Monthly Archive for Mai, 2010

Theologie einmal anders

Gunda Werner-Burggraf, Dogmatikerin aus  Bonn sowie Habilitandin an der Universität Freiburg, und ihr Mann, Wolfgang Max Burggraf, planen ein “theologisches” Projekt ganz eigener Art: In vierhundert Tagen wollen sie mit dem Fahrrad über die Seidenstraße von Bonn nach Tokio fahren. Beide kommen aus der Menschenrechts- und Versöhnungsarbeit – und in diesem Kontext sehen sie auch ihr Projekt, das mehr ist als ein Fahrradurlaub. Auf ihrer Internetseite schreiben sie dazu:

“Dabei ist es uns ein Anliegen, gerade durch die Länder zu fahren, die aufgrund ihrer jüngsten Vergangenheit sich in politischen, sozialen und friedensperspektivischen Um- und Aufbrüchen befinden. So werden wir durch den Kosovo, die Türkei einschließlich der kurdischen Gebiete, Armenien und Aserbaidschan, den Iran, die ganzen „Stan-Staaten“ in Zentralasien und eben auch China fahren. Da wir mit dem Rad direkt im Land unterwegs und regelmäßig auf Hilfe und Unterstützung  der Menschen vor Ort angewiesen sind, wird unser Bild der Länder sicherlich ein anderes sein als das in der Presse so häufig zu lesende.”

Und dadurch, so sagt die Theologin selber, werde sich auch ihre Theologie ganz sicher verändern. Wer das Projekt unterstützen, begleiten und mitverfolgen möchte, kann sich informieren unter:

www.silkroad-project.eu

Themen- und Methodenheft “bilum”

bilumFanz Gassner (Wien) weist auf das neue Themen- und Methodenheft “bilum” hin (= “Tragnetz”, aus Papua-Neuguinea). Es erscheint 3x jährlich für Schule und Pastoral zu auch sozialethisch sehr relevanten Themen (s. Folder). Neben der Druckausgabe stehen Online-Ressourcen (www.bilum.at) zur Verfügung (Jahresabo: 15 €). Die sich in Vorbereitung befindliche Septemberausgabe widmet sich dem Thema “Entwicklung”. Gerne sendet Franz Gassner kostenlose Probeexemplare oder gedruckte Folder zu (franz.gassner@univie.ac.at).”

Rückkehr der Pädagogik

“Dass Bildung nach PISA ein gesellschaftliches Megathema geworden ist, war durchaus begrüßenswert – allzu lange hatte man diesen gesellschaftlichen Sektor vernachlässigt. Fraglos tut es der Jugend wie dem Land gut, wenn das Bildungsniveau steigt. Aber die Debatte hat eine ungünstige Wendung genommen [...] Schule und Unterricht werden zunehmend mechanistisch verstanden, als ein Gebiet von Daten und Prozesen, auf denen bei geeigneter Justierung der Variablen alles machbar, ökonomisch optimal kalkulierbar und auch politisch kontrollierbar erscheint.” (S. 17) – Auch die Bildungsethik ist vor dieser Blickverengung nicht gefeit. Doch Michael Felten, bekannt durch sein früheres Buch “Neue Mythen in der Pädagogik”, warnt:  “Kinder sind keine Rohstoffe. Wer also betriebswirtschaftliche Theoriebestandteile zum Maßstab für schulpädagogische Veränderungen macht, irrt nicht nur organisationstheoretisch, sondern handelt auch in normativer Hinsicht fragwürdig.” (ebd.)

Nicht zuletzt deshalb ist Feltens neues Werk auch für Bildungsethiker lesenswert. “Auf die Lehrer kommt es an!” ist ein Werk, das mit pädagogischem Herzblut geschrieben ist. Sein Verfasser, seit fast dreißig Jahren Gymnasiallehrer für Mathematik und Kunst in Köln, plädiert angesichts des Reformwahns, der die Bildungspolitik erfasst hat, wieder nach dem pädagogischen Sinn von Schule zu fragen.  Der Kern der Schule ist die pädagogische Beziehung zwischen Lehrern und Schülern. Und diese droht, zunehmend vergessen zu werden.

Engagiert,  einfühlsam und wohltuend “un-zeitgemäß” plädiert Felten dafür, vorrangig nach der pädagogischen Sinnhaftigkeit geplanter Bildungsreformen zu fragen. Seine Überlegungen bewegen sich um drei Forderungen: Eine Schule wird dann Erfolg haben, wenn sie sich zur Aufgabe pädagogischer Führung bekennt, wenn sie sich methodisch auf das Wesentliche besinnt und wenn sie sich darum bemüht, ihre Schüler psychologisch zu verstehen. Zahlreiche lebendig geschilderte Beispiele aus der langjährigen Unterrichtserfahrung des Autors durchziehen den Band.

