Wozu noch Bildung? - ein Tagungsbericht

Zu Beginn der Woche fand in Fulda die diesjährige Generalversammlung der Görres-Gesellschaft zur Pflege der Wissenschaft statt. Die zeitgleiche Jahrestagung der Sektion für Pädagogik stand – wie vor einiger Zeit im Forum angekündigt – in diesem Jahr unter dem Rahmenthema „Wozu noch Bildung?“.

Im Festvortrag am Sonntag vormittag nahm Prof. Dr. Dr. h. c. Ludger Honnefelder (Bonn) Stellung zu „Ortsbestimmung und Aufgabenstellung der Görres-Gesellschaft“ vor dem Hintergrund der Wissenschaftslandschaft des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Eine der kritischen Ausgangsfragen lautete: Hat das moderne System Wissenschaft nicht längst eine Eigendynamik angenommen, in der nichts anderes von Bedeutung ist als ihre eigenen selbstläufig gewordenen Zwecke? In einer kritischen Bilanz sprach der Festredner zunächst von den zunehmenden Zwängen, unter denen der spätmoderne Wissenschaftsbetrieb gegenwärtig gerade seinen wissenschaftlichen Charakter zu verlieren drohe. Wissenschaft bedürfe jedoch gerade der Freiheit, da sie nur über den Weg freier Diskussion und freier Zustimmung ihre Argumente legitimieren könne. Kurz: ohne Freiheit auch keine Wissenschaft. Aus diesem Grund seien freie Vereinigungen von Wissenschaftlern für den Selbsterhalt der Wissenschaft unverzichtbar.

In einem öffentlichen Vortrag am Abend stellte Prof. DDr. Gerhard Mertens (Köln) das neue Handbuch der Erziehungswissenschaft vor, das die Görres-Gesellschaft erstmalig herausgibt. Das auf drei Bände (in sechs Teilbänden) angelegte Werk soll zum einen die gegenwärtige Breite des Faches darstellen, zum anderen aber trotz aller Ausdifferenzierung weiterhin den inneren pädagogischen Zusammenhang – im weitesten Sinne könnte darunter Führung verstanden werden – der einzelnen Teildisziplinen und Themen aufzeigen. Besonders hob er die Systematisierung einer pädagogischen Topik in Band I hervor – ein Thema, das sich in dieser Form bisher kaum in anderen Handbüchern finden läßt. Das Werk erscheint im Verlag Ferdinand Schöningh und ist gegenwärtig zum Subskriptionspreis zu bestellen (die Bände II und III sollen im Laufe des nächsten Jahres erscheinen).

Die Sektionstagung am Montag wurde mit einer Einführung von Prof. Dr. Volker Ladenthin (Bonn) eröffnet, in der er den Entdeckungszusammenhang für die Wahl des diesjährigen Rahmenthemas erläuterte. In der gegenwärtigen Debatte zeige sich eine erstaunliche Diskrepanz zwischen einer maßgeblichen Diskreditierung des Bildungsbegriffs und einer gleichzeitigen Neuentdeckung des Bildungsdiskurses, was sich an einer verstärkten Zahl bildungstheoretischer Neuerscheinungen ablesen lasse, nachdem es um das Thema in der Pädagogik in den vergangenen Jahren eher ruhig war. Pikanterweise kritisierten die Bildungskritiker gerade das, was sie selbst noch genossen haben und was sie jetzt in der praktischen Konsequenz den Nachfolgenden verweigerten. Bei genauerem Hinsehen zeige sich, daß es im Grunde aber nicht um Kritik an Bildung, sondern an der Faktizität der Bildung gehe.

