Archive for Oktober, 2008

Bamberger Willy-Aron-Gesellschaft diskutiert über Recht auf Bildung

Sechzig Jahre alt wird in diesem Jahr die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen (UN). Ihre Verabschiedung am 10. Dezember 1948 war ein wichtiger Schritt, den Menschenrechten völkerrechtlich Geltung zu verschaffen. Die Willy-Aron-Gesellschaft Bamberg e. V. würdigte dieses Jubiläum am 27. Oktober mit einem Themenabend in der Evangelischen Studentengemeinde Bamberg. Dr. Axel Bernd Kunze, Wissenschaftlicher Angestellter am Lehrstuhl für Christliche Soziallehre und Allgemeine Religionssoziologie der Universität Bamberg, sprach dabei über das Recht auf Bildung, das mit Artikel 26 der UN-Menschenrechtserklärung erstmals international festgeschrieben wurde.

Der sogenannte PISA-Schock hat dem Thema Bildung eine erstaunliche Konjunktur beschert. Neu an der gegenwärtigen Debatte ist, dass Bildung auch in Deutschland zunehmend als ein Menschenrechtsthema wahrgenommen wird. Dazu beigetragen hat nicht zuletzt der Deutschlandbesuch des UN-Sonderberichterstatters für das Recht auf Bildung, Vernor Muñoz, im Frühjahr 2006. Sein Bericht ein Jahr später löste eine kontroverse Diskussion aus. Wie Kunze bemängelte, habe es kaum eine sachliche Debatte über die Chancen, aber auch die deutlichen Schwächen des Berichts gegeben. Die Reaktionen reichten von beißendem Spott bis euphorischer Zustimmung: Ist der Bericht für den Deutschen Philologenverband nur „dünner kalter Kaffee“, sprach die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hingegen davon, Deutschland stehe zu recht am internationalen Pranger.

Kunze, Geschäftsführer eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Forschungsprojekts zum Menschenrecht auf Bildung, nutzte den sogenannten Muñozbericht, um aufzuzeigen, welche Forderungen sich aus dem Recht auf Bildung ableiten lassen. Zugleich warnte er aber auch: „Die Menschenrechte zu überdehnen, birgt die Gefahr, diese zu entwerten. Nicht alle bildungspolitischen Probleme verletzen auch schon das Recht auf Bildung.“ Als Beispiel führte Kunze die Schulstrukturdebatte an: Forderungen nach einer Abschaffung des gegliederten Schulsystems lassen sich seiner Meinung nach nicht mit menschenrechtlichen Argumenten begründen. Wichtiger als groß angelegte Strukturreformen, so der Bamberger Theologe und Pädagoge, sei es, sich um eine verbesserte und zielgenauer ansetzende individuelle Förderung zu sorgen, sowie den Lehrern mehr pädagogische Freiheit und Vertrauen zu gewähren, damit diese ihrer immer schwerer werdenden Erziehungsaufgabe gerecht werden können.

Äußerst angeregt, aber auch kontrovers diskutierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mögliche Veränderungen im deutschen Bildungswesen. Kunze plädierte dabei für ein plurales Bildungssystem, das Schülern und Eltern große Wahlfreiheit lässt: „Bestimmte Lösungen absolut zu setzen, führt in der Regel nur zu neuen pädagogischen Problemen und einem Verlust individueller Freiheit.“ Sein Fazit am Ende: „Von einer systematischen Verletzung des Rechts auf Bildung kann in Deutschland nicht gesprochen werden, doch weist der Muñozbericht in bestimmten Punkten durchaus auf Veränderungsbedarf hin, beispielsweise im Hinblick auf eine verbesserte Sprachförderung für Kinder mit Migrationshintergrund.“


Neuerscheinung: Bildungswege als Hindernisläufe

Am 8. und 9. Februar 2008 fand unter dem Titel “Keine(r) darf zurückbleiben! Bildungszugänge und -übergänge auf dem Prüfstand” in Kooperation mit der Evangelischen Akademie Loccum (b. Hannover) das zweite Symposium des DFG-Projekts “Menschenrecht auf Bildung: Anthropologisch-ethische Grundlegung und Kriterien der politischen Umsetzung” (weitere Informationen unter: www.menschenrecht-auf-bildung.de) statt. Getragen wird das Forschungsprojekt durch den Bamberger Lehrstuhl für Christliche Soziallehre und Allgemeine Religionssoziologie (Prof. Dr. Marianne Heimbach-Steins) sowie das Forschungsinstitut für Philosophie Hannover (Direktor Prof. Dr. Gerhard Kruip).