Es bleibt dem Buch zu wünschen, dass der Ruf nach einer Rückkehr der Pädagogik in die Schule nicht ungehört verhallt. Ohne pädagogisches Denken werden selbst die besten bildungspolitischen Reformvorhaben ins Leere laufen müssen.

Michael Felten: Auf die Lehrer kommt es an! Für eine Rückkehr der Pädagogik in die Schule, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2010, 191 Seiten.

Axel Bernd Kunze (Rez.)

Zwischen Humanität und Wettbewerb

Wege aus der Ökonomisierung – … unter diesem Motto steht eine Hauptpodienreihe auf dem kommenden Zweiten Ökumenischen Kirchentag, der vom 12 bis 16. Mai 2010 in München stattfindet. Dabei sollen Visionen für die Gestaltung einer gerechten und humanen Gesellschaft entwickelt werden.  Geht es in den ersten zwei Tagen um die Gestaltung unseres Gesundheitssystems und das künftige Verhältnis der Generationen, steht am Samstag ein Thema im Vordergrund, das in keinem Wahlkampf der letzten Jahre fehlte: Bildung.

Deutschland steht unter Schock, genauer gesagt: unter dem PISA-Schock. Die erste PISA-Studie vor zehn Jahren hat das Thema Bildung ganz oben auf die Tagesordnung gesetzt. Bildung wird als der „neue Rohstoff des 21. Jahrhunderts“ bezeichnet – oder auch als „die neue soziale Frage“. An das Bildungssystem werden zahlreiche wirtschafts- wie sozialpolitische Hoffnungen gleichermaßen geknüpft.

Doch wohin soll die Reise gehen? Über die notwendigen bildungspolitischen Reformen besteht keineswegs Einigkeit. Nicht wenige fragen aber auch, seit Bildung zum politischen „Megathema“ geworden ist: Geht es bei all den Bildungsdebatten überhaupt noch um Bildung? Oder geht es nicht vielmehr darum, dass sich die Schule immer stärker den Anforderungen eines globalisierten Marktes anpasst? Die HARTZ-IV-Schule ist der Titel einer WDR-Dokumentation, mit der die Veranstaltung eröffnet werden soll. Der kurze Filmeinstieg soll exemplarisch zeigen, welchen Spannungen sich die Schule und die in ihr tätigen Lehrer heute gegenübersehen. Angesichts der gegenwärtigen Euro-Krise, deren Ausgang keiner von uns heute überblicken kann, hat die Frage nach dem Standort der Schule Zwischen Humanität und Wettbewerb eine ganz neue Brisanz gewonnen.

Die bildungspolitisch anregende, sicher kontroverse, hoffentlich aber ermutigende Diskussion steht unter Leitung von Maria von Welser, den meisten sicher bekannt als Gründerin des ZDF-Frauenmagazins Mona Lisa.

Es diskutieren miteinander Prof. Dr. Carl Jongebloed (Universität Kiel), Präsident Heinrich Traublinger, MdL a. D. (Handwerkskammer für München und Oberbayern), Staatsministerin Doris Ahnen (Rheinland-Pfalz), Prof. DDr. Thomas Sternberg, MdL (Zentralkomitee der deutschen Katholiken), Dipl.-Päd. Angelika Neubäcker (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft)  und  Quirin Weinzierl (Dekanatsjugendkammer München). Die Veranstaltung wird geleitet von Dr. Lukas Rölli-Alkemper (Forum Hochschule und Kirche), Dr. Lars Allolio-Näcke (Universität Erlangen-Nürnberg) und Dr. Axel Bernd Kunze (Universität Trier) sowie musikalisch umrahmt durch die Schülerband The Fraggllzz aus Hoya.

Das Podium mit dem Titel “Zwischen Humanität und Wettbewerb. Schule im Spannungsfeld einer ökonomisierten Gesellschaft” findet am Samstag, 15. Mai 2010, von 14 Uhr bis 15.30 Uhr in Halle C 2 auf dem Münchner Messegelände statt.

Der theologische Ort der Menschenrechte

Sünde oder Menschenrecht? - unter dieser Frage steht die diesjährige, sozialethisch orientierte Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Schwule Theologie e. V. (AG STh), die vom 15. bis 17. Oktober 2010 in der Akademie Waldschlösschen in Reinhausen (b. Göttingen) stattfindet.

