Liebe alle,
der Call for Papers für unsere diesjährige Tagung vom 10.-12. September 2007 zum Thema “Solidarität und Toleranz- Reflexionen und Anfragen im Kontext christlicher Sozialethik” ist ‘draußen’ ! Trügt der erste Eindruck, nach dem Toleranz eine passive Haltung der Duldung suggeriert während Solidarität in einem aktiveren Sinne das Einschreiten für benachteiligte Andere einfordert? Ist es ausreichend, wenn die beiden Begriffe auf der Ebene der Tugenden verortet werden? Wo werden Solidarität und Toleranz im gesellschaftlichen Leben praktiziert und wo eingefordert?
Zu dieser und verwandten Fragestellungen erwarten wir anregende Beiträge und Diskussionen.
Näheres zu Inhalt und Organisatorischem erfahrt Ihr hier.

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Nur eine Antwort auf die erste Frage: Ich glaube, dass der Eindruck trügt…
Danke schon an dieser Stelle für die Tagungsvorbereitung. Wünsche Euch eine Menge Antworten auf den Call.
Hallo Alexander, hallo Forenteilnehmer!
Hier ist Platz für einen kurzen, ergänzenden Zwischenruf aus (sozial)pädagogischer Sicht.
Alexander F. schrieb:
“Toleranz und Solidarität. Als Haltungen bzw. Tugenden des Individuums sollen sie überall dort wirksam werden, wo staatliche Problemlösungsstrategien versagen”
- Ich versuche, diese Aussage in meinem beruflichen Kontext (Heimerziehung) zu verstehen – und vermute, dass hier ein deutlicher semantischer Reibungsverlust entsteht zwischen dem Konstrukt “Versagen staatlicher Problemlösestrategien” und der evaluativen Einschätzung echter sozialer Hilfeleistungen in konkreten Kontexten. Ich nehme soziale Problemlagen in der Praxis als extrem komplex (viele, zudem oft nicht empirisch abbildbare, Faktoren beeinflussen ein Urteil über Versagen/Nichtversagen einer Hilfe), vielschichtig (Für wen? Zu welchem Bewertungszeitpunkt? Bis wann muss ein “Erfolg” vorhalten, um Erfolg zu sein?) und “im Fluss” (ständig ändern sich subjektive Kriterien und Wahrnehmungen) wahr. Es scheint in diesem Feld praktisch kaum oder nur unter stark einschränkenden Bedingungen möglich, valide Aussagen über (Nicht-)Versagen von Problemlösestrategien zu machen. Damit wird aber die scheinbare Klarheit des obigen Satzes – die Tugenden der Solidarität und Toleranz seien von Individuen zu leisten, wenn/wo staatliche Leitungen nicht erfolgreich greifen (können), wesentlich “verunschärft”.
- Mir scheint also, das Kriterium für das zu fordernde Einsetzen der Tugenden des Einzelnen (“Ab hier: der Einzelne!”) ist zumindest in manchen Bereichen nicht bis zu einem politikfähigen, diskurspotenten Grad zu erhärten. Und doch wünsche ich mir, sozialethische Argumente formulieren zu können, die Leistungen für Menschen in verschiedenen (sozialpädagogisch thematisierten) Nöten einzufordern leichter, begründeter ermöglichen. Ich hoffe, dass solche Argumente einen Sinn haben, der in kirchlich getragenen Einrichtungen verstärkt Gehör finden könnte.
- Und: diese Tugenden sind Teil eines guten pädagogischen Habitus, beschreiben Weisen, den Stil der Begegnung mit dem jüngeren Gegenüber zu füllen. Wer im Kleinen den anderen nicht erträgt (Toleranz), und seines Lebensaufgaben im Konkreten nicht zu auch seiner Sache macht (Solidarität), bleibt ihm fern, bleibt ihm irgendein Anderer – wird also nicht ein relevanter, signifikanter Anderer.
- Beide Tugenden müssen also als Leistungen Einzelner auch innerhalb staatlicher Leistungen als Ausformungen eines sinnvollen, menschenfreundlichen pädagogischen Ethos vorausgeleistet werden.
- Wie aber ließe sich nun Toleranz und Solidarität vor und in “staatlichen Problemlösestrategien” unterscheiden?
