Monthly Archive for Dezember, 2011

Erziehung setzt Beziehung voraus

Bildung und Erziehung setzen Beziehung voraus. Vielen Erwachsenen fällt es aber zunehmend schwer, tragfähige Beziehungen zu ihren Kindern aufzubauen. Dies meint der Bonner Kinder- und Jugendpsychotherapeut Michael Winterhoff in seinem neuen Buch “Lasst Kinder wieder Kinder sein!”. Die sozialpsychologischen Ursachen hierfür seien vielfältig: Das Leben sei schnelllebiger und unbeständiger geworden, der Entscheidungsdruck habe zugenommen, die Grenzen zwischen Privatleben und Beruf lösten sich auf. Das Web 2.0 gaukle uns eine Entscheidungsfreiheit vor, die mehr ein beständiger Entscheidungsdruck sei – mit belastenden Folgen für unsere Psyche: “Wer ständig Angst vor Fehlentscheidungen hat, gerät unter Stress. Er verliert nicht nur einerseits die Fähigkeit, überhaupt noch sicher zu beurteilen, ob er wirlich eine falsche Wahl getroffen hat, sondern die ständige Stressüberlastung des Gehirns führt andererseits dazu, dass er im weiteren Verlauf tatsächlich in immer größerer Gefahr steht, Fehlentscheidungen zu treffen, weil objektive Entscheidungskriterien eine zunehmend untergeordnete Rolle spielen” (S. 75 f.).
Bestsellerautor Winterhoff (“Warum unsere Kinder Tyrannen werden”, “Tyrannen müssen nicht sein”, Persönlichkeiten statt Tyrannen”) will nicht anklagen oder Schuld zuweisen, sondern aufklären: “Aufklärung über gesellschaftliche Zusammenhänge, die sich auf die Beziehung zwischen Erwachsenen und Kindern auswirken und dafür sorgen, dass Kinder und Jugendliche zunehmend keine Chance haben, sich in einem entscheidenden Bereich ihrer Psyche zu entwickeln” (S. 12). Auf überzeugende Weise macht Winterhoff deutlich, wie struktuelle und sozialpsychologische Fragestellungen zusammenhängen. Gerade das macht sein Buch für Sozialethiker lesenswert. Zunehmend wird Bildung zu Recht als ein sozialethisches Thema wahrgenommen. Doch müssen die besten sozialethischen Anstrengungen im Bildungsbereich ins Leere laufen, wenn sie nicht mit pädagogischen und psychologischen Fragen korreliert werden.
Genau dies mahnt das neue Buch von Winterhoff an. Aus psychologischer Sicht macht der Verfasser deutlich, warum viele Bildungsreformen der vergangenen Jahre ins Leere laufen: “In Grundschulen gehört es heute zum ganz normalen Alltag, dass die ersten Monate nach der Einschulung weniger damit angefüllt sind, mit dem Erlernen des Schreibens, des Rechnens zu beginnen. Bevor es soweit ist, müssen Lehrer sich zunächst einmal damit befassen, einigermaßen sicherzustellen, dass Unterricht überhaupt möglich ist, sprich: zu erreichen, dass der Großteil der Klasse sich auf den Unterricht und den Lehrer konzentriert, ihm zuhört und Regeln akzeptiert, ohne die eine Klassengemeinschaft nicht funktionieren kann. Dazu sind heute immer weniger Kinder in der Lage, weil ihnen die notwendigen Entwicklungsschritte der Psyche im sozialen und emotionalen Bereich fehlen. Der Lehrer wird dadurch nicht als Lehrer erkannt, das Gleiche gilt für Strukturen und Abläufe, die für den Lernerfolg notwendig sind” (S. 9 f.).
Michael Winterhoff plädiert für eine “Rückkehr zur Intuition” in unserem Bildungs-, Erziehungs- und Familiensystem. Dabei legt er kein pädagogisches Rezeptbuch vor, davon gibt es schon genug. Theologisch kann sein Anliegen als Ruf zur Umkehr interpretiert werden – und diese gelingt nur im individuellen Durchdenken und Überdenken unserer gegenwärtigen Lebensweise. Die streitbaren Thesen Winterhoffs sind es wert, auch bildungsethisch diskutiert zu werden.

Michael Winterhoff (Rez.): Lasst Kinder wieder Kinder sien! Oder: Die Rückkehr zur Intuition, in Zusammenarbeit mit Carsten Tergast, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2011.

Axel Bernd Kunze (Rez.)

Tagung: Pragmatism and the theory of religion

Das Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien in Erfurt veranstaltet vom 16. – 18. 02.2012 eine Tagung mit dem Titel “Pragmatism and the theory of religion”.

