Wie tagesaktuell Forschung sein kann: Am 12. November demonstrierten Schüler in ganz Deutschland für bessere Bildung und vom 13. bis 15. trafen sich in Mainz Pädagogen, Sozialethiker und Praktiker zur interdisziplinären Fachtagung „Das Menschenrecht auf Bildung: Maßstäbe für die Bildungspolitik in Deutschland?“.
Das „Menschenrecht auf Bildung“ wissenschaftlich zu behandeln war das Ziel eines Projekts der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), getragen vom Bamberger Lehrstuhl für Christliche Soziallehre und Allgemeine Religionssoziologie und dem Forschungsinstitut für Philosophie in Hannover. In Zusammenarbeit mit der Akademie des Bistums Mainz „Erbacher Hof“ luden die Träger vom 13. bis 15. November zur Abschlusstagung des Projektes in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt, um die bisherigen Ergebnisse zu bündeln und Perspektiven sowie weitergehende Fragestellungen zu entwickeln.
Aus verschiedenen komplementären, gelegentlich auch kontrovers diskutierten Sichtweisen näherten sich Sozialethiker, Pädagogen und Vertreter aus der Bildungspraxis der Frage, inwiefern man aus einem sozialethisch-anthropologisch begründeten Menschenrecht auf Bildung konkrete Handlungsmaximen für die Bildungs- und Schulpolitik ableiten könne.
Besonders spannend gestaltete sich gleich zu Beginn der Tagung der Dialog zwischen der wissenschaftlich-theoretisch ausgerichteten Pädagogik, die, wie verschiedentlich betont wurde, immerhin auf eine zweitausendjährige Geschichte zurückblicken kann, und dem aktuellen bildungspolitischen Diskurs mit seinen konkreten Anforderungen.
Im Spannungsfeld von Theorie und Praxis
Von eben dieser Spannung lebt das DFG-Projekt, dessen zwei Teile jeweils von Bamberg und Hannover aus betreut werden: Der Bamberger Theologe und Pädagoge Dr. Axel Bernd Kunze will von einer pädagogisch-sozialethischen Sicht aus das Menschenrecht auf Bildung begründen und mit pädagogischen Inhalten füllen. Katja Neuhoff dagegen arbeitet am Forschungsinstitut für Philosophie an sozialethischen Kriterien für die konkrete Umsetzung von Bildungsreformen. Hierbei stellt sie auch aktuelle politische Fragen, inwieweit etwa Kindern aus Migrantenfamilien oder ökonomisch und sozial weniger privilegierten Gesellschaftsschichten Bildungsgerechtigkeit zuteil werden kann.
„Reiche Eltern für alle“, wie sie auf einem Transparent der Berliner Schülerdemonstrationen gefordert wurden, kann natürlich auch die Sozialethik nicht ermöglichen, aber, wie Gerhard Kruip, der Leiter des Hannoveraner Forschungsinstituts für Philosophie, betonte, „Bildungsgerechtigkeit bedeutet nicht, dass alle Menschen gleich gut gebildet sein sollen, sondern dass jeder die Chance hat, nach seinen Möglichkeiten bestmöglich an Bildung teilzuhaben.“
Bildung muss erarbeitet werden
„Bildung beruht allerdings auf Gegenseitigkeit“, betonte Prof. Dr. Jürgen Rekus vom Institut für Berufsbildung und Allgemeine Pädagogik in Karlsruhe, „Bildung ist nicht etwas, das jemandem zur Verfügung gestellt wird, sondern etwas, das man erwerben und sich erarbeiten muss.“
In Arbeitsgruppen wurden hierzu konkrete Fragestellungen diskutiert, die sich mit tagesaktuellen bildungspolitischen Problemen befassten: Braucht es eine verpflichtende Vorschulerziehung? Oder die flächendeckende Einführung der Ganztagesschule? Sind längere gemeinsame Lernzeiten sinnvoll, mit denen eine spätere Differenzierung der Schüler in die verschiedenen Schulformen einhergehen würde? Wie steht es mit der Bildung in Fragen der Menschenrechte?
Verantwortung der Kirchen
Als Publikumsmagnet erwies sich das öffentliche Abendforum unter dem Thema „Schule – gerecht und frei? Staat und Kirche in der Verantwortung“. Die rheinland-pfälzische Kultusministerin Doris Ahnen thematisierte in ihrem Vortrag Freiheit, Gerechtigkeit und Soziabilität als Kriterien gerechter Bildung. In der anschließenden Podiumsdiskussion waren sich die Teilnehmer einig, dass die gesamtgesellschaftliche Aufgabe der Schulbildung am Besten gelingen kann, wenn sie ausgewogen auf öffentliche und freie Träger verteilt wird. Hier komme insbesondere auch den Kirchen eine besondere Verantwortung zu.
Zum Abschluss der Tagung zeigte die Bamberger Professorin für Christliche Soziallehre und Allgemeine Religionssoziologie Dr. Marianne Heimbach-Steins weitere Perspektiven auf: Sie skizzierte ein bereits in der Planung befindliches Anschlussprojekt, das sich, die bisherigen Ergebnisse aufgreifend, mit der vorschulischen Bildung auseinandersetzen wird.
Selbst nach dem Abschluss des DFG-Projekts ,,Menschenrecht auf Bildung“ wird das Thema Bildung also weiterhin auf der Agenda der Bamberger christlichen Sozialethik stehen.
(Thorsten Heinz)
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Bitte wie folgt zitieren:
Kunze, Axel Bernd (2008): Forschungsergebnisse vorgestellt. In: Forum Sozialethik [Weblog], 6 Dez. 2008. Online-Publikation: http://www.forumsozialethik.de/2008/12/06/forschungsergebnisse-vorgestellt/. Abrufdatum: March 11, 2010
Alternativ die APA citation:
Kunze, Axel Bernd. (2008). Forschungsergebnisse vorgestellt. Retrieved March 11, 2010, from Forum Sozialethik Web site: http://www.forumsozialethik.de/2008/12/06/forschungsergebnisse-vorgestellt/
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