Inzwischen liegen die Beiträge der Tagung als Band 5 der Reihe “Forum Bildungsethik” (hgg. von Marianne Heimbach-Steins, Gerhard Kruip und Axel Bernd Kunze) in gedruckter Form vor: Bildungswege als Hindernisläufe. Zum Menschenrecht auf Bildung in Deutschland (Bielefeld: W. Bertelsmann-Verlag 2008, hgg. von Marianne Heimbach-Steins, Gerhard Kruip und Katja Neuhoff, 200 Seiten).

Der Sammelband gliedert sich in fünf Abschnitte: Das Menschenrecht auf Bildung: Zwischenbilanz des Forschungsprojekts (I.); Hilfen und Hürden im deutschen Bildungssystem (II.); Reflexionen zur pädagogischen Praxis (III.); Bildungsfinanzierung und Bildungsgerechtigkeit (IV.) sowie Theoretische Betrachtungen (V.). Die Autoren fragen nach Veränderungsbedarf innerhalb des deutschen Bildungssystems und unterziehen entsprechende bildungspolitische Lösungsvorschläge einer gerechtigkeitstheoretischen Überprüfung. Gerahmt wird die interdisziplinäre Reflexion durch Überlegungen zum Verhältnis von Empirie und Normativität in der Bildungsdiskussion sowie Beobachtungen zur gegenwärtigen Fachdiskussion über Bildungsgerechtigkeit und Bildungethik.

Die Beiträge stammen von Regina Ammicht Quinn (Universität Tübingen), Wolfgang Böttcher (Universität Münster), Alexander Filipovic (Universität Bamberg), Benno Haunhorst (Bischöfliches Gymnasium Josephinum Hildesheim), Marcel Helbig (Wissenschaftszentrum für Sozialforschung Berlin), Marianne Heimbach-Steins (Universität Bamberg), Axel Bernd Kunze (Universität Bamberg), Walter Lesch (Katholische Universität Louvain), Andreas Lob-Hüdepohl (Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin), Kirsten Meyer (Humboldt-Universität Berlin), Katja Neuhoff (Forschungsinstitut für Philosophie Hannover), Daniela Pollock (Arbeiterwohlfahrt), Norman van Schwerpenberg (Staatssekretär a. D. und freier Berater) sowie Werner Schönig (Katholische Fachhochschule Nordrhein-Westfalen).


Sozialkommission der COMECE: Die sozialen Konsequenzen der Finanzkrise

Die Bischöfe der Sozialkommission der COMECE (Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft) haben sich vom 8. bis 9. Oktober zu ihrem jährlichen Treffen in Paris versammelt. Ihr Austausch „zur Zukunft von sozialer Sicherheit und Sozialpolitik in Europa“ wurde von der Krise der Finanzmärkte und ihren Konsequenzen für die europäische Sozialpolitik geprägt.

Bischof Reinhard Marx und Präsident der Sozialkommission äußerste sich zur Finanzkrise:

Es ist richtig, dass die Regierungen der Europäischen Union jetzt alles tun müssen, um die Vertrauenskrise zu beheben, die gegenwärtig die Finanzmärkte erschüttert. Die katholische Soziallehre kennt seit langem den Vorschlag einer Ordnungspolitik auf Weltebene auch für die Finanzmärkte. Nur so können mehr Gerechtigkeit, Transparenz und Verantwortlichkeit geschaffen werden. Das muss jetzt ins Werk gesetzt werden. Es ist dann weiter wichtig, dass unsere Regierungen und die europäischen Institutionen sich für das Schicksal jener Menschen interessieren, die häufig ohne eigenes Verschulden die sozialen Konsequenzen der Finanzkrise zu tragen haben werden. Gerade jetzt muss die Tragfähigkeit des europäischen Sozialmodells unter Beweis gestellt werden, damit aus der Finanzkrise keine politische und soziale Krise wird.

Weitere Informationen hier.

[via Pressemitteilung COMECE; Bildquelle]