In der letzten Ethica-Ausgabe des vergangenen Jahres stellt Hanspeter Schmitt, Inhaber des Lehrstuhls für Theologische Ethik an der Theologischen Hochschule in Chur, unter dem Titel „Gewissensbildung. Zur Soziogenese sittlicher Kompetenz“ (339-375) sein Modell der Entwicklung des Gewissens in pluralen Lebensvollzügen dar. Es geht ihm dabei „um die Beschreibung und Kultur eines gestaltungsfähigen Gewissens, das über die bloße Anpassung an schematisch festliegende Vorgaben und eine lediglich abschließende Beurteilung des Handelns hinauszugehen vermag“ (340). Zu diesem Zweck bestimmt er in Auseinandersetzung mit Kohlberg, Habermas, Freud und Schöpf die Ontogenese des Gewissens als Soziogenese, welche gekennzeichnet ist durch diverse interaktionale Prozesse, die die Grundlage dafür bilden, dass das „Gewissen einmal jene Interaktionskompetenz darstellt, die in der Lage ist, Pluralität zugunsten verantwortlichen Handelns zu gestalten“ (371). Grundlage eines solchen Handelns ist der „Drang, das eigene Leben gelingend zu entfalten“ (361) und entsprechende Interessen möglicher anderer Personen selbstreflexiv in das eigene Wollen und Tun zu integrieren. Abschließend werden schließlich die aufgrund dieser Annahmen nahe liegende Behauptung der sozialen Determiniertheit des Gewissens gegenüber einer dennoch anzunehmenden sittlichen Autonomie und Verantwortung zurückgewiesen sowie erste Folgerungen für eine Gewissenspädagogik gezogen.
Dragan Jakowlewitsch, Lehrstuhlinhaber für Ethik und Erkenntnislehre an der Universität Montenegro, stellt angesichts der beiden die utilitaristische Tradition prägenden Zielsetzungen der Glücksvermehrung und (zugleich) der Leidensminimierung die Frage „Worin unterscheidet sich der negative Utilitarismus vom tradierten Utilitarismus und lässt er sich mit ihm kombinieren?“ (377-394). Von einer Analyse der Ideengeschichte des negativen Utilitarismus - also die Bewertung von Handlungsfolgen ausschließlich an der Erzielung des negativen Nutzens zu orientieren – ausgehend, plädiert Jakowlewitsch für einen moderaten negativen Utilitarismus, dessen allgemeine Perspektive sich aus drei Zielsetzungen zusammensetzt: „(1) der vollständigen Eliminierung negativer Güter, (2) der Minderung oder Minimalisierung negativer Güter, oder (3) der Zulassung kleinerer negativer Güter, wenn dies die einzige Möglichkeit darstellt, Vorkommen größerer negativer Güter zu vermeiden“ (386). Diesen Ansatz verteidigt der Autor abschließend gegen R. N. Smarts Einwand, mit einem negativen Utilitarismus könne auch das (schnelle und schmerzfreie) Auslöschen der gesamten Menschheit begründet werden, da damit alles Leiden ende.
Andreas Vieth, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Philosophischen Seminar der Universität Münster, beschäftigt sich in seinem Aufsatz mit „Ausweitungsstrategien des moralisch Relevanten in der Angewandten Ethik“ (395-420). Ausgehend von der überspitzten These, Angewandte Ethik sei „nichts als ein Kollateralschaden der neuzeitlichen philosophischen Ethik“ (396) untersucht er zunächst deren gebräuchliche Anwendungsmetaphern mit dem Ziel, Normen für eine professionelle philosophische Ethik zu präzisieren. Durch die Skizzierung des Anthropozentrismus neuzeitlicher Ethikkonzeption versucht er sodann zu begründen, weshalb, etwa mit Blick auf Tierethik oder bestimmte Aspekte der Medizinethik, auf dieser Grundlage die Konzeption von Ausweitungsstrategien des moralisch Relevanten nötig wird. Allerdings scheitern jene in der Regel, weil sie sich nicht konsequent von allen anthropozentrischen Momenten der neuzeitlichen Ethik verabschieden. Deshalb wirbt Vieth abschließend für die Abschaffung einer Angewandten Ethik, da diese durch die Ablehnung der Ausweitungsstrategien unnötig werde. Übrig bleibe freilich nach wie vor die Notwendigkeit, eine Ethik zu formulieren.
In weiteren Kurzbeiträgen äußern sich Klaus Thomalla zum Thema „Integratives Denken oder: Wie kann der Geburt des Subjekts aus dem Geist der Biowissenschaften vorgebeugt werden?“ (421-428) und Elmar Mayer zu den ethischen Fragestellungen, die sich aus der genetischen Präimplantationsdiagnostik (426-428) ergeben. Elke Bohlken und Nicole C. Karafyllis berichten über die letztjährige BMBF-Klausurwoche unter dem Titel „Die Technisierung des Gehirns. Ethische Aspekte aktueller Neurotechnologien“ (430-433).
Die Zeitschrift Ethica erscheint vierteljährlich im Resch Verlag und ist zum Einzelpreis von 11.20 € oder im Jahresabonnement für 37,40 € (jeweils zzgl. Porto) zu beziehen. Weitere Informationen hier.
Danke für die prägnante Zusammenfassung meiner Studie. Die einzige Korrektur, die ich habe, ist formal und betrifft die Schreibweise meines Namens: Hanspeter Schmitt. MfG!
Ach, “Schmitt”!? … also von DIR ist der Beitrag.
Aber im Ernst: Na klar, sorry für das Versehen. Ist korrigiert. LG in die Schweiz aus dem zweiten Stock der U2!