Die diesjährige Tagung innerhalb der Reihe “Sozialethik konkret”, die vom 24. bis 25. September 2007 in der Katholischen Akademie “Die Wolfsburg” in Mülheim an der Ruhr stattfand, stand unter dem Thema Bildung und Bildungspolitik.
Die Tagungsreihe wird von der Essener Bistumsakademie in Kooperation mit der Nachbarakademie des Bistums Münster, dem Franz-Hitze-Haus, der Konrad-Adenauer-Stiftung, dem Institut für Christliche Sozialwissenschaften der Universität Münster, dem Lehrstuhl für Christliche Soziallehre und Allgemeine Religionssoziologie der Universität Bamberg und dem Lehrstuhl für Christliche Gesellschaftslehre der Universität Bochum durchgeführt. An der äußerst lebhaften Diskussion beteiligten sich auch zahlreiche Teilnehmer und Teilnehmerinnen aus dem Kreis des Forums Sozialethik; vielleicht mag der ein oder die andere auch noch Kommentare zu diesem Beitrag beisteuern.
Katja Neuhoff M. A. (Forschungsinstitut für Philosophie Hannover) referierte über Konturen und Probleme des Konzepts Beteiligungsgerechtigkeit, das zunehmend zur sozialethischen Leitidee im bildungsethischen Diskurs geworden ist. Die Ausführungen wurden von Dr. Christof Mandry (Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien der Universität Erfurt) und Sandra Sikorski (Universität Münster) kommentiert. Ersterer sprach sich für einen freiheitstheoretischen Begründungsansatz in der Bildungsethik aus; letztere mahnte an, stärker auf die lokalen Effekte und Umsetzungsprobleme von Bildungsreformen zu achten.
Bildungspolitische und -praktische Lösungsansätze zur Verhinderung und Überwindung von Bildungsarmut stellte anschließend Professor Dr. Georg Auernheimer (Universität zu Köln) vor; ausgehend von Vorschlägen der Kultusministerkonferenz führte er sowohl die Chancen als auch Risiken einzelner Reformmaßnahmen vor Augen. Seine Ausführungen wurden kritisch kommentiert durch Professor Dr. Jörg-Dieter Gauger (Konrad-Adenauer-Stiftung) und Dr. Axel Bernd Kunze (Universität Bamberg). Uneinigkeit bestand vor allem in der Frage, ob durch die Abschaffung des gegliederten Schulsystems in Deutschland zugunsten eines – wie auch immer ausgestalteten – Einheits- oder Gesamtschulmodells für ein Mehr an Beteiligungsgerechtigkeit gesorgt werden könne; die beiden Korreferenten hatten hier Bedenken und lehnten die Einführung eines verpflichtenden Gesamtschulmodells für Deutschland ab.
Den zweiten Tag eröffnete Professor Dr. Joachim Wiemeyer (Universität Bochum) mit einem Vortrag über die spezifischen Aufgaben und Kompetenzen der unterschiedlichen Akteure im Bildungssystem. Zu fragen sei, ob zukünftig mehr privater Wettbewerb im staatlichen Schulsystem zugelassen werden sollte; der Referent äußerte Zweifel, daß dies ohne neue “Irrationalitäten im System” möglich sei. Anna Noweck (Missio München) betonte in ihrem Korreferat demgegenüber die besondere Rolle katholischer Schulen in einem pluralistischen Schulwesen und plädierte für einen “Dritten Weg”, bei dem die Rolle freier Träger im öffentlichen Schulsystem gestärkt werde. Markus Potthof (Bistum Essen) schloß sich den Ausführungen an und problematisierte ausdrücklich die ambivalente Rolle, welche die internationalen Vergleichsstudien in der gegenwärtigen Bildungsreformdebatte spielten; diese wirkten sich deutlich normierend auf den gegenwärtigen Bildungsdiskurs aus.
In der abschließenden Tagungseinheit regte Professor Dr. Gerhard Kruip (Forschungsinstitut für Philosophie Hannover) an, die Bildungsfinanzierung durch die Einführung von Bildungsgutscheinen neu zu regeln und gerechter zu gestalten. Die Ausführungen wurden kommentiert durch Dr. Hermann-Josef Große Kracht (Universität Münster), der vor einer einseitigen Übernahme von Modellen äquivalenter Tauschgerechtigkeit warnte, und Professor Dr. Alexander Kemnitz (Technische Universität Dresden), der unter Berufung auf Erfahrungen in anderen Ländern Zweifel daran äußerte, daß sich Bildungsgutscheine qualitätssteigernd auswirkten.
Ergänzt wurde die Tagung am Abend des ersten Tages durch ein Round-Table-Gespräch über Bildungskonzepte für Menschen mit Migrationshintergrund; hieran beteiligt waren Vertreter aus Wissenschaft (Professorin Dr. Marianne Heimbach-Steins, Universität Bamberg; Professor Dr. Wolfgang Hinte, Universität Duisburg-Essen), Politik (Thomas Kufen, Integrationsbeauftragter der Landesregierung NRW) und Zivilgesellschaft (Tayfun Keltek, Vorsitzender LAG der kommunalen Migrantenvertretungen in NRW). Das Gespräch drehte sich in weiten Strecken um das neue Zwanzig-Punkte-Integrationsprogramm der schwarz-gelben Landesregierung in Nordrhein-Westfalen; leider fehlte weitgehend eine Verzahnung der politischen Diskussionsrunde mit den Debatten vom Nachmittag.
Der Moderator stellte in der Abschlußrunde zum Ende der Tagung fest, daß die Grenzlinie inzwischen nicht mehr wie in früheren Jahren zwischen marktskeptischen Sozialethikern und marktoptimistischen Ökonomen, sondern quer durch die Fächer verlaufe. Insgesamt zeigte die Tagung, daß das deutsche Bildungssystem vor gewichtigen bildungspolitischen Weichenstellungen – beispielsweise im Blick auf eine stärkere Privatisierung, die Einführung steuernder Marktinstrumente oder die Durchsetzung verpflichtender Gesamt- und Ganztagesschulmodelle – steht; die Tagung zeigte aber auch, daß über die Notwendigkeit derartiger Reformen und deren konkrete Ausgestaltung auch in der sozialethischen Zunft alles andere als Einigkeit besteht. Hier stehen bildungsethisch und bildungspolitisch in den nächsten Jahren noch kontroverse Diskussionen ins Haus.
Die Tagungsleitung lag in den Händen von Dr. Judith Wolf (“Die Wolfsburg”) und Dr. Martin Dabrowski (Franz-Hitze-Haus). Die Beiträge der Tagung sollen im kommenden Jahr in der Reihe “Sozialethik konkret” im Paderborner Verlag Ferdinand Schöningh veröffentlicht werden.
Die Tagung 2008 steht unter dem Thema Globalisierung und findet dann wiederum Ende September in der Akademie Franz-Hitze-Haus in Münster statt.

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Lieber Axel Bernd, herzlichen dank für den Bericht – nach dem Lesen ist es, als ob ich selbst dabei gewesen wäre.