…nun sind es nur noch wenige Wochen bis zum diesjährigen Forum Sozialethik, das vom 10.-12. September 2007 in der Kommende zum Thema Thema “Solidarität und Toleranz- Reflexionen und Anfragen im Kontext christlicher Sozialethik” stattfindet. Um das Programm noch etwas anschaulicher zu machen, finden sich hier die Abstracts zu den Vorträgen:
Dr. Christoph Baumgartner (Utrecht):
Religionsfreiheit und Solidarität statt Toleranz?
Religiöse Toleranz wird häufig als Schlüssel für Probleme gesehen, die aus dem religiös-weltanschaulichen Pluralismus resultieren. Diese Auffassung stelle ich in meinem Beitrag in Frage indem ich eine Verhältnisbestimmung von religiöser Toleranz und Religionsfreiheit durchführe, die in die These mündet, dass zumindest unter Bedingungen einer „starken“ Trennung von Kirche und Staat, wie sie von liberalen Autoren wie Robert Audi verteidigt wird, religiöse Toleranz (seitens des Staates) nicht mehr angemessen ist, sondern vom Recht auf Religionsfreiheit „überholt“ beziehungsweise „aufgehoben“ werden muss. Schließlich wende ich mich der Frage zu, wie eventuelle „Zumutungen“ beziehungsweise „Lasten“, die aus bestimmten religiösen Überzeugungen verbunden sein können, ethisch zu beurteilen sind und wie mit ihnen umzugehen ist. In diese Analyse beziehe ich neben Toleranz und Religionsfreiheit auch das Konzept der Solidarität ein. Dabei überprüfe ich, ob das Konzept Solidarität im Kontext der ethischen Analyse von Problemen, die aus dem religiös-weltanschaulichen Pluralismus resultieren, als Ergänzungsprinzip zum Recht auf Religionsfreiheit fungieren und differenziertere Analysen ermöglichen kann.
Christiane Schraml (Berlin):
Toleranz und Solidarität konkret: Community Organizing in benachteiligten Stadtgebieten
Damit Toleranz und Solidarität als leitende Prinzipien des gesellschaftlichen Zusammenlebens realisiert werden können, bedarf es nicht nur eines rechtlich-institutionellen Rahmens, sondern vor allem auch entsprechender Kommunikationsräume in der Lebenswelt der Bürger. Der gezielte Aufbau von Toleranz- und Solidaritätspraxen in der lokalen Gemeinschaft nährt die sozio-moralischen Ressourcen der Gesellschaft. Im Beitrag werden deshalb in heuristischer Absicht die konkreten Handlungspraxen des Community Organizing in benachteiligten Stadtteilen expliziert und der normative Kern der angewandten Toleranz- und Solidaritätskonzepte kritisch reflektiert. Dadurch soll das Konzept von lokaler Zivilgesellschaft, als Raum demokratischer Wertevermittlung in postmodernen Stadtgesellschaften, normativ konkretisiert werden.
Wolfgang Werner (Mainz):
Solidarität (und Toleranz) im Stadtteil
In so genannten „Stadtteilen mit besonderem Entwicklungsbedarf“, von sozial integrierter Entwicklung abgekoppelt und in eine Abwärtsspirale verwickelt, stellen sich Fragen von Solidarität und Toleranz mit besonders deutlicher Schärfe. Die Krise der sozialen Stadt soll anhand der Wechselwirkungen von System und Lebenswelt analysiert werden. Lebenswelt wird hierbei als die Basis für Solidarität und somit für eine demokratische, nicht durch Codes der Bürokratie und Ökonomie vollständig programmierte Entwicklung verstanden. Zu konkretisieren wird sein, was für Systemimperative in welcher Weise auf die Lebenswelt im Stadtteil einwirken; ein Schwerpunkt wird dabei auf Zusammenhänge mit einer prekarisierten Arbeitswelt gelegt. Vor diesem Hintergrund lassen sich Kriterien solidaritätsfördernder Arbeit im Quartier formulieren, besonders im Hinblick auf die Schaffung von Interaktionszusammenhängen und Gestaltungsspielraum mit den Bewohnern.
