Bildungsprobleme aus Sicht eines Jugendpsychiaters

“Kinder wollen Grenzen – und brauchen sie auch.” Zu dieser Erkenntnis kommt eine neue Studie der beiden Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann und Sabine Andresen, die in diesen Tagen veröffentlicht wurde. Ob Erziehung gelingt oder nicht, ist nicht allein eine finanzielle Frage. Und noch etwas zeigt die Studie: Die Erziehung, welche Kinder erfahren, wirkt sich auf das spätere Leben als Erwachsener aus.

Davon ist auch der Bonner Kinder- und Jugendpsychotherapeut Michael Winterhoff überzeugt, der durch seine Präsenz in der “Bild”-Zeitung bundesweit bekannt wurde. Für Furore sorgte er durch seine beiden Bände “Warum unsere Kinder Tyrannen werden” und “Tyrannen müssen nicht sein”. Nun hat Winterhoff nachgelegt. Gemeinsam mit Isabel Thielen, Personalleiterin in einem Medienunternehmen und freiberufliche Mediatorin, zeigt er auf, wie sich Erziehungsfehler im späteren Jugend- und frühen Erwachsenenalter auswirken. Anhand zahlreicher Beispiele schildern beide Autoren sehr lebendig, wie schwer sich junge Auszubildende beim Übergang von der Schule in den Beruf tun, wenn sie bestimmte psychische Reifungsschritte nicht vollzogen haben. Den Grund hierfür orten die beiden Psychologen in einer überzogenen und falsch verstandenen Form partnerschaftlicher Erziehung, ohne dabei – wie sie mehrfach betonen – alle Eltern oder Heranwachsenden über einen Kamm scheren zu wollen.

Der Band “Persönlichkeiten statt Tyrannen” weist daraufhin, dass die gegenwärtigen Bildungsprobleme nicht allein strukturell zu lösen sein werden. Wichtig ist es auch, die vorherrschenden Erziehungskonzepte auf den Prüfstand zu stellen. Umgekehrt geht es Winterhoff und Thielen aber auch nicht darum, die gegenwärtige Ausbildungsmisere zu individualisieren. Vielmehr zeigt ihr Band, dass bei der Beschäftigung mit Bildungsproblemen individual- und sozialpsychologische Perspektiven zusammengedacht werden müssen.

Die Ausbildungsreife vieler Jugendlicher ist beträchtlich gesunken: eine Entwicklung, die bedenklich stimmen sollte. Was in der Schule noch kaschiert werden kann, tritt im Beruf oft unübersehbar zu Tage. Winterhoff und Thielen warnen vor den gesellschaftlichen Folgekosten, die dadurch entstehen. Zugleich machen sie aber auch Mut, das Problem bildungspolitisch und pädagogisch anzugehen. Gelingen kann dies nach beider Ansicht nur, wenn dabei pädagogische, psychologische und soziologische Perspektiven miteinander verschränkt werden – etwas, was bisher leider viel zu selten gelingt. Dabei schreiben die beiden Autoren den politisch Verantwortlichen ins Stammbuch, der Qualität der Beziehungsebene verstärkt Aufmerksamkeit zu widmen – und den Lehrern wieder mehr pädagogischen Spielraum für ihre schwerer gewordene Erziehungsaufgabe zuzugestehen.

Michael Winterhoff/Isabel Thielen (in Zusammenarbeit mit Carsten Tergast): Persönlichkeiten statt Tyrannen. Oder: Wie junge Menschen in Leben und Beruf ankommen, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2010, 189 Seiten.

Axel B. Kunze (Rez.)

1 Response to “Bildungsprobleme aus Sicht eines Jugendpsychiaters”


  • Wenn wir nicht blind oder, genauer, pädagogisch verblendet sind, müssten wir doch alle sehen, dass die Grenzen schon im Menschen von Natur aus angelegt sind. Man muss nur als Lehrer einmal versuchen, über die Bänke zu springen, über die Kinder das noch mühelos schaffen!
    Was also soll dieser künstliche Eifer, künstliche Schwierigkeiten zu konstruieren, denen man selber nicht gewachsen ist???
    Natürlich wollen Kinder Grenzen und brauchen sie auch: Selbst ich als Ich-kann-Schule-Lehrer freue mich, wenn ein Kind über die Bank abhaut und die Lehrerin ihm nicht nachkommt. Ich bin auch Kind. Immer noch und weiterhin. Jawohl, Kinder brauchen Grenzen, sie brauchen sie und es ist gut, dass sie sie zu gebrauchen verstehen.
    So sei das mit den Grenzen nicht gemeint?
    Wenn wir Erwachsenen nicht endlich mit Anstand verlieren lernen, sollten wir uns unsere scheinheilige “Grenzen-Pädagogik” abschminken. Alles hat seine zwei Seiten und ein echter Lehrer lebt mit und auf beiden. Ich grüße freundlich.
    Franz Josef Neffe

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