Willy-Aron-Gesellschaft Bamberg e. V. diskutiert über die Sprache der Politik: In ihrer Vortragsreihe zum sechzigjährigen Jubiläum der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte widmete sich die Willy-Aron-Gesellschaft am Montag dem Thema Innere Sicherheit und Schutz der liberalen Grund- und Freiheitsrechte aus einer für dieses Thema eher ungewohnten Perspektive, nämlich aus sprachwissenschaftlicher Sicht. Unter dem Titel: „Neusprech 1984 – 2008: Politikersprache zwischen Orwell und Onlineüberwachung“ untersuchte der Bamberger Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Martin Haase, wie Politiker sprachlich und rhetorisch für Maßnahmen werben wie die Vorratsdatenspeicherung, die heimliche Online-Überwachung, den Abbau von Datenschutz und die Verschärfung von Sicherheitsgesetzen.
Der Referent, der als Professor für romanische Sprachwissenschaft an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg unter anderem über Sprachpflege und Sprachplanung arbeitet, ging von George Orwells düsterem Zukunftsroman 1984 aus, der vor sechzig Jahren veröffentlicht wurde. Darin stellt Orwell eine staatlich verordnete Sprache vor, die er Neusprech nennt. In dieser Sprache werden Überwachungs- und Kontrollmaßnahmen durch positiv-besetzte Wörter, oppositionelles Verhalten durch negativ-besetzte ausgedrückt: so heißt das allmächtige Sicherheitsministerium minitrue, kritisches Gedankengut wird als crimethink bezeichnet. Orwell bezog diese Idee unter anderem aus zeitgenössischen Arbeiten zur Sprachkritik, zur politischen und unternehmerischen Öffentlichkeitsarbeit (public relations) und zur Werbung. Haase zeigte dann, dass sich die von Orwell schon damals kritisierten sprachlichen Verfahren auch heute wiederfinden – insbesonders wenn es um die Einschränkung von Freiheitsrechten bei Maßnahmen der inneren Sicherheit geht. In einer Reihe von zu Gehör gebrachten Tonbeispielen von Politikerreden und Interviews fand der Referent eine Vielzahl von positiv-besetzten Wörtern und sprachlichen Mitteln, die unpopuläre Maßnahmen beschönigen oder den Hörer über die geplanten Änderungen im Unklaren lassen. Dabei beschränken sich die sprachlichen Merkmale nicht auf den Wortschatz, sondern betreffen auch den Bereich der Grammatik und Rhetorik; rhetorische Verfahren der Ablenkung und der Scheinargumentation fielen besonders auf.
An den Vortrag schloss sich eine angeregte Diskussion an. Die Diskussionsteilnehmer fanden weitere Beispiele für den Ersatz negativ-besetzter Wörter aus den Bereichen der Außen- und Verteidigungspolitik, und es wurde diskutiert, inwieweit anhand von sprachlichen Veränderungen politische und gesellschaftliche Trends beobachtet und vorhergesagt werden können. Die Teilnehmer empfanden den kritischen Umgang mit Sprache als sehr wichtig.
(Martin Haase, Axel Bernd Kunze)
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