Monthly Archive for April, 2010

Neuerscheinung zu Militärgesangbüchern

Die tödlichen Anschläge auf Bundeswehrsoldaten in Afghanistan haben jüngst erst wieder deutlich zu Bewusstsein gebracht, wie nah der Soldatenberuf mit existenziellen Fragen verbunden ist. Auch in einer weithin säkularisierten Gesellschaft spielt die Militärseelsorge daher bis heute eine wichtige Rolle.

An der Universität Bamberg ist eine literaturwissenschaftliche Dissertation entstanden, die auch für alle in der Sozialethik quellen- und mentalitätsgeschichtlich von Belang ist, die sich mit friedens- oder militärethischen Fragen beschäftigen. Andreas F. Wittenberg, bis 1999 Berufssoldat der Bundeswehr, zuletzt im Range eines Brigadegenerals, hat es unternommen, die deutschen Gesang- und Gebetbücher für Soldaten vom achtzehnten Jahrhundert bis in die Gegenwart umfassend zu sichten und gründlich auszuwerten. Wittenberg schließt damit eine wichtige Forschungslücke. Denn wie er in seiner Arbeit darlegen kann, bieten Militärgesangbücher mitunter verlässlichere und authentischere Informationen als Werkausgaben oder Kriegserinnerungen.

Soldatengesangbücher sind nicht zwangsläufig notwendig. Sie entstanden zunächst einmal deswegen, weil sich eine eigenständige Militärseelsorge mit eigenen kirchlichen Strukturen entwickelte. Doch haben Sie sich als äußerst zweckmäßig und hilfreich erwiesen – nicht allein deshalb, weil sie auf die Bedürfnisse von Soldaten zugeschnitten sind und von ihrer Größe her für das Feldgepäck gedacht sind. Sie geben Halt, wecken Zuversicht und Hoffnung. So lässt Wittenberg einen Militärpfarrer, der im Kosovo tätig war, und eine Soldatin, die in Afghanistan eingesetzt war, zu Wort kommen. Diese erklären im Blick auf die bekannten Zeilen Bonhoeffers “Von guten Mächten wunderbar geborgen”, die sich in den aktuell verwendeten Militärgesangbüchern finden: “Diese Gewissheit hat viele Soldaten und mich durch den Einsatz getragen.” Oder: “Es ist unser Lied gegen die Angst” (beide Zitate: S. 359). Der Verfasser beschließt seine Arbeit dann auch mit den Worten: Wenn es Militärgesangbücher “nicht gäbe, müsste man sie erfinden” (S. 367).

Die Arbeit wurde 2009 mit dem “Melchior-Otto-Voit-von-Salzburg-Preis” des Präsidenten der Otto-Friedrich-Universität Bamberg ausgezeichnet. Der Verfasser stellt seine Thesen am 19. Mai 2010 um 20.00 c. t. auf einem Wissenschaftlichen Abend der Leipziger Burschenschaft Alemannia zu Bamberg (www.alemannia-bamberg.de) vor.

Andreas F. Wittenberg: Die deutschen Gesang- und Gebetbücher für Soldaten und ihre Lieder (Mainzer Hymnologische Studien; 23), Tübingen: Francke Verlag 2009, 444 Seiten.

Axel Bernd Kunze (Rez.)

Netzwerk Gesellschaftsethik

Der zweite Ökumenische Kirchentag in München steht vor der Tür (12. bis 16. Mai 2010). Das Netzwerk Gesellschaftsethik e. V., das unter anderem als Herausgeber des Onlinemagazins “Denk doch mal” aktiv ist, wird in Halle B 5 auf dem Messegelände dabei sein, gemeinsam mit weiteren kirchlichen Sozialverbänden. Vorgestellt wird unter anderem eine Veröffentlichung mit Stellungnahmen zur neuen Sozialenzyklika Benedikts XVI. “Caritas in veritate”.

Die Sonderausgabe von “Denk doch mal. Onlinemagazin für Bildung – Arbeit – Gesellschaft” ist ab Mai 2010 online abrufbar unter www.denk-doch-mal.de. Herausgeber von “Denk doch mal” und Vorsitzender des Netzwerkes Gesellschaftsethik e. V. ist Gerhard L. Endres.

Bildungsstandards auf dem Prüfstand

2005 erhoben zahlreiche Erziehungswissenschaftler und Pädagogen Einspruch gegen die zunehmende Ökonomisierung und technokratische Umsteuerung des Bildungswesens. Jetzt sollen diese sogenannten “Frankfurter Einsprüche”, veröffentlicht als Sonderheft der Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Pädagogik, ihre Fortsetzung finden.