Das erste Referat von Prof. Dr. Ursula Frost (Köln) trug dann den Titel „Bildung zwischen Anpassung und Widerstand“. Die Referentin entfaltete zunächst in einem historischen Durchgang den Gedanken der Widerständigkeit von Bildung. Ausgehend von Positionen der klassischen Bildungstheorie unterschied sie dabei a) Widerstand gegen Bildung und Unbildung (Platon), b) Widerstand gegen Unfreiheit (Kant), c) Widerstand gegen Entfremdung des Humanen (Humboldt) und d) Widerstand gegen Verrechnung von Bildung als Massenproduktion (Nietzsche). - Demgegenüber diagnostizierte sie für die Gegenwart eine wachsende „widerstandslose Unbildung“ a) im gegenwärtig zu beobachtenden Verfall der Bildung zu Halbbildung und Unbildung (vgl. Liessmanns unter dem Titel „Theorie der Unbildung“ veröffentlichte Kritik an der Wissensgesellschaft) und b) im aktuell auftretenden „totalen Regime des Unternehmertums“. - Ihre Schlußthese lautete dann: Die traditionellen Ansprüche der Bildungstheorie sind nicht obsolet, sondern zeigen gerade in der Umdeutung noch einmal ihre Relevanz. Notwendigseien neue, aber weiterhin starke Formulierungen für Wahrheit, Subjektivität, Humanität und Individualität. Dabei gehe es nicht um eine formelhafte Wiederholung klassischer Bildungstraditionen, sondern um eine aus diesen Traditionen schöpfende radikalisierte Verortung von Bildung im Widerstand: Bildung befindet sich im Widerstand, ereignet sich im Widerstand und zeigt sich als Macht und Ohnmacht im Widerstand. Bildungspraktisch müsse dies dann im Bemühen um eine negative, eine geschichtliche und eine ästhetische Bildung konkret werden.

Prof. Dr. Renate Girmes (Magdeburg) sprach anschließend als Gastreferentin über Bildung als orientierende Kategorie verantworteter Bildungsräume. Ihr Anliegen war es, bildungstheoretisch die „realen Bedingungen der Möglichkeit von Bildung“ zu erschließen und dann für die praktisch-konkrete Gestaltung humaner pädagogischer Lernräume (beispielsweise bei der Klassenraumgestaltung, der Methodenauswahl oder der Sicherung der Unterrichtsdisziplin) fruchtbar zu machen. Bildung wird damit zum Ausdruck für die Qualität im pädagogischen System. Methodisch lief das Vorhaben auf eine systemtheoretische Neukonstruktion der Kombinatorik Herbarts – in Verbindung mit der Kommunikationstheorie Schulz von Thuns – hinaus. Dieser „Theorienmix“ blieb in der Diskussion nicht unwidersprochen; kritisch wurde beispielsweise gefragt, ob das Ergebnis am Ende nicht doch ein äußerst „reduzierter Herbart“ sei. Trotz berechtigter methodischer Anfragen vermittelte der Vortrag zentrale Anstöße, verstärkt über die notwendigen komplexen und anspruchsvollen Realbedingungen gelingender Bildungsprozesse nachzudenken.

Im dritten Vortrag von Hochschuldozent Dr. Andreas Poenitsch (Koblenz), ebenfalls externer Referent, ging es um die Frage „Bildung heute?“. Der Referent plädierte, in der Bildungstheorie einen historisch-systematischen Zugang zum Bildungsdenken beizubehalten: Bildung könne bleibend als Selbst- Fremd- und Weltverhältnis in kritischer Selbstreflexion verstanden werden. Zwischen den damaligen Problemen, auf welche die klassische Bildungstheorie Antworten formuliert habe, und den heutigen Problemstellungen gäbe es mehr Zusammenhänge, als gemeinhin unterstellt werde. - In einem zweiten Schritt ging es dann um das Verhältnis von Bildungstheorie und Bildungsforschung. Letztere dominiere gegenwärtig eindeutig den Diskurs und legitimiere sich weitgehend ausschließlich durch ihre faktische politische Selbstverständlichkeit. Hier – so der Referent – sei der Bildungsforschung mehr Begründungsarbeit und Transparenz abzuverlangen. Professionspolitisch sei gegenwärtig eine völlig einseitige Engführung der Pädagogik auf empirische Bildungsforschung festzustellen. Dies sei verhängnisvoll, da ohne Bildungstheorie „Bildung“ in ihren vielfältigen Zusammensetzungen (Bildungsforschung, -politik, -ökonomie, -soziologie, -anstalt, -träger …) zum beliebigen und unspezifischen Sammelbegriff verkomme. Selbstkritisch müsse sich die Bildungstheorie aber fragen lassen, ob sie sich nicht zu wenig Gedanken um die Operationalisierung ihrer Aussagen gemacht habe. Diese Lücke werde gegenwärtig von der Politik, den Lobbyvereinigungen und den internationalen Organisationen ausgefüllt. Poenitsch plädierte als Lösung für eine „weiche Operationalisierung“ der hermeneutischen und reflexiven Elemente der Bildungstheorie. - Seine Thesen verdeutlichte er abschließend am verhängnisvollen Bolognaprozess, der sich zunehmend zum neuen „europäischen Mythos“ entwickle. „Bildung Bolognese“ sei gekennzeichnet durch eine einseitige Rationalität; die dadurch bedingte Beschneidung möglicher Selbst-, Fremd- und Weltverhältnisse vergrößere die Verstrickung der Individuen (und damit ihre „Unfreiheit“) und erschwere die individuellen Einsichtsmöglichkeiten in dieselbigen. Ziel der Reformen sei auch gerade nicht eine größere pädagogische Leistungsfähigkeit (und damit Einsichtsfähigkeit), sondern eine größere ökonomische Leistungsfähigkeit. Notwendig sei ein gesellschaftlicher Diskurs darüber, ob letzten Endes der „Mythos Humboldt“ oder der „Mythos Bologna“ pädagogisch leistungsfähiger sei. Der Referent sprach sich eindeutig für ersteren aus und plädierte dafür, das Potential der europäischen Bildungstradition für Gegenstrategien zu nutzen und besser auszuschöpfen. Eine „metaphysische Reinigung“ des Bildungsbegriffs hingegen werde letztlich nur zu einer verminderten pädagogischen und damit in der Folge letztlich insgesamt verminderten gesellschaftlichen Leistungsfähigkeit führen. - Die anschließende Diskussion drehte sich vor allem um den dritten Teil des Vortrags, also die Bolognareformen. Die Diskussion verlief äußerst emotional und offenbarte deutliche Befürchtungen gegenüber den negativen Konsequenzen, welche der gegenwärtige Radikalumbau der europäischen Hochschullandschaft langfristig zeitigen werde.

