Bildung und Erziehung setzen Beziehung voraus. Vielen Erwachsenen fällt es aber zunehmend schwer, tragfähige Beziehungen zu ihren Kindern aufzubauen. Dies meint der Bonner Kinder- und Jugendpsychotherapeut Michael Winterhoff in seinem neuen Buch “Lasst Kinder wieder Kinder sein!”. Die sozialpsychologischen Ursachen hierfür seien vielfältig: Das Leben sei schnelllebiger und unbeständiger geworden, der Entscheidungsdruck habe zugenommen, die Grenzen zwischen Privatleben und Beruf lösten sich auf. Das Web 2.0 gaukle uns eine Entscheidungsfreiheit vor, die mehr ein beständiger Entscheidungsdruck sei – mit belastenden Folgen für unsere Psyche: “Wer ständig Angst vor Fehlentscheidungen hat, gerät unter Stress. Er verliert nicht nur einerseits die Fähigkeit, überhaupt noch sicher zu beurteilen, ob er wirlich eine falsche Wahl getroffen hat, sondern die ständige Stressüberlastung des Gehirns führt andererseits dazu, dass er im weiteren Verlauf tatsächlich in immer größerer Gefahr steht, Fehlentscheidungen zu treffen, weil objektive Entscheidungskriterien eine zunehmend untergeordnete Rolle spielen” (S. 75 f.).
Bestsellerautor Winterhoff (“Warum unsere Kinder Tyrannen werden”, “Tyrannen müssen nicht sein”, Persönlichkeiten statt Tyrannen”) will nicht anklagen oder Schuld zuweisen, sondern aufklären: “Aufklärung über gesellschaftliche Zusammenhänge, die sich auf die Beziehung zwischen Erwachsenen und Kindern auswirken und dafür sorgen, dass Kinder und Jugendliche zunehmend keine Chance haben, sich in einem entscheidenden Bereich ihrer Psyche zu entwickeln” (S. 12). Auf überzeugende Weise macht Winterhoff deutlich, wie struktuelle und sozialpsychologische Fragestellungen zusammenhängen. Gerade das macht sein Buch für Sozialethiker lesenswert. Zunehmend wird Bildung zu Recht als ein sozialethisches Thema wahrgenommen. Doch müssen die besten sozialethischen Anstrengungen im Bildungsbereich ins Leere laufen, wenn sie nicht mit pädagogischen und psychologischen Fragen korreliert werden.
Genau dies mahnt das neue Buch von Winterhoff an. Aus psychologischer Sicht macht der Verfasser deutlich, warum viele Bildungsreformen der vergangenen Jahre ins Leere laufen: “In Grundschulen gehört es heute zum ganz normalen Alltag, dass die ersten Monate nach der Einschulung weniger damit angefüllt sind, mit dem Erlernen des Schreibens, des Rechnens zu beginnen. Bevor es soweit ist, müssen Lehrer sich zunächst einmal damit befassen, einigermaßen sicherzustellen, dass Unterricht überhaupt möglich ist, sprich: zu erreichen, dass der Großteil der Klasse sich auf den Unterricht und den Lehrer konzentriert, ihm zuhört und Regeln akzeptiert, ohne die eine Klassengemeinschaft nicht funktionieren kann. Dazu sind heute immer weniger Kinder in der Lage, weil ihnen die notwendigen Entwicklungsschritte der Psyche im sozialen und emotionalen Bereich fehlen. Der Lehrer wird dadurch nicht als Lehrer erkannt, das Gleiche gilt für Strukturen und Abläufe, die für den Lernerfolg notwendig sind” (S. 9 f.).
Michael Winterhoff plädiert für eine “Rückkehr zur Intuition” in unserem Bildungs-, Erziehungs- und Familiensystem. Dabei legt er kein pädagogisches Rezeptbuch vor, davon gibt es schon genug. Theologisch kann sein Anliegen als Ruf zur Umkehr interpretiert werden – und diese gelingt nur im individuellen Durchdenken und Überdenken unserer gegenwärtigen Lebensweise. Die streitbaren Thesen Winterhoffs sind es wert, auch bildungsethisch diskutiert zu werden.
Michael Winterhoff (Rez.): Lasst Kinder wieder Kinder sien! Oder: Die Rückkehr zur Intuition, in Zusammenarbeit mit Carsten Tergast, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2011.
Axel Bernd Kunze (Rez.)
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