Archive for November, 2008

Neusprech 1984 - 2008

Willy-Aron-Gesellschaft Bamberg e. V. diskutiert über die Sprache der Politik: In ihrer Vortragsreihe zum sechzigjährigen Jubiläum der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte widmete sich die Willy-Aron-Gesellschaft am Montag dem Thema Innere Sicherheit und Schutz der liberalen Grund- und Freiheitsrechte aus einer für dieses Thema eher ungewohnten Perspektive, nämlich aus sprachwissenschaftlicher Sicht. Unter dem Titel: „Neusprech 1984 – 2008: Politikersprache zwischen Orwell und Onlineüberwachung“ untersuchte der Bamberger Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Martin Haase, wie Politiker sprachlich und rhetorisch für Maßnahmen werben wie die Vorratsdatenspeicherung, die heimliche Online-Überwachung, den Abbau von Datenschutz und die Verschärfung von Sicherheitsgesetzen.

Der Referent, der als Professor für romanische Sprachwissenschaft an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg unter anderem über Sprachpflege und Sprachplanung arbeitet, ging von George Orwells düsterem Zukunftsroman 1984 aus, der vor sechzig Jahren veröffentlicht wurde. Darin stellt Orwell eine staatlich verordnete Sprache vor, die er Neusprech nennt. In dieser Sprache werden Überwachungs- und Kontrollmaßnahmen durch positiv-besetzte Wörter, oppositionelles Verhalten durch negativ-besetzte ausgedrückt: so heißt das allmächtige Sicherheitsministerium minitrue, kritisches Gedankengut wird als crimethink bezeichnet. Orwell bezog diese Idee unter anderem aus zeitgenössischen Arbeiten zur Sprachkritik, zur politischen und unternehmerischen Öffentlichkeits­arbeit (public relations) und zur Werbung. Haase zeigte dann, dass sich die von Orwell schon damals kritisierten sprachlichen Verfahren auch heute wiederfinden – insbesonders wenn es um die Einschränkung von Freiheitsrech­ten bei Maßnahmen der inneren Sicherheit geht. In einer Reihe von zu Gehör gebrachten Tonbeispielen von Politikerreden und Interviews fand der Referent eine Vielzahl von positiv-besetzten Wörtern und sprachlichen Mitteln, die unpopuläre Maßnahmen beschönigen oder den Hörer über die geplanten Änderungen im Unklaren lassen. Dabei beschränken sich die sprachlichen Merkmale nicht auf den Wortschatz, sondern betreffen auch den Bereich der Grammatik und Rhetorik; rhetorische Verfahren der Ablenkung und der Scheinargumentation fielen besonders auf.

An den Vortrag schloss sich eine angeregte Diskussion an. Die Diskussionsteilnehmer fanden weitere Beispiele für den Ersatz negativ-besetzter Wörter aus den Bereichen der Außen- und Verteidigungs­politik, und es wurde diskutiert, inwieweit anhand von sprachlichen Veränderungen politische und gesell­schaft­liche Trends beobachtet und vorhergesagt werden können. Die Teilnehmer empfanden den kritischen Umgang mit Sprache als sehr wichtig.

(Martin Haase, Axel Bernd Kunze)


Pädagogik statt Lerntherapie - ein bildungsethischer “Zwischenruf”

„Bildung“ ist derzeit in aller Munde, von Erziehung und Selbstverantwortung ist hingegen kaum die Rede. Überdies bringen die wenigsten, die sich in der überhitzten Reformdebatte zu Wort melden, praktische Unterrichtserfahrung mit. Ein Interview mit der Soziologin Heike Solga, das die „Süddeutsche Zeitung“ anlässlich des Nationalen Bildungsgipfels am 20. Oktober 2008 veröffentlichte, ist hierfür geradezu exemplarisch. Derartige Positionen verschärfen die gegenwärtigen Probleme, statt sie zu lösen: Schulprobleme durch Lerntherapeuten zu pathologisieren, führt nicht weiter. Selbst das „gerechteste“ und beste Bildungssystem könnte Bildung nicht einfach „machen“. Sicher, Schüler müssen pädagogisch gefördert werden. Ihnen und ihren Eltern allerdings zu suggerieren, es bestehe allein eine Bringschuld der Schule, ist pädagogisch unverantwortlich.

Kinder und Jugendliche müssen auch gefordert werden. Ohne Anstrengung, Leistungswillen und Eigenverantwortung kann Bildung nicht gelingen. Diese bei Kindern und Jugendlichen zu wecken, verlangt pädagogische Führungsstärke. Damit sie ihrer schwierigen Erziehungsaufgabe gerecht werden können, benötigen Lehrer bessere Arbeitsbedingungen als gegenwärtig, Unabhängigkeit, sichere Stellen und pädagogische Freiheit. Solga fordert Visionen: Es ist an der Zeit, Lehrern den Rücken zu stärken! Und es ist an der Zeit, wieder mehr über den Zusammenhang von Bildung und Erziehung zu reden.


Ethik in den Wissenschaften -Wie geht das?

Die Frühjahrsakademie des Ethik-Netzwerks Baden-Württemberg bietet den Teilnehmenden ein Forum, eigene Forschungsprojekte zur Ethik in einem wissenschaftlichen Bereich vorzustellen und ein Feedback über deren Inhalte, Methoden und Organisationsform zu erhalten. Zugleich sollen Themen von allgemeiner Bedeutung gemeinsam diskutiert werden.

Die Veranstaltung richtet sich an fortgeschrittene Studierende, DoktorandInnen und Post-DoktorandInnen aller Disziplinen, in deren Forschungskontext ethische Fragen aufgeworfen werden. Sie sind eingeladen, sich einige Tage intensiv miteinander über diese Fragen auszutauschen.

Interessierte bewerben sich

  • mit einem Abstract (ca. eine Seite) eines möglichen Beitrags zum Thema der Veranstaltung und
  • einem kurzen Curriculum Vitae (Schwerpunkt: Studien- bzw. Forschungsinteressen).

Einsendeschluss: 20. Januar 2009, per E-Mail an:izew.ethik-netzwerk@uni-tuebingen.de.

Nähere Informationen hier.