung: Soll das Internet auf Dauer erfolgreich sein soll, bedarf es politischer Regelungen. Andernfalls, so die Wirtschaftsredakteure der liberalen Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“, könnte das Internet über kurz oder lang an seinem eigenen Erfolg zugrundegehen. Die Autoren entziehen sich der gängigen Interneteuphorie und benennen deutlich die vielfältigen Gefahren von Datenmissbrauch, Cyberattacken und Hackerangriffen. Verteufelt wird das Internet aber keineswegs. Doch wird seine Zukunft davon abhängen, ob es wirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich klug genutzt wird. Ein lesenswerter Diskussionsanstoß.

Axel Bernd Kunze (Rez.)

Befristete Wissenschaft?

Die Evangelische Akademie Hofgeismar führt im November eine Tagung zu einem Thema durch, das Nachwuchswissenschaftler direkt betrifft. In der Tagungsankündigung heißt es:
Hofgeismarer Gespräche zur Wissenschaftspolitik 18./19. November 2011
„Befristete Wissenschaft?“– Das Sonderarbeitsrecht für öffentlich finanzierte Wissenschaftler auf dem Prüfstand

Mit der Reform der Regeln für befristete Arbeitsverträge für Wissenschaftler sollte die Karriereplanung für den wissenschaftlichen Nachwuchs erleichtert werden und ihm zu einem frühen Zeitpunkt überschaubare Perspektiven für die individuelle Lebensplanung verschaffen. Mit der Erweiterung der Drittmittelbefristungsmöglichkeit im WissZeitVG soll flexibler auf biographische Besonderheiten in der individuellen Karriere reagiert werden können. In der Praxis scheinen die Länder und die Hochschulen sowie die außeruniversitären Forschungseinrichtungen durch die Schaffung neuer Personalkategorien einerseits und/oder durch die extensive Ausschöpfung von Befristungsmöglichkeiten andererseits die neuen Spielräume eher in umgekehrter Richtung auszuschöpfen. So wird im Drittmittelbereich auch oft auf die Qualifika­tionsbefristung zurückgegriffen. Damit verwischt das Verhältnis von Qualifikationsforschung und Drittmittelforschung bzw. das Verhältnis von selbstdefinierter Forschungstätigkeit und Auftragsforschung. Fragmentierte Befristungen in Drittmittelprojekte führen zur Entwicklung einer freien Mitarbeiterschaft, wie sie im Kulturbereich bekannt sind. Auch die Nutzung der Qualifikationsbefristung für die Beschäftigung von Personal, das wesentlich Lehraufgaben wahrnimmt, wirft Fragen nach der Zukunftsfähigkeit der Befristungsmöglichkeiten auf. Neben diesen Strukturen stehen im Bereich der Ressortforschung Einrichtungen mit Forschungsaufgaben, die von den Befristungsmöglichkeiten fast keinen Gebrauch machen. Das Hofgeismarer Gespräch soll eine aktuelle Lageeinschätzung zu den Perspektiven der Beschäftigungsstrukturen in öffentlich finanzierten Wissenschaftssektor liefern und Reformbedarf und –optionen im Befristungsrecht für Wissenschaftler diskutieren.

Das detaillierte Programm ist unter http://www.ekkw.de/akademie.hofgeismar/tagungen.htm abrufbar.

Für Rückfragen steht gern zur Verfügung:
Studienleiter Dr. jur. Herwig Unnerstall M. A.
Evangelische Akademie Hofgeismar
Postfach 12 05
34362 Hofgeismar

Tel. (0 5 67) 8 81-1 19
Telefax (0 5 67) 8 81-1 54
E-Mail: Herwig.Unnerstall@ekkw.de

Internet: www.akademie-hofgeismar.de

Helmuth Becker verstorben

Am 20. Mai 2011 verstarb im Alter von 81 Jahren der frühere Vizepräsident des Deutschen Bundestages und langjährige SPD-Bundestagsabgeordnete Dr. E. h. Helmuth Becker. Bundestagspräsident Norbert Lammert würdigte bei einer Schweigeminute im Parlament den Verstorbenen als “außergewöhnliche Parlamentarierpersönlichkeit” und “Meister des Pragmatismus”, der über alle Parteigrenzen hinweg geschätzt worden sei.

