“Wie leistungsfähig sind naturrechtliche Ansätze in der Ethik?”, fragt Eberhard Schockenhoff in der aktuellen Maiausgaber der Herder Korrespondenz (S. 236 ff.). Der Freiburger Moraltheologe, zugleich Mitglied im Deutschen Ethikrat, kommt am Ende seiner Überlegungen zu dem Schluss: “In der Stärke des Naturrechts, die seinen Forderungen allgemeine Geltung verleiht, liegt aber zugleich seine innere Grenze. Denn nur ein material bescheidenes Naturrecht, das sich auf die unerlässlichen Mindestvoraussetzungen des Menschseins beschränkt, lässt genügend Freiraum für individuelle Lebenserfahrungen und kulturelle Unterschiede unter den Menschen.” (S. 241) Wie schon in seinem Werk “Grundlegung der Ethik” bemüht sich Schockenhoff auch an dieser Stelle darum, zwischen Naturrechtsethik und Konzeptionen Autonomer Moral zu vermitteln: “Viele Neuansätze der philosophischen und theologischen Ethik erweisen sich bei näherer Betrachtung nicht als Alternativen zum Naturrecht, sondern als Modifikationen innerhalb desselben Paradigmas, die vor allem auf die Integration humanwissenschaftlicher Erkenntnisse zielen, um gesicherte Einsicht in die anthropologische Verfassung des Menschen zu gewinnen.” (ebd.)
Lesenswert ist auch das Interview mit dem Jesuiten Johannes Siebner, Direktor des Kollegs Sankt Blasien im Schwarzwald: “Damit Schule nicht so wichtig ist” (S. 232 ff.). Die Antworten des Schulleiters lassen durchaus ungewohnte und wohltuend besonnene Töne innerhalb der gegenwärtigen, mitunter reichlich überhitzten Bildungsreformdebatte anklingen. So warnt er davor, die Schule nicht mit Erziehungserwartungen zu überfordern, für die gar nicht genügend pädaogisch geschultes Personal zur Verfügung steht: “Wenn es ständig heißt, Kinder sind unsere Zukunft, unsere Hoffnung, dann klingt doch in Klammern immer mit, dass sie auch unsere Enttäuschung, unsere Desillusionierung, unsere geplatzte Hoffnung sein werden. Es wird heute viel zu viel auf die junge Generation projeziert. Wer gute Erziehung leisten will, muss sich dagegen immer wieder einüben zu sagen, dass Kinder und Jugendliche um ihrer selbst willen begleitet und erzogen werden müssen - nicht weil sie unsere Zukunft sind.” (S. 234) Eltern rät er dann auch, die Schule ernst, aber nicht zu wichtig zu nehmen: “Schule [breitet sich] immer mehr im Alltag der Kinder aus, und deshalb wachsen die Erwartungen an Schule geradezu bedrohlich. Wer immer etwas von Jugendlichen will, ob Wirtschaft oder Werbung - alle gehen in die Schule. [...] Schule ist gesellschaftlich so wichtig geworden, dass wir als Schule zunehmend die Aufgabe haben, die Schülerinnen und Schüler zu schützen, indem wir ihnen Räume, Zeit und Ort geben für so etwas wie das Übernützlich. Wir wollen bilden, nicht ausbilden.” (S. 233) Bildungspolitisch spricht sich Siebner für eine Wahlfreiheit der Eltern und Schüler aus - und damit auch gegen die Ganztagesschule als Regelfall für alle Schüler in Deutschland.
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