Die Philosphie des Pragmatismus [...] entstand um 1870 nicht aus Säkularisierungsmotiven, sondern aus der Frage heraus, wie nach der Erschütterung traditioneller Gewissheiten durch Erkenntnisse der Experimentellen Psychologie, der religionsgeschichtlichen Forschung und des Darwinismus eine neue  Begründung für einen modernitätsfähigen religiösen Glauben geleistet werden könne. Die geplante Tagung widmet sich dem Religionsdenken der Hauptvertreter des amerikanischen Pragmatismus.

Nähere Informationen sowie das Programm der Tagung finden sich hier.

Ausschreibung der Wissenschaftspreise des Deutschen Caritasverbandes e.V.

Mit dem Lorenz-Werthmann-Preis werden Dissertationen und Habilitationsschriften sowie Arbeiten mit einem entsprechenden gleichen wissenschaftlichen Niveau ausgezeichnet, die sich mit der Arbeit und Aufgabenstellung der freien Wohlfahrtspflege, der Zusammenarbeit zwischen freier und öffentlicher Wohlfahrtspflege, neuen Ansätzen in der Sozialen Arbeit sowie mit caritastheologischen und sozialethischen Themen befassen. Der Preis ist mit 5.000 Euro dotiert.

Der Gertrud-Luckner-Preis ist zum Gedenken an Gertrud-Luckner geschaffen worden. Mit dem Preis würdigt der Deutsche Caritasverband die hohe Lebensleistung von Dr. Gertrud Luckner. Ausgezeichnet werden mit dem Gertrud-Luckner-Preis Abschlussarbeiten in Diplom-. Magister-, Bachelor- und Masterstudiengängen an Universitäten und Fachhochschulen beziehungsweise vergleichbare Arbeiten, die sich mit der Arbeit und Aufgabenstellung der freien Wohlfahrtspflege, der Zusammenarbeit zwischen freier und öffentlichen Wohlfahrtspflege, neue Ansätze in der Sozialen Arbeit sowie mit caritastheologischen und sozialethischen Themen befassen. Für den Gertrud-Luckner-Preis können Abschlussarbeiten von Dozenten/-innen beziehungsweise Professoren/-innen an Universitäten und Fachhochschulen vorgeschlagen werden. Eigenbewerbungen sind nicht möglich. Wir bitte Sie ganz herzlich geeignete Kanditaten/-innen und Dozenten-/innen sowie Professoren/-innen auf diesen Preis aufmerksam zu machen. Der Preist ist mit 1.000 Euro dotiert.

Die Eingabefristen für beide Preise enden am 1. März 2012. Der Deutsche Caritasverband e.V. bittet darum, auf die Ausschreibung der Preise hinzuweisen und möglicherweise geeignete Kandidatinnen und Kandidatinnen anzusprechen.

Weitere Informationen zu den zwei Wissenschaftspreisen finden sich hier.

Fulbright American Studies Institute 2012

Vom 16. bis 30. September 2012 veranstaltet die deutsch-amerikanische Fulbright Kommission das American Studies Institute als interdisziplinäre Fortbildungsmöglichkeit für Doktoranden und Postdoktoranden. Hierfür wird die Fulbright-Kommission bis zu 15 Stipendien (Reise- und Aufenthaltskosten sowie Programmkosten) bereitstellen.

Das Thema des American Studies Institute 2012 lautet “Contested Visions: The United States in 2012″ und wird in Zusammenarbeit mit der San Francisco State University in San Francisco, Kalifornien, organisiert und durchgeführt.

Nähere Informationen und Bewerbungsunterlagen für das American Studies Institute 2012 finden sich hier.

Amosinternational 4/2011 – Soziale Marktwirtschaft für Europa

Vor wenigen Tagen ist die neue Ausgabe von Amosinternational erschienen. Das von Peter Schallenberg und Arnd Küppers konzipierte Schwerpunktthema “Soziale Marktwirtschaft in Europa” nimmt seinen Ausgangspunkt von dem Faktum, dass “soziale Marktwirtschaft” seit Inkrafttreten des Vertrags von Lissabon zu den festgeschriebenen Zielen der Europäischen Union gehört. Damit ist ein Konzept auf europäische Ebene gehoben worden, das bisher v.a. in deutschsprachigen Diskussionszusammenhängen beheimatet war. Die Artikel des Schwerpunktthemas gehen dementsprechend mit unterschiedlicher Fokussierung der Frage nach, was diese Leitidee für die politische Ausgestaltung der Europäischen Union bedeuten kann:

Im Beitrag “Soziale Marktwirtschaft – deutscher Sonderweg oder europäisches Gemeingut? Eine kulturgeschichtliche Spurensuche” kommen Peter Schallenberg und Arnd Küppers zu dem Ergebnis, dass “soziale Marktwirtschaft” zwar eine deutsche Wortschöpfung darstellt, der dahinterstehende Gedanke einer Verbindung von Freiheit und Solidarität aber durchaus in einem gemeinsamen europäischen Kulturerbe zu verorten ist. Continue reading ‘Amosinternational 4/2011 – Soziale Marktwirtschaft für Europa’

Die Zukunft der Geisteswissenschaften in einer multipolaren Welt

Am 15. und 16. Dezember findet in Berlin eine hochkarätig besetzte und kostenfreie Tagung zum Thema “Die Zukunft der Geisteswissenschaften in einer multipolaren Welt” statt.