Dem Parlament gehörte Becker, der über die Gewerkschaftsarbeit zur Politik kam, von 1969 bis 1994 an. Er war unter anderem Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundespostministerium sowie nach seinem Ausscheiden aus der aktiven Politik von 1995 bis 2000 Präsident der Vereinigung ehemaliger Mitglieder des Deutschen Bundestages und des Europäischen Parlaments. Der in Münster geborene Diplomingenieur engagierte sich nicht zuletzt für die deutsch-polnische Aussöhnung; die Universität Breslau ehrte ihn dafür mit der Ehrendoktorwürde.

Dr. E. h. Helmuth Becker hatte seinerzeit die Veröffentlichung des Forums Sozialethik von 2002 mit dem Titel “Wissensgesellschaft. Herausforderungen für die christliche Sozialethik” mit einer Spende
unterstützt.

R. I. P.

Bildungspolitischer Glaubenskrieg

Am kommenden Sonntag findet in Hamburg ein Volksentscheid statt, dessen Ausgang nicht nur landespolitisch, sondern auch bildungsethisch interessant sein wird.

Die Hamburger Wochzeitung “Die Zeit” positioniert sich auf der Titelseite ihrer heutigen Ausgabe vom 15. Juli 2010 sehr deutlich gegen die schwarz-grüne Schulreform und meint:“Sollen Schüler länger gemeinsam lernen? So will es die Politik in Hamburg und NRW. Der Schaden wäre groß.” Thomas Kerstan, der in seinem Beitrag von einem “Glaubenskrieg” spricht, befürchtet, dass durch fragwürdige Strukturveränderungen funktionierende Schulstrukturen ohne Not zerschlagen werden, ohne dass für eine zielgenaue individuelle Förderung benachteiligter Schüler wirkungsvoll etwas getan wird. Er schreibt in seinem Beitrag u. a.: “Den Jugendlichen, denen der Start in einen qualifizierten Beruf und damit ins Leben verbaut wird, hilft keine Gerechtigkeitsrhetorik, sondern nur konkrete Unterstützung. [...] Wenn die Hamburger am Sonntag die überflüssige Primarschule ablehnen – dann wird Kraft frei, um den Bildungsverlierern zu helfen.”

Der Beitrag ist auch in der Onlineausgabe der “Zeit” zu finden:

http://www.zeit.de/2010/29/01-Schulreform

Caritas in veritate

Die sozialethische Zeitschrift Denk doch mal. Onlinemagazin für Arbeit – Bildung – Gesellschaft, herausgegeben vom Netzwerk Gesellschaftsethik e. V., hat eine Sonderausgabe mit Reflexionen über die neue Sozialenzyklika “Caritas in veritate” von Papst Benedikt XVI. veröffentlicht.

Das unter www.denk-doch-mal.de kostenfrei zugängliche Heft enthält Beiträge von Robert Zollitsch (“Die Liebe als Hauptweg der Soziallehre”), Marianne Heimbach-Steins (“Für alle Menschen guten Willens”), Thomas Steinforth (“Wirtschaft ist kein moralfreier Raum”), Markus Seibt (“Religionsunterricht an Berufsschulen ohne Chance?”),
Axel Bernd Kunze (“Bildung und Entwicklung – Anspruch auf umfassende Bildung”), Markus Vogt (“Arbeit – Positionen der katholischen Soziallehre”), Manfred Böhm (“Die Wurzeln der Betriebsseelsorge”), Erwin Helmer (“Dreizehn päpstliche Wege aus der Krise”), Hermann-Josef Kronen (“Schlaglichter zur Situation von Arbeitslosen”), Martin Mohr  (“Ein Zwischenruf”) sowie Hans Ludwig (“Plattform soziale Marktwirtschaft”). Und in einem Interview bekennt Fritz Schösser: “Ich habe die Enzyklika von Anfang bis Ende gelesen.” Das Editorial des Heftes stammt aus der Feder von Gerhard L. Endres, Vorsitzender des Netzwerkes Gesellschaftsethik e. V.

Neugründung

Am Samstag, 26. Juni 2010, wurde in Köln im Rahmen des Kongresses “Bildungsstandards auf dem Prüfstand” die neue GESELLSCHAFT FÜR BILDUNG UND WISSEN gegründet. Die neue  Gesellschaft versteht sich nicht als Partei, wohl aber als ein Zusammenschluss von Verantwortlichen aus unterschiedlichen Bereichen des Bildungswesens, der bewusst die “offensive politische Kommunikation mit gesellschaftlichen Gruppen und der (Medien-) Öffentlichkeit” sucht. “Die Aktivitäten”, so schreibt die neue Gesellschaft in ihrer Selbstdarstellung, “leben von der Leidenschaft am argumentativen Streit um die gemeinsame Sache von Bildung und Wissen”.

