Vom 9.-11. November 2007 fand in der Evangelischen Akademie in Tutzing eine Tagung zur “Werteerziehung in der Schule” statt. Da die Tagung vom Bayerischen Kultusministerium als Lehrerfortbildung anerkannt wurde, setzten sich die über 100 Tagungsbesucher auch zu einem großen Teil aus dieser Berufsgruppe zusammen.
Referenten unterschiedlichster Fachrichtungen versuchten sich mit durchaus differierenden Ansätzen an den Begriff Werte und die Vermittlung derselben anzunähern. Im Folgenden seien einige mir besonders interessant erscheinende Vorträge herausgehoben.
In einem ersten Referat stellte die Münchner Soziologin Prof. Dr. Gertrud Nunner-Winkler unter dem Titel “Wie kommt die Moral ins Kind” Ergebnisse verschiedener empirischer Studien zur Moralentwicklung von Kindern und Jugendlichen dar. Grundlegend konnte dabei festgestellt werden, dass das moralische Wissen der Kinder relativ früh relativ groß ist, wobei die Regeln des Zusammenlebens aus beobachtetem Verhalten (insbesondere von nahestehenden Erwachsenen) erschlossen werden. Als Lernmechanismen wurden die explizite Unterweisung, Aushandlungsprozesse sowie Sprachspiele (Kinder verbinden mit einem Wort, z.B. “Mord”, eine Wertung) nachgewiesen. Bestimmte Kontexte sind dabei mit ihren Auswirkungen auf die Entwicklung von moralischen Vorstellungen nach Nunner-Winkler systematisch zu unterscheiden:
- Familie - Insbesondere frühe Extremerfahrungen wie Gewalt oder “moralisches Heroentum” wirken prägend, während im “Normalbereich” der Einfluss der Familie nicht überschätzt werden dürfe, da bis zu zwei Drittel der Jugendlichen bis ins Alter von 22 starke Veränderungen in ihrem vom reinen Wissen über Normen und Regeln zu unterscheidenden moralischen Wollen durchmachen.
- Freunde – Der Freundeskreis beeinflusst durch sich vom familiären Kontext unterscheidende Subkulturen, aber auch Steigerung der Rollenübernahmefähigkeit und Förderung einer konsensorientierten Konfliktbearbeitung.
- Schulklima - Ein “pazifistisches Schulklima” erkläre (Nicht-)Gewalthandeln der Schüler besser als die Familienerfahrungen, da auch Kinder mit schlechten Familienerfahrungen in einem entsprechenden Schulklima weniger Gewalttätigkeit zeigen; wichtig ist dabei insbesondere ein normativer Konsens an der Schule.
- gesellschaftlicher Kontext - Dies lässt sich insbesondere im Bereich der Geschlechterrollenzuschreibungen erkennen, in deren Rahmen Frauen in den europäischen Gesellschaften viele moralfördernde Zuschreibungen erfahren, Männer dagegen weniger - diese Zuschreibungen werden dann handlungsleitend in dem Maß, wie die jeweiligen Männer und Frauen sich mit ihren Geschlechterrollen identifizieren und bereit sind, den gesellschaftlichen Rollenvorstellungen zu entsprechen.
Schon bei diesen sehr grundlegenden Ausführungen wurde deutlich, dass die Herausbildung einer sittlichen Identität zum einen im schulischen Kontext durchaus befördert werden kann, zum anderen aber in einem aktiven Prozess der Aneignung (oder Ablehnung) von bestimmten Wertehaltungen geschieht. Es daher vielleicht angeraten eher von Wertebildung denn von Werteerziehung zu reden, impliziert der Bildungsbegriff, so wie er hier verstanden werden soll, doch die aktive Beteiligung des Sich-Bildenden am Bildungsprozess. Erziehung dagegen rekurriert auf einen normativ vorgegebenen Zielzustand, den es zu erreichen gilt. Dies jedoch scheint im Bereich der moralischen Erziehung nicht in eindeutiger Kausalität möglich.
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