Auf einer Tagung am 26. Juni 2010 (10 bis 18 Uhr) an der Universität zu Köln (Aula 2 im Hauptgebäude, Albertus-Magnus-Platz, 50931 Köln) sollen die seit 2003 entwickelten “nationalen Bildungsstandards” auf den Prüfstand gestellt werden. Der Untertitel der Tagung spricht eine deutliche Sprache: “Der Bluff der Kompetenzorientierung”. In der Tagungsankündigung schreiben die Veranstalter: Keiner der Initiatoren dieser Bildungsstandards “kann mehr als nur allgemeine, triviale oder abstrakte Aussagen zu Kompetenzmodellen machen. Wo darüber hinaus mehr versprochen wird, zeigt eine kritische Analyse der Modellierungen schnell die Inkonsistenz der Konstruktionen. [...] Unbeeindruckt von frühen kritischen Stellungnahmen und substanzieller Argumentation in der Sache setzt die Bildungspolitik auf diese Konzeption. Die offensichtlichen Schwierigkeiten der Operationalisierung nimmt man nicht zur Kenntnis; alternative Vorstellungen zur Verbesserung der Wirksamkeit schulischen Lernens werden ignoriert. Zudem droht die Vielfalt der methodischen Zugänge und thematischen Schwerpunkte nach dem Modell der empirischen Bildungsforschung homogenisiert zu werden. ‘Qualitätsmanagement’ in Form von Vorgaben, Zielvereinbarungen und flächendeckender Lernstandserhebungen sollen zu besseren Lernergebnissen führen. Auf originär pädagogische Elemente scheint man dabei weitgehend verzichten zu können. Gleichzeitig werden Millionen weiterer Mittel in einen Verbund von Bildungsforschungsinstituten gepumpt, aus deren Feder die technokratische Umstellung des Bildungssystems stammt und deren Versprechen auf Optimierungseffekte und Qualitätsentwicklung längst zweifelhaft geworden sind.”

Die genannten Entwicklungen – z. B. Technokratisierung des Bildungswesens, Fehlsteuerungseffekte, zweifelhafter Umgang mit begrenzten Ressourcen – sind bildungsethisch keineswegs neutral oder irrelevant – zumal für eine christliche Sozialethik der Bildung, die sich dem Prinzip der Personalität verpflichtet weiß.

Die Tagung wird veranstaltet von Professor Dr. Andreas Gruschka (Erziehungswissenschaften, Universität Frankfurt a. M.), Professor Dr. Volker Ladenthin (Bildungswissenschaft, Universität Bonn), Professor Dr. Hans Peter Klein (Didaktik der Biowissenschaften, Universität Frankfurt a. M.) sowie Dr. Matthias Burchardt (Allgemeine Pädagogik, Universität Köln). Weitere Referenten sind Professor Dr. Roland Reichenbach (Pädagogik, Universität Basel/Schweiz), Professor Dr. Johannes Bellmann (Erziehungswissenschaften, Universität Münster), Professor Dr. Rainer Dollase (Psychologie, Universität Bielefeld), Professor Dr. Ursula Frost (Allgemeine Pädagogik, Universität Köln), Professor Dr. Lutz Koch (Allgemeine Pädagogik, Universität Bayreuth) und Professor Dr. Frank-Olaf Radtke (Erziehungswissenschaften, Universität Frankfurt a. M.).

Das genaue Programm findet sich unter folgendem Link:

http://www.dphv.de/fileadmin/user_upload/veranstaltungen/Tagungen/flyer_Tagung_koeln_Bildungsstandards.pdf

Im Anschluss an die Tagung findet um 18.00 Uhr die Gründungssitzung der Gesellschaft für Pädagogische Bildung statt.

Stellenausschreibung der KSZ

Die Katholische Sozialwissenschaftliche Zentralstelle e.V., Mönchengladbach, sucht zum nächstmöglichen Zeitpunkt eine/n wissenschaftliche Referentin/Referenten. Damit verbunden ist die Stellvertretung des Direktors.

Die Stelle ist auf zwei Jahre befristet. Hier hatte ich ja schon mal darauf hingewiesen, dass sich in der Zentralstelle etwas geändert hat.

