Die kirchliche Sexualalethik steckt in einer tiefen Legitimationskrise. Und so nimmt es nicht wunder, dass diese auch innerhalb des innerkirchlichen Dialogprozesses ein wichtiges Thema ist. Ehe und Familie haben in den vergangenen Jahrzehnten gewaltige Wandlungsprozesse durchlaufen, neue Lebensformen sind hinzugekommen – ohne dass dieser Wandel in der kirchlichen Familien- und Sexualethik angemessen reflektiert worden wäre. Wer sich mit familienethischen, sexualethischen oder sexualpädagogischen Fragestellungen beschäftigt, sollte wissen, wie sich die Institution Ehe und Familie im Laufe der Geschichte verändert hat. Nur dann wird er auch zeitbedingte Ausformungen dieser Institutionen bei seiner Urteilsbildung richtig einordnen und einschätzen können.
Der Bonner Genealoge Manfred Kersten hat es unternommen, die verschiedenen Wandlungsprozesse, die Ehe und Familie im Laufe der Geschichte durchlaufen haben, in einem Band zu bündeln, und zwar von der Antike bis zur Postmoderne – einen ähnlichen Band gibt es zurzeit nicht. Kersten nimmt seine Leser auf eine gewaltige Zeitreise, sein Gang durch die Jahrhunderte gleicht einer Art Zeitraffer. Kersten gelingt es, einen kompakten Überblick zu geben, wobei er deutlich zwischen Ehe und Familie unterscheidet. Allerdings hätte man sich mitunter eine stärkere Systematik in den Inhalten und eine stärkere Gewichtung der behandelten Phänomene und Entwicklungen gewünscht. Viele Entwicklungen, Zahlen oder Fakten werden nacheinnder aufgelistet, ohne zu fragen, ob ihnen tatsächlich dieeelbe gesellschaftliche Relevanz zukommt. Der Band listet auf, hält sich mit normativen Gewichtungen aber sehr zurück (außer vielleicht beim Thema Gender, bei dem bevorzugt genderkritische Stimmen herangezogen werden). Doch wer bei Kersten auf bestimmte Stichworte oder Phänomene gestoßen ist, kann von dort aus weiterrecherchieren – was im Zeitalter des Internets schnell zu realisieren ist.
Ehe und Familie haben sich im Laufe der Zeit gewandelt, sie wandeln sich auch derzeit – und sie werden sich weiter wandeln. Der geschichtliche Blick, den Kerstens verfolgt,relativiert so manche kirchliche Panikrhetorik. Ehe und Familie werden überleben, keine Frage. Aufgabe kirchlicher Sexualethik bleibt es, den Wandel dieser beiden Institutionen zu begleiten und zu gestalten.
Manfred Kersten: Ehe und Familie im Wandel der Geschichte. Wie sich die Institutionen von Ehe und Familie in den Jahrhunderten verändert haben. Heimbach in der Eifel: Bernardus 2012, 392 Seiten.
Axel Bernd Kunze (Rez.)
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