Bildungspolitischer Glaubenskrieg

Am kommenden Sonntag findet in Hamburg ein Volksentscheid statt, dessen Ausgang nicht nur landespolitisch, sondern auch bildungsethisch interessant sein wird.

Die Hamburger Wochzeitung “Die Zeit” positioniert sich auf der Titelseite ihrer heutigen Ausgabe vom 15. Juli 2010 sehr deutlich gegen die schwarz-grüne Schulreform und meint:“Sollen Schüler länger gemeinsam lernen? So will es die Politik in Hamburg und NRW. Der Schaden wäre groß.” Thomas Kerstan, der in seinem Beitrag von einem “Glaubenskrieg” spricht, befürchtet, dass durch fragwürdige Strukturveränderungen funktionierende Schulstrukturen ohne Not zerschlagen werden, ohne dass für eine zielgenaue individuelle Förderung benachteiligter Schüler wirkungsvoll etwas getan wird. Er schreibt in seinem Beitrag u. a.: “Den Jugendlichen, denen der Start in einen qualifizierten Beruf und damit ins Leben verbaut wird, hilft keine Gerechtigkeitsrhetorik, sondern nur konkrete Unterstützung. [...] Wenn die Hamburger am Sonntag die überflüssige Primarschule ablehnen – dann wird Kraft frei, um den Bildungsverlierern zu helfen.”

Der Beitrag ist auch in der Onlineausgabe der “Zeit” zu finden:

http://www.zeit.de/2010/29/01-Schulreform

6 Responses to “Bildungspolitischer Glaubenskrieg”


  • Dr. Axel Bernd Kunze

    Inzwischen haben die Hamburger Wahlbürger entschieden: Die Mehrheit hat sich im heutigen Volksentscheid gegen die Schulreform des schwarz-grünen Senats entschieden. Eine Verlängerung der Grundschule auf sechs Jahre trifft nicht auf Zustimmung.

  • Der Frankfurter Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik kommentierte den Hamburger Volksentscheid als “massive Form von demokratisch geführtem Klassenkampf”. Mehr unter: http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/interview/1227580/

  • Dr. Axel Bernd Kunze

    Der Bonner Bildungswissenschaftler Prof. Dr. Volker Ladenthin hat in der Frankfurter Rundschau darauf hingewiesen, dass eine sechsjährige Primarschule nicht weniger “selektiv” wäre als die vierjährige Grundschule: “Leistungsunterschiede sind in Klasse vier schon deutlich – bis Klasse 6 nehmen sie rapide zu. Auch bei einer verlängerten Grundschulzeit wird man also schulintern zu homogenenen Lerngruppen differenzieren müssen, um nach Leistungen oder Neigungen richtig fördern zu könnnen. Insofern wird natürlich auch die verlängerte Grundschule, wie der schwarz-grüne Senat sie in Hamburg durchsetzen will, ‘selektieren’. Sie zeigt die ‘feinen Unterschiede’ nur nicht nach außen. Die Kinder bemerken sie gleichwohl – und entwickeln Neid. Klassengemeinschaft ade!” (der gesamte Beitrag findet sich in der Onlineausgabe der Frankfurter Rundschau: http://www.fr-online.de/in_und_ausland/wissen_und_bildung/aktuell/2844475_Contra-Ade-Klassengemeinschaft.html). Schon die niedersächsische Orientierungsstufe hat gezeigt, dass innere Differenzierung sehr viel leistungs- und konkurrenzorientierter wirken kann als Formen äußerer Differenzierung. Nicht ohne Grund ist diese Schulform gescheitert und wurde von der CDU, die sie einst eingeführt hatte, wieder abgeschafft. Überdies wird sich gegen den Willen der Eltern und der zu großen Teilen von anderen Schulen abgeordneten Lehrerschaft keine tragfähige und pädagogisch nachhaltige Schulkultur an den Primarschulen etablieren lassen.
    Wie überdies ein Blick auf Berlin zeigt, führt eine verlängerte Grundschule nicht zu pädagogisch besseren Ergebnissen. Angesichts einer immer früher einsetzenden Pubertät führt diese nur dazu, dass der Schulwechsel in eine entwicklungspsychologisch prekäre Umbruchphase des Jugendalters verschoben wird. Der Entwicklungs- und Reifesprung, den Kinder zwischen dem vierten und sechsten Schuljahr vollziehen, spricht durchaus dafür, nach der vierten Klasse die Lerngruppe und die Lehrer zu wechseln.
    Der Ausgang des Volksentscheids in Hamburg ist eindeutig zu begrüßen. Schüler sind keine “Versuchskaninchen” für egalitaristisch orientierte gesellschaftsreformerische Projekte mit pädagogisch zweifelhaften Ausgang. Die vom schwarz-grünen Senat forcierte Schulreform hätte nicht für mehr Bildungsgerechtigkeit gesorgt, sondern das Gymnasium weiter geschwächt. Bildungspolitisch wie pädagogisch ist es geradezu kontroproduktiv, eine pädagogisch erfolgreiche, gesellschaftlich anerkannte und international wettbewerbsfähige Schulform durch dauernde Strukturreformen beständig unter Druck zu setzen und zu gefährden. Es bleibt zu hoffen, dass anstelle von undurchdachten und überhasteten Strukturreformen mit unabsehbaren Fehlsteuerungseffekten jetzt der Weg frei ist für zielgenaue, effektive und pädagogisch nachhaltige individuelle Fördermaßnahmen, die wirklich den benachteiligten Schülern zu gute kommen. Die Abstimmung in Hamburg hat gezeigt, dass das “längere gemeinsame Lernen” nicht konsensfähig ist und den gesellschaftlichen Schulfrieden gefährdet. Es bleibt abzuwarten, wie das Saarland auf die Hamburger Richtungsentscheidung reagiert.

