“Dass Bildung nach PISA ein gesellschaftliches Megathema geworden ist, war durchaus begrüßenswert – allzu lange hatte man diesen gesellschaftlichen Sektor vernachlässigt. Fraglos tut es der Jugend wie dem Land gut, wenn das Bildungsniveau steigt. Aber die Debatte hat eine ungünstige Wendung genommen [...] Schule und Unterricht werden zunehmend mechanistisch verstanden, als ein Gebiet von Daten und Prozesen, auf denen bei geeigneter Justierung der Variablen alles machbar, ökonomisch optimal kalkulierbar und auch politisch kontrollierbar erscheint.” (S. 17) – Auch die Bildungsethik ist vor dieser Blickverengung nicht gefeit. Doch Michael Felten, bekannt durch sein früheres Buch “Neue Mythen in der Pädagogik”, warnt: “Kinder sind keine Rohstoffe. Wer also betriebswirtschaftliche Theoriebestandteile zum Maßstab für schulpädagogische Veränderungen macht, irrt nicht nur organisationstheoretisch, sondern handelt auch in normativer Hinsicht fragwürdig.” (ebd.)
Nicht zuletzt deshalb ist Feltens neues Werk auch für Bildungsethiker lesenswert. “Auf die Lehrer kommt es an!” ist ein Werk, das mit pädagogischem Herzblut geschrieben ist. Sein Verfasser, seit fast dreißig Jahren Gymnasiallehrer für Mathematik und Kunst in Köln, plädiert angesichts des Reformwahns, der die Bildungspolitik erfasst hat, wieder nach dem pädagogischen Sinn von Schule zu fragen. Der Kern der Schule ist die pädagogische Beziehung zwischen Lehrern und Schülern. Und diese droht, zunehmend vergessen zu werden.
Engagiert, einfühlsam und wohltuend “un-zeitgemäß” plädiert Felten dafür, vorrangig nach der pädagogischen Sinnhaftigkeit geplanter Bildungsreformen zu fragen. Seine Überlegungen bewegen sich um drei Forderungen: Eine Schule wird dann Erfolg haben, wenn sie sich zur Aufgabe pädagogischer Führung bekennt, wenn sie sich methodisch auf das Wesentliche besinnt und wenn sie sich darum bemüht, ihre Schüler psychologisch zu verstehen. Zahlreiche lebendig geschilderte Beispiele aus der langjährigen Unterrichtserfahrung des Autors durchziehen den Band.
Es bleibt dem Buch zu wünschen, dass der Ruf nach einer Rückkehr der Pädagogik in die Schule nicht ungehört verhallt. Ohne pädagogisches Denken werden selbst die besten bildungspolitischen Reformvorhaben ins Leere laufen müssen.
Michael Felten: Auf die Lehrer kommt es an! Für eine Rückkehr der Pädagogik in die Schule, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2010, 191 Seiten.
Axel Bernd Kunze (Rez.)

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Da ist mir ja M.Felten fast noch zu wenig radikal. Für die neue Ich-kann-Schule habe ich in den letzten 35 Jahren immer wieder ins HERKUNFTSWÖRTERBUCH geschaut. Mit dessen Hilfe müsste doch jeder draufkommen, dass SCHULE nicht die UNTERRICHTSVOLLZUGSANSTALT sein kann, die wir daraus gemacht haben. SCHOLAE war den alten Griechen das Innehalten, das Wiederzusichkommen, das Wiedermitsicheinswerden, wenn sie sich im Stress zu verlieren drohten. Die “Schule” von heute ist ein einziger, gigantischer Stress- und Disharmonieproduzient, die ihre Schüler unter Druck setzt und sie bestraft, wenn sie SCHOLAE riskieren. Alles pervertiert sie ins sinnlose Gegenteil: Es fängt schon damit an, dass man in diese “Schule” gehen MUSS und sie schwänzen KANN. Was bleibt dem Leben bei einer so dämlichen Vorlage übrig, als dem KÖNNEN durch Auffälligkeiten eine Bahn zu brechen?
LEHREN & LERNEN kommt von germ. LAISTI = FÄHRTE. Man lernt, indem man eine Fährte des Lebens verfolgt und dabei ErFAHRungen sammelt. Auch diese originale LEBENSchance macht die Pädagogik dadurch zunichte, dass sie alles vermitteln und beibringen will. Ein wirklicher Lehrer – die neue Ich-kann-Schule zeigt es – wird man dadurch, dass man auf der Fährte des Lernens mit mitreißendem Beispiel vorausgeht. Auch der Knaben-Führer = PAID-AGOGOGS hat VORAUSZUGEHEN und nicht hinten anzutreiben, wenn er sich nicht selbst von vorneherein lächerlich machen will.
In der Pädagogik scheint man den Wald vor Bäumen nicht mehr zu sehen. Wie hilfreich könnte es da werden, wäre man bereit, einmal alles loszulassen.
Ich grüße freundlich.
Franz Josef Neffe
Vielen Dank für Ihren Kommentar. Pädagogische Führung im guten Sinne ist normativ, aber nicht normierend – und das heißt auch: Der Erzieher muss ein Ziel vor Augen haben und vorausgehen. Er darf aber den Educandus nicht auf seine Sicht der Dinge festlegen. Gut, wenn dies der Schule gelingt. Die neuen bildungspolitischen Steuerungsinstrumente sprechen heute allzu oft eine andere Sprache. Hier legt Felten zu Recht den Finger in die Wunde. Der pädagogisch-konstruktive Streit über den besten erzieherischen Weg fängt damit allerdings erst an.
ErZIEHer bist du, wenn es dich selbst dorthin ZIEHT, wo du andern begegnen möchtest.
Ein Lehrplanvollzugsbeamter führt sich selbst als ErZIEHer ad absurdum: er geht nicht seinen Weg sondern stets den Weg eines anderen; er geht nicht zu seinem Ziel sondern zum vorgeschriebenen Punkt; er geht nicht aus eigenem Antrieb sondern aus fremdem, er ist der Büttel seines Dienstherrn.
Da man zwar immer noch LEHRER genannt aber de facto als Unterrichtsvollzugsbeamter beschäftigt wird und diese Tatsache in keinster Weise Gegenstand der Reflexion ist, braucht man sich über das ständig erneuerte Chaos nicht zu wundern. Das so konstruierte “System” selbst ist es, das einem bei jeder Gelegenheit den Boden unter den Füßen wegzieht. Man tut immer zwei Dinge, von denen einem nur eins bewusst ist.
Als Ich-kann-Schule-Lehrer vermag ich nur zu sagen, dass es einfach ist: Über den Weg zu streiten ist müßig: Da wo es uns wohlergeht, das ist der Weg des Wohlergehens.
Ich grüße freundlich.
Franz Josef Neffe