Dr. Edeltraud Koller (Linz):
Lebensgestaltung von Frauen heute und die Forderung nach kirchlicher Toleranz und Solidarität
Viele Frauen beklagen, dass die Kirche die vielfältigen Lebenssituationen und -konzepte von Frauen kaum ernst nimmt. Dabei nehmen die einen (v.a. ledige, kinderlose Frauen) wahr, dass die Kirche sich vor allem am Frauenleitbild „Mutter“ orientiert; die anderen (v.a. Mütter) sehen, dass die traditionelle Frauenrolle immer weniger Bedeutung hat und sowohl kirchliche Bewegungen als auch die pastorale Praxis sich hauptsächlich auf das Ideal der berufstätigen, unabhängigen, emanzipierten Frau stützen. Eines der Anliegen von kirchlichen Frauengruppen ist es folglich, die verschiedenen Gestalten von „Frauenleben heute“ wahrzunehmen, sichtbar zu machen und folglich in der Kirche Toleranz von verschiedenen Lebensgestaltungen der Frauen zu fördern. Deutlich ist dabei, dass das Ziel der Toleranz in der Regel mit dem Wunsch nach stärkerer Solidarität sowohl der Frauen untereinander als auch der Kirche mit den Frauen vermischt wird. Dahinter steht m.E. ein grundlegendes Problem, das höchst bedeutsam für die Sozialverkündigung und -praxis der Kirche ist: So sehr die Soziallehre der Kirche die Pflicht zur Solidarität betont, so wenig ist für viele erfahrbar, dass ihre konkrete Lebensweise akzeptiert und toleriert wird und dass Kirche und ChristInnen sich mit ihren realen Lebensproblemen solidarisieren. Dieser Vorwurf des Mangels an Toleranz und Solidarität im Hinblick auf Frauen wird in der Pastoral wie in der Öffentlichkeit immer wieder (implizit und explizit) geäußert. Es ist zu vermuten, dass hier Toleranz und Solidarität tatsächlich in einem Zusammenhang stehen. Allerdings bedeutet das Interesse, den Frauen gerecht zu werden, nicht nur eine Förderung der Wahrnehmung der realen Praxis. Vielmehr wird gerade durch eine starke Interessensorientierung der engagierten Frauen faktisch auch ausgeblendet, dass die Angemessenheit und Tragfähigkeit der Begriffe Toleranz und Solidarität systematisch zu prüfen sind.
Dr. Johannes Frühbauer (Augsburg):
Solidarität im Islam, Buddhismus und Konfuzianismus
Welche Solidaritätskonzeptionen begegnen uns im Islam, Buddhismus und Konfuzianismus? Eine erste exemplarische Erkundung in diesen drei Religionen steht im Mittelpunkt des Beitrags. Dabei wird dieser Erkundung zunächst eine Vergewisserung der Elemente der europäisch-christlichen Solidaritätsvorstellungen vorangestellt. Wie sich zeigen wird, stellen sich im Vergleich gerade diese Solidaritätsvorstellungen als sehr dicht und komplex gegenüber den Konzeptionen in anderen Kulturkreisen und Religionen heraus. Dennoch treten etliche Berührungspunkte zu Tage, die wertvolle Impulse zu einer weiterführenden Studie einer interreligiösen Sozialethik, die es bislang weder in einer allgemeinen Form noch in einer speziellen Konturierung des Solidaritätsbegriffs gibt, ermutigen.
Cornelia Bystricky (Wien):
Die implizite Solidarität in der Sozialdoktrin der Russisch-Orthodoxen Kirche
In meinem Vortrag werde ich zunächst kurz auf das besondere – und nicht ganz einfache – Verhältnis zwischen der Russisch-Orthodoxen Kirche und dem russischen Staat eingehen. Doch hauptsächlich möchte ich versuchen, Strukturen der Solidarität, die in der Doktrin durchaus gegeben sind, herauszukristallisieren, und gleichzeitig erklären, wie schwer das Ringen um diese Sozialdoktrin für die Russisch-Orthodoxe Kirche eigentlich war. Obwohl der Begriff „Solidarität“ ein einziges Mal ausdrücklich genannt wird, darf die „solidarische Wirkung“ der Doktrin nicht unterschätzt werden, ebenso wie die Sozialdoktrin trotz ihrer Schwächen als eine große Errungenschaft gewürdigt werden muss. Der Ort an dem das theologisch geschehen kann, ist die Sozialethik, die, will sie sich als CHRISTLICHE Sozialethik verstehen, immer mehr auch andere (d.h. nicht westlich-europäische) Traditionen berücksichtigen soll und muss.
Dr. Christian Spieß (Münster):
Differenzdenken als Schlüssel zu einer Politik der Solidarität und Toleranz
Während egalitaristische Gerechtigkeitskonzeptionen sich am Gleichheitsideal orientieren, insistieren differenztheoretische Konzeptionen auf die Relevanz der Unterschiede zwischen Individuen, Gruppen, Gemeinschaften etc. Eine gewisse ‚Blindheit‘ gegenüber Differenzen hat in gerechtigkeitstheoretischer Hinsicht natürlich gute Gründe, die man nicht einfach übergehen sollte. Es entsteht also ein gewisses systematisches Dilemma zwischen den Optionen ‚Anerkennung der Differenz‘ und ‚Herstellung und Wahrung der Gleichheit‘. Einen Ausweg bietet der Rekurs auf die Begriffe der Solidarität und der Toleranz: Toleranz zielt auf eine Kulturpolitik der Anerkennung unterschiedlicher Lebensformen und kultureller Orientierungen, Solidarität ermöglicht eine in die Tiefenstruktur sozialer Ungleichheit hineinreichende Sozialpolitik. Die beiden Begriffe muss man dabei nicht gegen eine egalitaristische Gerechtigkeitskonzeption profilieren, sondern kann sie als deren Ergänzung vorschlagen.
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