In der Hoffnung, für einige anregende Wirrnis gesorgt zu haben -
Ingo Ehret
Eben lese ich im Internet ihren Voraustext zu ihrem Sozialforum 2007, das mich sicherlich interessieren würde. Allerdings muss ich den Kopf schütteln über ihre Definition des Wortes “Toleranz”. Wenn ich im Duden nachschlage, steht da “Entgegenkommen; Duldung, Duldsamkeit” – Toleranz hat also mit Geduld zu tun; Eine persönliche Haltung, die durchaus höchst aktiv ist, auch wenn sie nicht in Aktionismus mündet, wie es gelegentlich bei Solidarität vorkommen mag. Toleranz ist keineswegs eine passive Haltung; mit Gleichgültigkeit auf gar keinen Fall gleichzusetzen oder zu verwechseln. Toleranz bezeichnet auch keineswegs das Minimum gesellschaftlichen Miteinanders, sondern erfordert ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen und Bereitschaft, den Anderen anders sein zu lassen, selbst wenn das Andere einem selbst weh täte. – Vergleichbar finde ich den Begriff “Advent”. Die Zeit des Wartens auf Christus vertun wir ja auch nicht passiv abwartend, sondern unser christliches Verständnis bis zur Wiederkunft Christi fordert eine aktive Übung in christlicher Nächstenliebe. Damit ist auch die Zeit des Wartens eine aktive.- Wenn sie mich fragen, ist Toleranz eine Voraussetzung für jegliche Form der Solidarität, was ja nichts anderes als eine “tätige Unterstützung aus einer Haltung des Verständnisses oder innerer Anteilnahme heraus” bedeutet. Gemeinsam ist ihren beiden Begriffen Toleranz und Solidarität diese innere Anteilnahme an anderen Menschen, die man auch Liebe nennt.
Ich hoffe, dieses semantische Missverständnis ausgeräumt zu haben und verbleibe freundlich
Jutta Bergmoser
Sehr geehrte Frau Bergmoser,
vielen Dank für Ihre Anmerkungen zum Toleranzbegriff. Ich kann Ihrer
Begriffsbestimmung nur zustimmen. Natürlich beschreibt Toleranz keine
passive Haltung. Die zugespitzte Formulierung im Ausschreibungstext
möchte aber zum einen eine mögliche Tendenz anzeigen – nämlich
Gleichgültigkeit fälschlicher Weise mit dem Begriff der Toleranz zu
bemänteln – als auch ein wenig polarisierend Gegenfragen und Statements
zu provozieren, um auf der TAgung einem angemessenen
Begriffsverständnis etwas näher zu kommen. (Denn ganz so eindeutig wie
im Duden werden beide Begriffe in den ethischen Diskursen leider nicht
verwendet.)
Vielleicht sehen wir uns ja auf der Tagung,
mit freundlichen Grüßen
Michelle Becka
Lieber Ingo,
vielen Dank für Deine interessanten Anregungen -
ohne sie abschmettern zu wollen vorab der wichtigste Hinweis: der Call versteht sich keinesfalls als unfehlbar und/oder abschließend, sondern dient dem Gedankenanstoss für Abstracts, deren Inhalt dann in Dortmund diskutiert werden soll. In diesem Sinne hiermit auch an Dich schon die entsprechende Anregung, dass zu Deinem Gedankengang ein Abstract und Referat auf der Tagung sehr willkommen sind!
Zur Einordnung des Satzes ““Toleranz und Solidarität. Als Haltungen bzw. Tugenden des Individuums sollen sie überall dort wirksam werden, wo staatliche Problemlösungsstrategien versagen” in unser Paper. Die Aussage ist von uns gewissermaßen als ‘Sachstandsbefund’ der derzeitigen (sozial-)politischen Debatte getroffen wurden; obwohl sich unser Tagungsthema im September keinesfalls auf die Debatte um den Sozialstaat konzentrieren soll, hatten wir bei der Formulierung dieses Satzes genau diesen Kontext vor Augen. M.E. kann hier tatächlich konnotiert werden, dass Rufe nach Eigenverantwortung ebenso wie des ehrenamtlichen Engagements (nicht nur innerhalb des Staates, sondern auch der Kirchen um eine weiteres Beispielsfeld zu nennen) dann verstärkt wird, wenn die finanziellen Grenzen der innersystemischen Struktur erschöpft sind. In diesem Sinne scheint daher die Klarheit und kritische Ausrichtung des Satzes erhalten – das Individuum wird appellativ an Solidarität und Toleranz erinnert, weil institutionelle Maßnahmen zu deren Umsetzungswege sich als nicht hinreichend erwiesen haben. Dies scheint mir nicht nur zu implizieren, dass die Einzelne hier Vorausleitungen erbringen soll, sondern staatliche Problemlösungen ersetzen soll…
viele Grüße, Christine Oberer
Hallo!
Ja, ich denke auch, dass der erste Eindruck trügt…
Toleranz kann nicht einfach bloße Duldung sein, sondern es geht vielmehr als etwas, das sich schwer in Worte fassen läßt, das sich aber vielleicht als “bejahende Duldung” beschreiben ließe.
Auf alle Fälle ein guter Gedankenanstoß…