Die 2007 veröffentlichten Yogyakartaprinzpien legen die Menschenrechte erstmals explizit in Bezug auf sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität aus. Das von internationalen Menschenrechtsvertretern in der gleichnamigen indonesischen Stadt erarbeitete Dokument hat eine breite Kontroverse ausgelöst, viele ablehnende Stimmen waren nicht zuletzt religiös motiviert. An diese Diskussion schließt die Tagung an und thematisiert – so der Untertitel – den Zusammenhang von “schwuler Emanzipation, Theologie und Menschenwürde”. Referenten sind u. a. Prof. Dr. Hans-Joachim Suhr (Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin) und Volker Beck (Hirschfeld-Eddy-Stiftung). Gefragt werden soll im Verlauf der Tagung beispielsweise nach dem theologischen Ort der Menschenrechte, nach dem Stellenwert von Menschenrechtsdiskursen in den Kirchen oder nach dem Zusammenhang von Naturrecht und Menschenrecht.

Weitere Informationen finden sich unter www.waldschloesschen.org (Veranstaltungsnummer: VA 612) oder www.westh.de. Der Tagungsbeitrag beträgt 135 Euro (Ermäßigung in bestimmten Fällen möglich).

Ethik in der Wissenschaft?

Das Titelthema der neuen Ausgabe (5/2010) von “Forschung und Lehre”, der Zeitschrift des Deutschen Hochschulverbandes, ist sozialethisch besonders interessant: Ethik in der Wissenschaft?

Das Fragezeichen auf dem Titelblatt fällt besonders auf. Beim Lesen fällt dann auf, vor welchen politischen Zielkonflikten die Wissenschaft gegenwärtig steht: So beklagt beispielsweise Bernhard Kempen, der Präsident des Verbandes, in seinem Beitrag die mangelnde sittliche Verantwortlichkeit der akademisch Lehrenden und die zu geringe ethische Verantwortung der Universitäten, die sich nur noch auf die Vermittlung von “Berufsfähigkeit” konzentrieren, ihre Absolventen aber nicht mehr zu einer akademischen Haltung hinführen wollen. Die beiden Beiträge von Hans-Hellmut Nagel und Michael Zürn im weiteren Verlauf des Heftes gehen davon aus, dass in der sogenannten “Wissensgesellschaft” ein enormer Druck bestehe, immer mehr jungen Menschen “eine Ausbildung zu vermitteln, die ihren Einsatz in modern geführten Betrieben erlaubt” und deutlich mehr Glieder eines Jahrgangs akademisch “auszubilden”. Dies ist eine politische Entscheidung – läuft aber den kritischen Anfragen, die Kempen an die heutigen Universitäten richtet, zuwider. Die wissenschaftlich Handelnden werden vor diesem Zielkonflikt nicht mehr lange die Augen verschließen können. Praktisch ist er schon heute wirksam – mit der Folge, dass die Wissenschaft nur noch Getriebene der Politik ist.

Ethik in der Wissenschaft? – Die Christliche Sozialethik sollte sich an dieser wissenschaftsethischen Debatte engagiert beteiligen.

Die Zeitschrift “Forschung und Lehre” kostet für Nichtmitglieder im Abonnement 70 Euro zuzüglich Porto. Weitere Informationen: www.forschung-und-lehre.de.

2. Berliner Ordo Gespräche

Die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) und der Bund Katholischer Unternehmer (BKU) laden gemeinsam mit weiteren Partnern ein zu den “2. Berliner Ordo Gesprächen” vom 27.-29. Juni 2010. Die Veranstalter wollen für zwei Tage (jüngere) Führungskräfte aus Politik, Wirtschaft, Kirche, Medien und Verbänden zusammenbringen, die sich auf Grundlage der Katholischen Soziallehre für eine Erneuerung der Sozialen Marktwirtschaft engagieren.

Die Veranstalter freuen sich über jede Anmeldung sehr. Weitere Informationen im Programm.

via Email von Martin J. Wilde, Geschäftsführer Bund Katholischer Unternehmer (BKU)

Die Verantwortung der Eltern

Vor einiger Zeit erregten die Thesen des bekannten Bonner Kinder- und Jugendpsychotherapeuten Michael Winterhoff breite Aufmerksamkeit: Warum unsere Kinder zu Tyrannen werden … Winterhoff bekam für seine Analyse der aktuellen Erziehungswirklichkeit in Deutschland viel Zustimmung. Schon vom äußeren Erscheinungsbild her will das Gütersloher Verlagshaus nun an die Bucherfolge Winterhoffs anknüpfen – und zwar mit dem Titel Das Elterndiplom oder: Erziehung verstehen des Hamburger Erziehungswissenschaftlers Werner Lauff. Dieser hat sich vor allem mit seinen Arbeiten zur Elternbildung und dem Projekt “Erziehungswissenschaftliche Elternbildung – Elternuniversität im Werden” einen Namen gemacht.