Kontakt und weitere Informationen:

Gesellschaft für Bildung und Wissen e. V.

Goethe-Universität Frankfurt am Main

Sophienstraße 1 – 3

D-60487 Frankfurt am Main

Tel. (0 69) 7 98-2 81 50

Fax (0 69) 7 98-2 27 78

E-Mail: info@bildung-wissen.eu

Internet: www.bildung-wissen.eu

Umstrittene Denkschrift

Kirche und unternehmerisches Handeln. Neue Perspektiven der Dialogarbeit – so heißt ein neuer Sammelband des “Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt” (kda), der sich mit der Unternehmerdenkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland beschäftigt. Die Beiträge fragen danach, wie der Dialog zwischen Kirche und Wirtschaft heute gelingen kann. Aus genuin sozialethischer Sicht kommentieren Prof. Dr. Hans-G. Ulrich, evangelischer Sozialethiker aus Erlangen, und Dr. Axel Bernd Kunze, katholischer Sozialethiker aus Bamberg, die umstrittene und äußerst kontrovers diskutierte Denkschrift.

Johannes Rehm, Sigrid Reihs (Hgg.): Kirche und unternehmerisches Handeln. Neue Perspektiven der Dialogarbeit, Stuttgart: W. Kohlhammer 2010.

Was heißt “Inklusion”?

Die neue Ausgabe der Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte, herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung, die als Beilage der Wochenzeitung Das Parlament beiliegt, ist dem Thema “Menschen mit Behinderungen” gewidmet (Ausgabe 23/2010 vom 07. Juni 2010).

Valentin Aichele, Leiter der Monitoringstelle zur UN-Behindertenrechtskonvention am Deutschen Institut für Menschenrechte in Berlin, führt in das neue UN-Dokument ein (S. 13 – 19).

Bildungsethisch interessant sind darüber hinaus vor allem die beiden Beiträge von Thomas Stöppler, Leiter des Seminars für Didaktik und Lehrerbildung in Stuttgart sowie Vorsitzender des Verbandes Sonderpädagogik e. V. (S. 19 – 24), und Hans Wocken, Professor für Lernbehindertenpädagogik und Integrationspädagogik an der Universität Hamburg (S. 25 – 31). Beide setzen sich mit der Forderung nach inklusiver Bildung auseinander – und kommen dabei zu gegensätzlichen Antworten: Stöppler sieht die bestmögliche Förderung eines jeden Schülers durch eine differenzierte Vielfalt (sonder-)pädagogischer Angebote gewährleistet und äußert sich sehr kritisch gegenüber solchen Positionen, die mit menschenrechtlichen Argumenten das Sonderschulwesen insgesamt zu schleifen versuchen. Wocken hingegen plädiert dafür, die räumliche Trennung zwischen Regel- und Sonderschulsystem weitgehend zu überwinden.

In Abwägung beider Positionen wird man bildungsethisch davon ausgehen müssen, dass es pädagogisch wie menschenrechtlich verfehlt wäre, auf sonderpädagogische Einrichtungen gänzlich verzichten zu wollen. Ein solch einseitiges Verständnis von “Inklusion” ist momentan in der Debatte um ein Recht auf Bildung sehr beliebt, verspricht aber keineswegs die bestmögliche individuelle Förderung für jeden Einzelnen. Nicht jede äußere Differenzierung im Schulwesen ist bereits diskriminierend. Ein solches Missverständnis von Diskriminierung verneint letztlich die vielfältigen individuellen Voraussetzungen, inhomogenen Bedürfnisse und differenzierten Förderansprüche. Ein solches Gleichheitsverständnis verkehrt legitime menschenrechtliche Forderungen in den Zwang staatlich verordneter Gleichmacherei – und widerspricht damit dem Charakter der Menschenrechte als Freiheitsrechte. Wird über den Zusammenhang von Inklusion und Bildung diskutiert, ist bildungsethisch eine differenzierte Zuordnung von Gerechtigkeit und Differenz gefordert. Andernfalls besteht die Gefahr, dass Würde und Wert des Individuums mit den sozialen Ansprüchen der Gemeinschaft verrechnet werden – in der Folge würde der Einzelne reduziert auf eine Funktion der sozialen Frage. Gleichheit darf nicht das Recht auf Ungleichheit beseitigen. Und der Einzelne ist stets mehr als allein Teil eines Kollektivs.