In den letzten Jahren war häufig die Klage zu hören, dass die Geisteswissenschaften marginalisiert würden. In der Tat, die Wahrnehmung von Wissenschaft im Allgemeinen und der ‚Humanities’ im Besonderen erfolgt zunehmend in ökonomischer Perspektive und versetzt diese in Rechtfertigungszwänge. Die Frage ist berechtigt: Welche Rolle spielen die Geisteswissenschaften in der vom kulturellen und sozialen Wandel geprägten Gesellschaft des 21. Jahrhunderts? Welche Bedeutung haben sie in der modernen Wissensgesellschaft? Internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Medien diskutieren über die Funktionen und Potenziale der Geisteswissenschaften in einer multipolaren Welt.

Das Thema ist insgesamt von nicht geringem sozialethischen Interesse. Hervorzuheben aber sind die Vorträge von Regina Ammicht Quinn “Vom Sinn des Überflüssigen. Ethik als politische Ethik im Kontext der Geisteswissenschaften” sowie insbesondere der auch separat zu besuchende Abendvortrag von Martha Nussbaum “Not for profit. Why democracy Needs the Humanities”.

Nähere Informationen zu Anmeldung und Tagungsprogramm gibt es hier.

Christ sein heißt politisch sein

Am 25. Dezember 2012 wäre der ehemalige Mainzer Bischof und Wegbereiter einer lehramtlichen Sozialverkündigung Wilhelm Emmanuel von Ketteler 200 Jahre alt geworden.

Anlass genug für den Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx, sich in einem vor Kurzem im Herder-Verlag erschienen Buch mit diesem Vordenker christlicher Weltverantwortung zu beschäftigen und seine bleibende Bedeutung herauszuarbeiten:

Marx, Reinhard: Christ sein heißt politisch sein. Wilhelm Emmanuel von Ketteler für heute gelesen, Verlag Herder: Freiburg 2011, 140 Seiten, 14,95 Euro.

Aus diesem Anlass hat Kardinal Marx nun der Katholischen Nachrichtenagentur (KNA) ein Interview gegeben, in dem er ausgehend von seinem Buchtitel eine zentrale Einsicht Kettelers betont:

Soziale Gerechtigkeit gehört unmittelbar zum “depositum fidei”, also zum Glaubenskern dazu und ist kein Anhängsel. So deutlich hat das vor ihm noch keiner gesagt. Alles, was den Menschen berührt und betrifft, sind auch Glaubensfragen. Deshalb muss sich die Kirche äußern, wenn es um die Menschenwürde und das Miteinander geht.

Ähnlich formuliert Marx auch im Nachwort seines Buches:

“Eine Lektüre der Schriften Wilhelm Emmanuel von Kettelers regt auch heute dazu an, sich über das eigene Handeln Rechenschaft abzulegen, und ermutigt dazu, die Botschaft Jesu Christi in Wort und Tat zu verkünden und sich nicht von gesellschaftlichen und politischen Umständen davon abhalten zu lassen. [...] Unser christlicher Glaube ist kein Relikt vergangener Epochen, sondern Nährboden für unser Leben hier und heute. Seien wir also mutig, den Auftrag Jesu, Salz der Erde und Licht der Welt zu sein, auch im großen Feld von Gesellschaft und Politik zu beherzigen.”

Beachtenswert ist in diesem Zusammenhang auch der Artikel von Gerhard Kruip in der Novemberausgabe der HerderKorrespondenz, der unter dem Titel “Vorreiter und Vorbild. Zur bleibenden Bedeutung von Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler” (S. 564-567) dem Buch von Kardinal Marx eine durchaus wertschätzende Rezension zukommen lässt und den vom Autor herausgestellten Vorbildcharakter Kettelers um den Aspekt einer Reform der Kirche ergänzt, “die in jeder Zet neu vor der Herausforderung steht, Kirche in der Welt von heute zu sein.” (S. 564)

Weitere, eher biographisch orientierte Bücher zu Wilhelm Emmanuel von Ketteler:

  • Grosse Kracht, Hermann-Josef: Wilhelm Emmanuel von Ketteler – Ein Bischof in den sozialen Debatten seiner Zeit, Ketteler Verlag: Köln 2011.
  • Brehmer, Karl: Wilhelm Emmanuel von Ketteler. Arbeiterbischof und Sozialethiker, Schnell + Steiner: Regensburg 2009.