Den Abschluß der Tagung bildete ein Vortrag von Dr. Axel Bernd Kunze (Bamberg) mit dem Titel „Beitragen und Teilhaben – Konturen von Bildungsgerechtigkeit im Licht des Berichts des UN-Sonderberichterstatters für das Recht auf Bildung“. Der Referent setzte sich dabei kritisch mit dem im Frühjahr 2007 veröffentlichen sogenannten Munozbericht auseinander. Ein Teilnehmer unterstrich in der anschließenden, äußerst lebhaft geführten Diskussion, daß in der gegenwärtigen Debatte (und so auch im Munozbericht) die Rechte der Eltern und Schüler einseitig zu Lasten der Lehrer gestärkt würden, denen immer mehr Freiraum zum pädagogischen Handeln genommen werde. Einigkeit bestand darin, daß die Menschenrechts- und Gerechtigkeitsdebatte gegenwärtig dort überspannt und politisch instrumentalisiert werde, wo sie dazu diene, bestimmte Schulorganisationsentscheidungen durchzusetzen und zu legitimieren, für die auf andere Weise keine politisch-gesellschaftliche Zustimmung zu erreichen sei. Im gesellschaftlichen Diskurs – so der Tenor in der Diskussion – sei zu klären, wie viel „Pflicht“ zur Bildung im Vorschulbereich unsere Gesellschaft wolle und bereit sei, notfalls auch mit staatlichen Zwangsmaßnahmen durchzusetzen. Auch zielgenauere Maßnahmen verlangten nach mehr Diagnostik – und damit auch nach einem Mehr an staatlichen Eingriffen in die Privatsphäre der Eltern und Kindern. Bisher noch unterschätzt werde weithin, daß der Umbau des Vorschulbereichs zum wirklichen Elementarbildungsbereich starke staatliche Reglementierungen mit sich bringen werde und im Sinne notwendiger Kontrolle auch müsse – Konflikte seien damit auf jeden Fall erwartbar.

Wozu noch Bildung? Insgesamt zeigte sich, daß alle vier Referenten unter je anderer Perspektive und Fragestellung am bleibenden Wert der klassischen Bildungstheorie festhielten und deren Bedeutung für die Bewahrung einer der Humanität verpflichteten gesellschaftlichen Entwicklung betonten. Die Beiträge der Sektionstagung sollen in Ausgabe 1/2008 der Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Pädagogik dokumentiert werden. Die nächste Sektionstagung findet Ende September 2008 in Würzburg statt, dann zum Thema Menschenbilder im gegenwärtigen Bildungsdiskurs: Was macht den Menschen zum Subjekt? Oder ist er nur noch ein Kompetenzbündel?

Im kommenden Jahr findet ferner vom 16. bis 19. März 2008 in Dresden der große Zweijahreskongreß der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft statt. Unter dem Rahmenthema „Kulturen der Bildung“ (auch hier taucht das Thema also wieder auf!) wird dabei auch das Thema Menschenrechtsbildung thematisiert werden. Der Kongreß ist auch für Nichtmitglieder offen; weitere Informationen unter www.dgfe.de.


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