Ob eine inklusive Beschulung sinnvoll und möglich ist, sollte stärker als bisher geprüft werden. In welchen Fällen eine äußere Differenzierung sinnvoller ist und die bessere Förderung verspricht, bleibt allerdings weiterhin im Einzelfall zu prüfen. Dies kann nicht über die Köpfe der Betroffenen hinweg entschieden werden. “Inklusion” ist ein Prinzip zur Anwendung der Menschenrechte, keine universale und vor allem keinesfalls einseitig auszulegende Norm. Was die bestmögliche individuelle Förderung verspricht, bleibt situativ pädagogisch, therapeutisch und psychologisch zu entscheiden – und kann nicht aus einer Gerechtigkeitsformel abstrakt abgeleitet werden.

Antrittsvorlesung

Die neue Direktorin des Instituts für Christliche Sozialwissenschaften der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, Prof. Dr. Marianne Heimbach-Steins, hält am Freitag, 11. Juni 2010, ihre Antrittsvorlesung zum Thema “Migration und Zugehörigkeit. Sozialethische Perspektiven”. Die Vorlesung beginnt um 12 Uhr c. t. im Hörsaal AudiMax der Universität Münster, Johannisstraße 12 bis 20.

Bildungsprobleme aus Sicht eines Jugendpsychiaters

“Kinder wollen Grenzen – und brauchen sie auch.” Zu dieser Erkenntnis kommt eine neue Studie der beiden Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann und Sabine Andresen, die in diesen Tagen veröffentlicht wurde. Ob Erziehung gelingt oder nicht, ist nicht allein eine finanzielle Frage. Und noch etwas zeigt die Studie: Die Erziehung, welche Kinder erfahren, wirkt sich auf das spätere Leben als Erwachsener aus.

Davon ist auch der Bonner Kinder- und Jugendpsychotherapeut Michael Winterhoff überzeugt, der durch seine Präsenz in der “Bild”-Zeitung bundesweit bekannt wurde. Für Furore sorgte er durch seine beiden Bände “Warum unsere Kinder Tyrannen werden” und “Tyrannen müssen nicht sein”. Nun hat Winterhoff nachgelegt. Gemeinsam mit Isabel Thielen, Personalleiterin in einem Medienunternehmen und freiberufliche Mediatorin, zeigt er auf, wie sich Erziehungsfehler im späteren Jugend- und frühen Erwachsenenalter auswirken. Anhand zahlreicher Beispiele schildern beide Autoren sehr lebendig, wie schwer sich junge Auszubildende beim Übergang von der Schule in den Beruf tun, wenn sie bestimmte psychische Reifungsschritte nicht vollzogen haben. Den Grund hierfür orten die beiden Psychologen in einer überzogenen und falsch verstandenen Form partnerschaftlicher Erziehung, ohne dabei – wie sie mehrfach betonen – alle Eltern oder Heranwachsenden über einen Kamm scheren zu wollen.

Der Band “Persönlichkeiten statt Tyrannen” weist daraufhin, dass die gegenwärtigen Bildungsprobleme nicht allein strukturell zu lösen sein werden. Wichtig ist es auch, die vorherrschenden Erziehungskonzepte auf den Prüfstand zu stellen. Umgekehrt geht es Winterhoff und Thielen aber auch nicht darum, die gegenwärtige Ausbildungsmisere zu individualisieren. Vielmehr zeigt ihr Band, dass bei der Beschäftigung mit Bildungsproblemen individual- und sozialpsychologische Perspektiven zusammengedacht werden müssen.

Die Ausbildungsreife vieler Jugendlicher ist beträchtlich gesunken: eine Entwicklung, die bedenklich stimmen sollte. Was in der Schule noch kaschiert werden kann, tritt im Beruf oft unübersehbar zu Tage. Winterhoff und Thielen warnen vor den gesellschaftlichen Folgekosten, die dadurch entstehen. Zugleich machen sie aber auch Mut, das Problem bildungspolitisch und pädagogisch anzugehen. Gelingen kann dies nach beider Ansicht nur, wenn dabei pädagogische, psychologische und soziologische Perspektiven miteinander verschränkt werden – etwas, was bisher leider viel zu selten gelingt. Dabei schreiben die beiden Autoren den politisch Verantwortlichen ins Stammbuch, der Qualität der Beziehungsebene verstärkt Aufmerksamkeit zu widmen – und den Lehrern wieder mehr pädagogischen Spielraum für ihre schwerer gewordene Erziehungsaufgabe zuzugestehen.