Auch wenn es sich um ein Sachbuch und kein wissenschaftliches Werk im strengen Sinne handelt, sind Lauffs Ausführungen auch bildungsethisch nicht uninteressant: Der Verfasser thematisiert die Rolle der Eltern und deren Verantwortung im Bildungs- und Erziehungssystem und warnt davor, bei Bildungsreformen einseitig auf eine zunehmende Kollektivierung von Erziehung zu setzen – mit fatalen Folgen: “Wo Öffentlichkeit in die Erziehung eintritt, muss Elterlichkeit zwangsläufig den Rückzug antreten, das ist leider unvermeidbar. Der Staat nimmt also im Grunde Erziehungsfähigkeit weg, wo es nötig wäre, sie zu stärken. Sobald Eltern nicht mehr erziehen, verlernen sie auch zugleich das Erziehen überhaupt” (S. 36).

Man kann darüber streiten, ob Lauffs Einschätzung berechtigt ist, Eltern würden gesellschaftlich und politisch zu wenig wahrgenommen. Das Gegenteil scheint eher der Fall zu sein, was dann – wie Lauff selbst beklagt – die Familien einem ungeheuren und letztlich pädagogisch schädlichen öffentlichen Erwartungsdruck aussetzt. Dem Verfasser ist allerdings zuzustimmen, wenn er sowohl die Eltern selbst als auch die Politik ermahnt, die – grundrechtllich geschützte – Erstverantwortung der Eltern für die Erziehung ihrer Kinder wieder mehr ernst zu nehmen: “Erziehung braucht das elterliche ‘beim Kind sein’ und gleichzeitig gilt das afrikanische Sprichwort: ‘Zur Erziehung eines Kindes braucht man ein ganzes Dorf.’” (S. 41). Beides kann nicht gegeneinander ausgetauscht oder ausgespielt werden. Eltern haben eine spezifische Aufgabe, die Lehrer nicht ohne Weiteres übernehmen können (und umgekehrt).

Entsprechend plädiert Lauff für klar abgegrenzte Verantwortlichkeiten im Bildungsbereich. Wohltuend gegenüber so manchen Aufgeregtheiten der gegenwärtigen Bildungsdebatte ist dabei, dass Lauff konsequent an der freiheitlichen Ausgestaltung des Bildungs- und Erziehungssystems festhält. Und er plädiert dafür, dem Pädagogischen wieder seinen Eigenwert zurückzugeben. Es wird gegenwärtig politisch viel über alle möglichen und in der Regel auch kostspieligen Instrumente der Familienförderung gestritten, über deren pädagogische Sinnhaftigkeit wird hingegen kaum diskutiert. Therapie, Medizin und Psychologie kaufen der Erziehung immer stärker ihren Rang ab.

Gerade hier setzt Lauff an: Die Lösung der heutigen Erziehungs- und Bildungsprobleme muss damit beginnen, Erziehung überhaupt erst wieder verstehbar zu machen. Elternarbeit, so der Hamburger Pädagoge, werde heute vorrangig sozialtechnologisch gesteuert. Das muss schiefgehen, zumal Erziehungssituationen sich immer wieder neu stellen und daher nicht nach Art einer “Rezeptologie” gelöst werden können: “Da Eltern ständig weiter erziehen, können sie in der Elternbildung nicht wie Schüler behandelt werden. Ihre jeweils laufende Erziehungsarbeit sollte immer wieder den Ausgangspunkt der Bildungsprozesse darstellen. Elternbildung ist somit immer Bewusstseinsbildung aus dem eigenen elterlichen und erzieherischen Erleben heraus” (S. 217). Die Grenze der Elternbildung ist dort erreicht, wo Eltern nicht willens und nicht in der Lage sind, ihre Kinder zu erziehen. Hier helfen auch “niedrigschwellige Angebote” nicht mehr weiter: “[D]enn wer sich nicht bilden lassen will, kann auch nicht gebildet werden” (S. 216). Hier muss der Staat im Rahmen seines Wächteramtes auf andere Weise tätig werden.

Kurzfazit: ein lesenswertes Plädoyer für neuen Mut zur Erziehung, das weniger provozierend daherkommt als die beiden Bände von Winterhoff, das aber nicht minder lesenswert ist.

Werner Lauff: Das Elterndiplom oder: Erziehung verstehen, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2010, 237 Seiten.

Axel Bernd Kunze (Rez.)