  • Die Hamburger sind helle. Gegen die gesamte politische Klasse, von der Linkspartei bis zur CDU, haben sie dem Commonsense zum Sieg verholfen. Nach der vierten Klasse ist Wechsel angesagt. Die liebe Grundschultante hat ihre Arbeit gemacht, und von den Mitschülern (und Mitschülerinnen) hat man die Nase langsam voll. Alte Mobbingstrukturen müssen aufgelöst werden, und wer bisher Erfolg bei Klassenkameraden und Lehrern hatte, muß sich neu beweisen. Dieselbe Struktur wiederholt sich später, wenn das Leben endgültig beginnt: Mobilität muß geübt werden. Die Schule ist kein Schonraum, sondern Training fürs Leben. Es ist gerade die bürgerliche Kinderromantik, die das nicht begreift. Intelligente Arbeiterkinder kommen hervorragend damit zurecht.

  • Hallo Jan Dochhorn,

    ich bin zwar aus Bayern, habe aber nicht den Eindruck, dass die Hamburger Entscheidung besonders helle für alle Kinder ist. Für die Kinder der sogenannten bürgerlichen Schicht, die ihren Kindern alles bieten können, ist es sicher eine helle Entscheidung. Für alle anderen Kinder ist es schlecht, da sie frühzeitig in Wege geschickt werden, die oft in Sackgassen enden. Ich nehme ja an, dass Sie auch Studien lesen, in denen (z.B.der neueste Münchner Bildungsbericht) in denen ein Zusammenhang zwischen finanziellen Möglichkeiten, dem Bildungsstatus der Eltern und dem Schulerfolg und den Übertrittsquoten sehr deutlich aufgezeigt werden. Dass eine bestimmte Lobby, die sich wirklich nur um das Wohl, der Karriere und den Perspektiven des eigenen Kindes sorgt, so hemmlungslos für die eigenen Privilegien eingetreten ist und damit auch noch Erfolg hat und dies auch noch von einigen gefeiert wird, entsetzt mich sehr. Hier ging es gar nicht um pädagogische Argumente, sondern nur um die nackten eigenen Interessen.
    Wie Ihnen wahrscheinlich bekannt ist, bleiben nach wie vor, die Kinder aus “Arbeiterfamilien” etc. mehrheitlich in den nicht karriereförderlichen Schularten hängen. Daher braucht es eine frühzeitige Förderung um allen Kindern eine einigermaßen gleiche Startchance zu geben. Mittlerweile weiß man, dass manche Kinder in der 4. Grundschulklasse schon einen Sprachvorsprung von 1,5 Jahren haben. Bildung und Karriere haben nicht immer etwas mit einer Intelligenzform zu tun. Kinder aus “privilegierten” Elternhäusern haben von Anfang an das “Selbst-Bewußtsein”, etwas schaffen zu können – andere eben nicht.
    Gerhard Endres

  • Welch eine Gewalt hat doch allein schon die SCHABLONE, in der wir GEFANGEN sind! Von klein auf, spätestens ab 6 geht es jeden Tag ums sich Unterwerfen, Mitmachen, sich Einfügen in die vorbereiteten Schablonen. Wir werden dressiert, schlimmer als jeder Affe im Zirkus. Und wir merken es gar nicht mehr: die SUGGESTIVE Wirkung. Außerdem ist SUGGESTION aus der Pädagogik ausgesperrt, damit auch ja keiner den Schlüssel findet.
    Als Ich-kann-Schule-Lehrer habe ich die letzten 35 Jahre erforscht, dass PÄDAGOGIK = SUGGESTION ist. Und man kann diese SUGGESTION verstehen und durchaus lenken, allerdings nicht mit den lächerlichen “Bemühungen”, mit denen Pädagogik und Bildungspolitik die Probleme hin und her wälzen.
    Not amused
    Franz Josef Neffe

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