Michael Winterhoff/Isabel Thielen (in Zusammenarbeit mit Carsten Tergast): Persönlichkeiten statt Tyrannen. Oder: Wie junge Menschen in Leben und Beruf ankommen, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2010, 189 Seiten.

Axel B. Kunze (Rez.)

Theologie einmal anders

Gunda Werner-Burggraf, Dogmatikerin aus  Bonn sowie Habilitandin an der Universität Freiburg, und ihr Mann, Wolfgang Max Burggraf, planen ein “theologisches” Projekt ganz eigener Art: In vierhundert Tagen wollen sie mit dem Fahrrad über die Seidenstraße von Bonn nach Tokio fahren. Beide kommen aus der Menschenrechts- und Versöhnungsarbeit – und in diesem Kontext sehen sie auch ihr Projekt, das mehr ist als ein Fahrradurlaub. Auf ihrer Internetseite schreiben sie dazu:

“Dabei ist es uns ein Anliegen, gerade durch die Länder zu fahren, die aufgrund ihrer jüngsten Vergangenheit sich in politischen, sozialen und friedensperspektivischen Um- und Aufbrüchen befinden. So werden wir durch den Kosovo, die Türkei einschließlich der kurdischen Gebiete, Armenien und Aserbaidschan, den Iran, die ganzen „Stan-Staaten“ in Zentralasien und eben auch China fahren. Da wir mit dem Rad direkt im Land unterwegs und regelmäßig auf Hilfe und Unterstützung  der Menschen vor Ort angewiesen sind, wird unser Bild der Länder sicherlich ein anderes sein als das in der Presse so häufig zu lesende.”

Und dadurch, so sagt die Theologin selber, werde sich auch ihre Theologie ganz sicher verändern. Wer das Projekt unterstützen, begleiten und mitverfolgen möchte, kann sich informieren unter:

www.silkroad-project.eu

Rückkehr der Pädagogik

“Dass Bildung nach PISA ein gesellschaftliches Megathema geworden ist, war durchaus begrüßenswert – allzu lange hatte man diesen gesellschaftlichen Sektor vernachlässigt. Fraglos tut es der Jugend wie dem Land gut, wenn das Bildungsniveau steigt. Aber die Debatte hat eine ungünstige Wendung genommen [...] Schule und Unterricht werden zunehmend mechanistisch verstanden, als ein Gebiet von Daten und Prozesen, auf denen bei geeigneter Justierung der Variablen alles machbar, ökonomisch optimal kalkulierbar und auch politisch kontrollierbar erscheint.” (S. 17) – Auch die Bildungsethik ist vor dieser Blickverengung nicht gefeit. Doch Michael Felten, bekannt durch sein früheres Buch “Neue Mythen in der Pädagogik”, warnt:  “Kinder sind keine Rohstoffe. Wer also betriebswirtschaftliche Theoriebestandteile zum Maßstab für schulpädagogische Veränderungen macht, irrt nicht nur organisationstheoretisch, sondern handelt auch in normativer Hinsicht fragwürdig.” (ebd.)

Nicht zuletzt deshalb ist Feltens neues Werk auch für Bildungsethiker lesenswert. “Auf die Lehrer kommt es an!” ist ein Werk, das mit pädagogischem Herzblut geschrieben ist. Sein Verfasser, seit fast dreißig Jahren Gymnasiallehrer für Mathematik und Kunst in Köln, plädiert angesichts des Reformwahns, der die Bildungspolitik erfasst hat, wieder nach dem pädagogischen Sinn von Schule zu fragen.  Der Kern der Schule ist die pädagogische Beziehung zwischen Lehrern und Schülern. Und diese droht, zunehmend vergessen zu werden.