Erwartet wird u.a.  ein abgeschlossenes Theologiestudium, möglichst Promotion. Weitere Informationen hier.

 solide Kenntnis der katholischen Soziallehre

Internetbewertungsportale: “Entsorgung von Zivilcourage”

Die Zeitschrift PÄDAGOGIK widmet sich in ihrer aktuellen Aprilausgabe (4/2010) einem  Problem, das für alle Lehrenden aktuell ist, das aber medienethisch wie bildungsethisch gegenwärtig kaum Beachtung findet. Reinhold Miller (S. 36 f.) und Armin Bernhard (S. 38 f.) diskutieren über “spickmich.de”, ein Internetbewertungsportal, mit dem Schüler ihre Lehrer anonym bewerten können.

Reinhold Miller, Lehrerfortbildner und pädagogigscher Fachbuchautor, gesteht “spickmich.de” zwar zu, Schülern ein “rettendes Ventil” zu bieten, wenn es Kommunikationsprobleme mit Lehrern gibt. Einer pädagogischen Feedbackkultur wird dieses Instrument seiner Meinung nach aber in keiner Weise gerecht: “Spickmich im Internet, ein persönliches Gespräch in der Schule oder ein Feedbackprozess unterscheiden sich erheblich in der Qualität zwischenmenschlicher Beziehung voneinander.” Zudem verweist Miller auf die Gefahren, die von solchen Internetbewertungsportalen ausgehen können: Lehrer werden öffentlich an den Pranger gestellt, der Datenschutz wird verletzt und einer allgemeinen Stimmungsmache wird Tür und Tor geöffnet.

Sehr viel weiter mit seiner Kritik geht Armin Bernhard. Für den Essener Pädagogikprofessor steigert die anonyme Bewertung “die kollektive Unmündigkeit” und höhlt die zentrale Erziehungsaufgabe der Schule aus. Initiativkraft, Selbstvertrauen und Mut werden von “spickmich.de” nicht gefördert: “Dies ist [...] nur möglich, wenn den Heranwachsenden ein Rahmen zur Verfügung gestellt wird, innerhalb dessen sie lernen, sich mit den Personen ihrer unmittelbaren Umgebung auseinanderzusetzen. Sie wachsen am Widerstand, der ihnen im interpersonalen Austausch in Form von Anforderungen entgegengesetzt wird. Sie arbeiten sich systematisch an der Autorität anderer Personen ab und entwickeln über die Abarbeitung höhere Stufen von Autonomie.” Am Ende kommt Bernhard zu dem Schluss, dass  derartige Internetbewertungsportale die “Entzivilisierung der Gesellschaft” förderten, nicht aber Zivilcourage: “Eine zukunftsfähige Gesellschaft aber benötigt kritische und widerständige Menschen und keine geistigen Heckenschützen.” Dieses Urteil fällt deutlich aus.

Bisher haben deutsche Gerichte die Meinungsfreiheit hingegen höher gewichtet als die Persönlichkeitsrechte der Lehrenden. Unser Nachbarland Frankreich urteilt hier anders. Dort werden Internetbewertungsportale als unvereinbar mit der Erziehungsaufgabe der Schule abgelehnt. Dass die Erziehungsaufgabe der Schule immer wichtiger wird, hat erst in dieser Woche eine neue Studie des Deutschen Industrie- und Handelskammertages gezeigt und darauf hingewiesen, dass immer mehr Familien ihrer Erziehungserstverantwortung nicht mehr gerecht werden. Gerade angesichts einer derartigen Diagnose ist es dringend geboten, den Lehrenden bei ihrem schulischen Erziehungsauftrag den Rücken zu stärken, statt diesen immer weiter gesellschaftlich auszuhöhlen.

Erziehung ist nur als personales Handeln denkbar, damit machen sich pädagogische Akteure zwangsläufig aber auch verletzbar. Lehrer haben daher ein besonderes Anrecht darauf, dass ihre Persönlichkeitsrechte hinreichend geschützt sind. Dies schließt auch ein, dass das Reden und Handeln im Rahmen der Schulöffentlichkeit nicht ungeschützt im Internet öffentlich gemacht werden darf. Die vom Dienstgeber beanspruchte Sozialsphäre der Lehrenden ist strikt funktionsangemessen zu begrenzen. Umgekehrt hat der Dienstgeber, will er seinem Schutzauftrag gerecht werden, Lehrende davor zu schützen, dass ihre persönlichen Daten ungefragt, ungeregelt oder mit kommerziellem Interesse weiterverbreitet werden.

Die erweiterten Möglichkeiten im Web 2.0 fordern bildungspolitisch, medienethisch und juristisch zu neuen Antworten heraus. Wenn die Zeitschrift PÄDAGOGIK diese wissenschaftliche, gesellschaftliche und politische Diskussion nun angestoßen hat, ist das sehr zu begrüßen.

(Axel Bernd Kunze)