Engagiert,  einfühlsam und wohltuend “un-zeitgemäß” plädiert Felten dafür, vorrangig nach der pädagogischen Sinnhaftigkeit geplanter Bildungsreformen zu fragen. Seine Überlegungen bewegen sich um drei Forderungen: Eine Schule wird dann Erfolg haben, wenn sie sich zur Aufgabe pädagogischer Führung bekennt, wenn sie sich methodisch auf das Wesentliche besinnt und wenn sie sich darum bemüht, ihre Schüler psychologisch zu verstehen. Zahlreiche lebendig geschilderte Beispiele aus der langjährigen Unterrichtserfahrung des Autors durchziehen den Band.

Es bleibt dem Buch zu wünschen, dass der Ruf nach einer Rückkehr der Pädagogik in die Schule nicht ungehört verhallt. Ohne pädagogisches Denken werden selbst die besten bildungspolitischen Reformvorhaben ins Leere laufen müssen.

Michael Felten: Auf die Lehrer kommt es an! Für eine Rückkehr der Pädagogik in die Schule, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2010, 191 Seiten.

Axel Bernd Kunze (Rez.)

Zwischen Humanität und Wettbewerb

Wege aus der Ökonomisierung – … unter diesem Motto steht eine Hauptpodienreihe auf dem kommenden Zweiten Ökumenischen Kirchentag, der vom 12 bis 16. Mai 2010 in München stattfindet. Dabei sollen Visionen für die Gestaltung einer gerechten und humanen Gesellschaft entwickelt werden.  Geht es in den ersten zwei Tagen um die Gestaltung unseres Gesundheitssystems und das künftige Verhältnis der Generationen, steht am Samstag ein Thema im Vordergrund, das in keinem Wahlkampf der letzten Jahre fehlte: Bildung.

Deutschland steht unter Schock, genauer gesagt: unter dem PISA-Schock. Die erste PISA-Studie vor zehn Jahren hat das Thema Bildung ganz oben auf die Tagesordnung gesetzt. Bildung wird als der „neue Rohstoff des 21. Jahrhunderts“ bezeichnet – oder auch als „die neue soziale Frage“. An das Bildungssystem werden zahlreiche wirtschafts- wie sozialpolitische Hoffnungen gleichermaßen geknüpft.

Doch wohin soll die Reise gehen? Über die notwendigen bildungspolitischen Reformen besteht keineswegs Einigkeit. Nicht wenige fragen aber auch, seit Bildung zum politischen „Megathema“ geworden ist: Geht es bei all den Bildungsdebatten überhaupt noch um Bildung? Oder geht es nicht vielmehr darum, dass sich die Schule immer stärker den Anforderungen eines globalisierten Marktes anpasst? Die HARTZ-IV-Schule ist der Titel einer WDR-Dokumentation, mit der die Veranstaltung eröffnet werden soll. Der kurze Filmeinstieg soll exemplarisch zeigen, welchen Spannungen sich die Schule und die in ihr tätigen Lehrer heute gegenübersehen. Angesichts der gegenwärtigen Euro-Krise, deren Ausgang keiner von uns heute überblicken kann, hat die Frage nach dem Standort der Schule Zwischen Humanität und Wettbewerb eine ganz neue Brisanz gewonnen.

Die bildungspolitisch anregende, sicher kontroverse, hoffentlich aber ermutigende Diskussion steht unter Leitung von Maria von Welser, den meisten sicher bekannt als Gründerin des ZDF-Frauenmagazins Mona Lisa.

Es diskutieren miteinander Prof. Dr. Carl Jongebloed (Universität Kiel), Präsident Heinrich Traublinger, MdL a. D. (Handwerkskammer für München und Oberbayern), Staatsministerin Doris Ahnen (Rheinland-Pfalz), Prof. DDr. Thomas Sternberg, MdL (Zentralkomitee der deutschen Katholiken), Dipl.-Päd. Angelika Neubäcker (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft)  und  Quirin Weinzierl (Dekanatsjugendkammer München). Die Veranstaltung wird geleitet von Dr. Lukas Rölli-Alkemper (Forum Hochschule und Kirche), Dr. Lars Allolio-Näcke (Universität Erlangen-Nürnberg) und Dr. Axel Bernd Kunze (Universität Trier) sowie musikalisch umrahmt durch die Schülerband The Fraggllzz aus Hoya.

Das Podium mit dem Titel “Zwischen Humanität und Wettbewerb. Schule im Spannungsfeld einer ökonomisierten Gesellschaft” findet am Samstag, 15. Mai 2010, von 14 Uhr bis 15.30 Uhr in Halle C 2 auf dem Münchner Messegelände statt.